Der StZ-Leserbeirat diskutiert mit der Chefredaktion Mehr Menschen ins Blatt und querdenken

Von  

Die Stuttgarter Zeitung hat mit ihrem Leserbeirat ein Gremium, das „ihre StZ“ leidenschaftlich liebt, aber auch mit dem Chefredakteur, Joachim Dorfs, hart ins Gericht geht. Das haben die sechs Männer und vier Frauen am Dienstag bei der Debatte über die große Leserstudie Lesewert durchaus wieder gezeigt.

Martin Huttenlocher (links) im Gespräch mit  CvD, Frank Schwaibold (stehend). Christoph Scharf, Andreas Engelke,  Lukas Robert hören gespannt zu. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Martin Huttenlocher (links) im Gespräch mit CvD, Frank Schwaibold (stehend). Christoph Scharf, Andreas Engelke, Lukas Robert hören gespannt zu. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Doris Helzle ist Mathematikerin und Mediatorin. Unbestechliche Klarheit trifft bei der Leserbeirätin also auf Ausgleich und Empathie. Sie sagt: „Die Zeitung kann getrost auf reine Zahlen, Daten, Fakten verzichten. “ Diese Informationen kämen im Gehirn kaum an, haben keine Verbindung zum limbischen System, das für unsere Gefühle zuständig ist. Aber jeder Werbestratege weiß es längst: Was mit Emotionen verbunden ist, bleibt. Von dort aus gebe es geradezu „Autobahnen“ zum Verstand.

Überraschende Ergebnisse

Dieser Rat trifft beim Chefredakteur der StZ, Joachim Dorfs, auf Interesse. Auch die aktuelle Leserstudie weist diesen Weg. „Lesewert“ hießt die Untersuchung, bei der 240 Leser drei Monate lang genau dokumentiert haben, welche Artikel sie wie weit gelesen haben – oder nicht. Am Dienstag hat der Leserbeirat, ein Gremium aus engagierten Lesern, das sich zweimal im Jahr zum Austausch trifft, über die Ergebnisse von Lesewert mit Joachim Dorfs und Frank Schwaibold diskutiert, der Chef vom Dienst hat die Studie koordiniert.

Die Ergebnisse überraschten in vielerlei Hinsicht: Zum Beispiel interessierten sich die Teilnehmer extrem für (bunte) Geschichten aus Baden-Württemberg, goutierten sehr lange Stücke wie auf der Reportageseite oder den Essay auf der samstags erscheinenden „Brücke zur Welt“ sehr und lasen zum Beispiel das Titelstück der Dritten Seite weniger als den Beitrag unten auf derselben Seite. „Dafür haben wir zum Beispiel keine rechte Erklärung“, sagte Frank Schwaibold. Aber im Leserbeirat gibt es nicht umsonst einen ehemaligen Kriminalkommissar: „Die Titelgeschichte der Dritten Seite ist oft eine Fortführung eines Nachrichtenthemas von der Titelseite. Das untere Stück aber ist neu“, mutmaßte Wolfgang Schimpeler.

Nur noch Sex and Crime?

Frank Schwaibold zeigte den Leserbeiräten auch, welche Texte am meisten gelesen wurden, einiges davon stammte aus dem Bereich Sex and Crime. Das bemerkten die Leserbeiräte mit Sorge.

„Sie werden jetzt nicht nur noch aufschreiben, was die Leser auch lesen? Ich glaube, dass wir vieles lesen ,müssen‘, um die Welt zu begreifen“, fragte Christoph Scharf direkt. Andreas Bauer fügte hinzu: „Mich nervt diese Personalisiererei im Netz gewaltig. Ich will nicht nur hören, wie recht ich habe.“ Ein Beispiel dafür, wie die StZ ihn jüngst verblüfft habe: „Ich hätte nie geglaubt, dass ich mal was mit Begeisterung lesen würde zum Thema Historikertag. Der Text von Armin Käfer dazu war klasse.“

Joachim Dorfs gab Entwarnung: „Wir orientieren uns an Lesewert und nehmen sehr ernst, was uns die Leser mitgegeben haben. Aber wir wollen keine Lesewert-optimierte Zeitung machen.“ Er habe keine Probleme mit Texten, die während der Studie von weniger Lesern gelesen wurden. „Was ich dann aber erwarte, ist, dass die Texte so gut geschrieben sind, dass diese Leser das Stück dann bis zum Ende lesen.“ Und zu hören, was für die Leser Relevanz habe – das sei sehr hilfreich für die eigene Arbeit. Relevanz für die Meinungsbildung oder die Auflage, fragte der Leserbeirat Andreas Engelke nach. Joachim Dorfs: „Relevanz bedeutet für uns: Hilft mir der Text, dass ich zum Beispiel besser zur Arbeit komme, meinen Alltag besser bewältige oder weiß, wie ich mein Haus besser dämmen kann.“

„Menschen sind empfänglich fürs Nachplappern“

Der Chefredakteur nahm die Leserbeiräte in seine Überlegungen mit: Würden sie gemeinsam auf zehn Texte blicken, wäre man bei acht Texten sicher einer Meinung, ob diese bedeutsam seien. „Trotzdem sage ich eines ganz klar: Es kann in der StZ nicht ausschließlich um praktischen Nutzwert gehen. Wir brauchen auch Beiträge, die politisch bedeutsam sind, ohne gleich unmittelbare Auswirkungen auf das Leben der Menschen zu haben, oder unterhaltsame Stücke.“

Derselben Meinung wie die 240 Lesewert-Leser waren die Leserbeiräte bei vielen Themen: Komplexe Sachverhalte lassen sich viel besser begreifen, wenn man sie strukturiert, indem der Journalist stellvertretend für den Leser Fragen stellt und beantwortet. Auch forderten die Leserbeiräte, die Zeitung möge häufiger „den anderen Blick“ annehmen. Doris Helzle: „Wir Menschen sind anfällig fürs Nachplappern, aber das Gegenteil wünsche ich mir von meiner StZ.“ Sie nannte den Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015, als kaum jemand kritisch berichtet habe. Dorfs gab der Leserbeirätin recht und nannte selbst Beispiele: die Wahl Donald Trumps oder den Brexit. Wenn man wie in diesen Fällen vor allem mit den Menschen aus Washington oder London spreche und nicht in die ländlicheren Gegenden fahre, blende man einen großen Teil der Realität aus. „Das wollen wir besser machen. Gut sind wir, wenn wir eine andere Sichtweise annehmen und mit Bekanntem brechen. Und wenn wir in der Lage sind, unseren Lesern etwas zu erzählen, von dem sie noch gar nicht wussten, dass es sie interessiert.“