Der tödliche NSU-Anschlag in Heilbronn Die Zweifel kann keiner ausräumen

Von Stefan Geiger 

Die Glaubwürdigkeit der Ermittler im Heilbronner Mordfall ist angekratzt. Bis heute haben sie kein überzeugendes Motiv für die schockierende Bluttat der rechten Terrorbande NSU liefern können.

25. April 2007: Kriminaltechniker untersuchen den Tatort in Heilbronn. Weitere Informationen zum Fall NSU sehen Sie in unserer Bildergalerie. Foto: dpa 26 Bilder
25. April 2007: Kriminaltechniker untersuchen den Tatort in Heilbronn. Weitere Informationen zum Fall NSU sehen Sie in unserer Bildergalerie. Foto: dpa

München - Das Risiko, entdeckt zu werden, ist enorm hoch. Der Fuß- und Radweg unmittelbar neben dem Tatort auf der Heilbronner Theresienwiese ist an diesem frühen Nachmittag des 25. April 2007 belebt. Bereits wenige Minuten nach dem Mord fällt mindestens vier Passanten das Polizeiauto mit den offenen Türen auf und die Polizistin, deren Oberkörper aus der Öffnung des Wagens heraushängt. Ein Zeuge glaubt zunächst, die Frau sonne sich, ein anderer vermutet, sie schaue unter dem Wagen nach irgendetwas. Doch rasch erkennen sie das viele Blut. Die Beamtin regt sich nicht mehr.

Vom benachbarten Stellwerk haben vier Fahrdienstleiter einen genauen Überblick über die Theresienwiese; sie müssten den Mord beobachten, würden sie in diesem Augenblick durch die großen Scheiben nach unten schauen. Zwei Bahnbediensteten fallen eine halbe Stunde vor der Tat zwei junge Männer mit Fahrrädern auf, die sich aufgeregt unterhalten, möglicherweise auch streiten – und genau auf den späteren Tatort schauen können. Die nur grobe Beschreibung könnte auf die NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos passen. Zur Tatzeit hören diese Bahnbeamten dann zwei laute Knallgeräusche, die sie irrtümlich als einen Reifenplatzer interpretieren. So lauten die Zeugenaussagen in dieser Woche im Münchner NSU-Prozess.

Der zehnte Mord der rechten Terrorbande

Daran, dass an diesem Tag die rechte Terrorbande NSU ihren zehnten Mord verübt, kann es aufgrund vieler Indizien keine vernünftigen Zweifel mehr geben. Die Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter wird ge­tötet, ihr Kollege Martin A. überlebt mit schwersten Verletzungen.

Viereinhalb Jahre später, am 7. November 2011, haben Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die in Heilbronn den Polizisten entwendeten Dienstwaffen in ihrem Campingmobil dabei, mit dem sie von einem ganz gewöhnlichen Banküberfall in Eisenach zu fliehen versuchen. Vieles spricht dafür, dass die beiden Täter wollen, dass diese Waffen als Erstes entdeckt werden in der Stunde ihres Selbstmords, den sie für den Fall einer Entdeckung geplant haben. Es soll ein Fanal sein: Schaut alle her. Wir sind die Polizistenmörder. Und so kommt es schließlich auch.

Ein Beamter berichtet in München, dass in dem ausgebrannten Campingmobil als Erstes die Dienstwaffe von Martin A. gefunden wird. Sie ist durchgeladen. Sofort ist klar, dass es sich um eine Polizeiwaffe handelt. Und rasch steht fest, dass sie von der so lange rätselhaft erscheinenden Gewalttat in Heilbronn stammt. Erst Stunden später werden die beiden Leichen geborgen. Auch Kiesewetters Waffe und zwei Pumpguns werden rasch entdeckt.

Kaum einer weiß von der Existenz des NSU

Der Terror will Angst und Schrecken verbreiten. Eine in der Bevölkerung aufwallende Panik soll die Umwälzung der bestehenden politischen Verhältnisse ermöglichen. Das ist die absurde Logik. Dafür braucht es  keine Bekennerschreiben, aber der Terror muss als Terror erkennbar sein. Der NSU hat vor Michèle Kiesewetter neun Menschen mit ausländischen Wurzeln ermordet, mindestens zwei Bombenanschläge begangen. Aber die Fahnder erkennen all diese Verbrechen gar nicht als Terrortaten. Außer ganz wenigen Eingeweihten ahnt niemand von der Existenz des NSU. Die Mörder werden über elf Jahre hinweg nicht entdeckt.

Mit jeder Tat müssen deshalb die Allmachtsfantasien der Terroristen steigen. Sie gewöhnen sich an das Töten, sie suchen das Risiko. Anfangs wählen sie noch abgelegene oder einsame Tatorte, am Ende, 2006 in Kassel, morden sie in einem Internetcafé, in dem sich etliche Besucher befinden. Sie fordern ihre Entdeckung geradezu heraus. Aber gleichzeitig müssen sie erkennen, dass aus ihrer Sicht die Ideologie des Terrors gescheitert ist: Es gibt nicht den Ansatz einer öffentlichen Unruhe, im Gegenteil, die deutsche Bevölkerung reagiert auf neun Morde an Bürgern, die aus der Türkei und Griechenland stammen, mit Gleichgültigkeit.