„Der Würgeengel“ im Stuttgarter Schauspielhaus Europa kriegt die Krise

Tanz den Virus: die Situation am Brüsseler Konferenztisch entgleist. Foto: Thomas Aurin/Schauspiel Stuttgart

Das Stück zum Lockdown: Im Stuttgarter Schauspielhaus inszeniert der ungarische Regisseur Viktor Bodó den „Würgeengel“ nach dem Filmklassiker von Luis Buñuel. Aus dem Kommentar zur Pandemie macht er eine bissige Satire auf die Brüsseler Bürokratie.

Stuttgart - Europa steckt in der Krise. Ein Gipfel muss her. Eiligst wird der große Konferenzsaal vorbereitet. Reihum desinfiziert die Saaldienerin die Mikrofone, die auf dem runden, die Bühne beherrschenden Konferenztisch stehen. Dann schnell der Mikrocheck „Eins, zwei, eins zwei“ aus der Übersetzerkabine des von Lili Izsák mit allen Schikanen ausgerüsteten Saals – und schon trudelt ein Gipfelteilnehmer nach dem anderen ein, lässt sich vom Scan die Pupillen vermessen, blickt zum riesigen, überm Konferenztisch angebrachten Bildschirm und wartet auf seinen Namen. Dann darf er rein in die Sitzung, die bis in die erkennungsdienstliche Behandlung so perfekt organisiert ist, dass nichts schiefgehen kann. Eigentlich.

 

Aber wir sind in Brüssel – und im Stuttgarter Schauspielhaus in den Händen des ungarischen Regisseurs Viktor Bodó, der allen Grund hat, den EU-Gipfel mit Karacho scheitern zu lassen. Von Brüssel hält er nicht viel, weil es dem Treiben der autoritären Orbán-Regierung tatenlos zusieht, diesen aus Lügen, Heuchelei und Korruption bestehenden Machenschaften, die Leben und Alltag in seinem Heimatland wie einen absurden Albtraum erscheinen lassen. Und Bodó fügt das eine zum andern: Er inszeniert das versagende, sich in Pannen auflösende Kriseneuropa als halbstündig ausgreifendes Vorspiel zum surrealistischen Filmklassiker „Der Würgeengel“ von Luis Buñuel – und hofft damit auf einen aktuellen Kommentar zur Pandemie, für den das 1962 in Mexiko gedrehte Meisterwerk freilich die passendste aller Steilvorlagen gibt.

Babylonische Sprachverwirrung

Buñuel beschreibt, modern gesprochen, einen Lockdown. Souper im Hause der Nobiles. Die gesellschaftliche Elite ist versammelt, Politiker, Offiziere und Industrielle, Ärzte und Künstler. Merkwürdigerweise verlassen aber die Bediensteten, nachdem sie das Essen vorbereitet haben, fluchtartig die Luxusvilla. Der Abend entwickelt sich mit Speis und Trank, Gesang und Tischreden trotzdem normal, bis schließlich die ersten Gäste gehen wollen, es aber partout nicht können: Niemand kommt über die Schwelle des Salons, sie stoßen an eine unsichtbare Mauer. Tagelang harren sie auf engstem Raum aus – und je verzweifelter sich die Bourgeoisie an ihre Etikette klammert, desto mehr entgleisen Gefühle, Reden und Handlungen. Den Eingesperrten sitzt der „Würgeengel“ an der Gurgel – warum, weiß der Teufel, aber nicht der atheistische Katholik Luis Buñuel, der jede Begründung für seinen surreal ausgestalteten Lockdown verweigert.

Fast fünfzig Jahre später weiß Viktor Bodó in seinem sehr, sehr komischen Vorspiel mehr: „Es geht um nichts weniger als eine auf Basis konsensualer Entscheidungen erarbeitete, aufeinander abgestimmte Offensive zur Bezwingung einer weltumfassenden Epidemie“, sagt der Vorsitzende des Corona-Krisengipfels, der von Michael Stiller gespielte Edmund Nobile. Er sagt es auf Englisch, danach übersetzt es die auch für Hygiene zuständige Saaldienerin Gloria, die zuvor die Mikros sterilisierte, ins Deutsche. Zuvor hat auch Nobile seinen mit Politsprech glänzenden Satz schon in die elfköpfige Runde gesprochen, allerdings mit abgedrehtem Mikro, was eine Wiederholung notwendig macht – unscheinbare Störfälle, die sich beim Pandemiegipfel aber derart häufen, dass aus Europa ein verseuchtes Absurdistan wird, worin bald mehr herrscht als nur eine babylonische Sprachverwirrung.

Merkel spielt super mit

Sachte, mit feinem Timing und witzigen Ideen kippt der an Kafka geschulte Bodó die Konferenz in die Farce. Via Zoom erscheint Merkel auf der Leinwand, schaut verdutzt in die Kamera, dreht an Knöpfen, bleibt stumm wie Nobile und fragt dann: „Könnt ihr mich hören?“ – ein derart virtuos in die Szene eingebauter Archivfund, dass man glauben möchte, die Kanzlerin habe dem Stuttgarter Projekt ihre Mitarbeit versprochen. Putin, Kim Jong-un und Boris Johnson wählen sich ebenfalls ein und reden, wenn sie nicht schweigen, Unsinn – so wie die physisch anwesenden Corona-Kämpfer, die nach allen Regeln des gepflegten Diskurses die aktuelle Uhrzeit bestimmen wollen: Vorschlag, Gegenvorschlag, Debatte und Kompromiss, der verworfen wird. Stiller/Nobile entscheidet: „10 Uhr.“ – „Abends oder morgens?“, fragt die Runde zurück.

Ja, mit dieser Konferenz lässt sich keine Krise bewältigen. Sie selbst ist die Krise. Doch schon bald finden der ritualisierte Applaus, das hysterische Lachen und die zwangsneurotischen Sprachhandlungen ein Ende in jenem Stromausfall, der die Ankunft des „Würgeengels“ ankündigt. Der geniale, vom Regisseur und seinen beiden Dramaturgen ersonnene Brüsselprolog ist vorbei – und auf der Leinwand erscheint der Titel des Films, dem die Inszenierung fortan textnah folgt. Was im Vorspiel schlank und flink angelegt wurde, mündet jetzt nach Ausflügen in die schrullige Horrorkomödie breit und schrill in ein lärmendes Inferno. Die Demaskierung der Bürger, die Aushöhlung ihrer Umgangsformen, der Rückfall in vorzivilisatorische Barbarei: um an seinem Inszenierungsziel keine Zweifel zu lassen, greift Viktor Bodó nun zu allen sich bietenden, meist sehr drastischen Mitteln.

Höllenbilder von Bruegel und Bosch

Wie in den verwimmelten Höllenbildern von Bruegel und Bosch ist plötzlich mächtig was los im Konferenzsaal. Fleißig durchchoreografiert feiert die wenig diskrete Bourgeoise Technopartys, sie trägt Rapbattles aus, singt Popschnulzen, verspeist Gotteslämmer, bringt Menschenopfer dar und hält okkulte Sitzungen ab. Psychedelische Filme laufen, kratzende Geigen spielen, düstere Nebel steigen auf – ästhetisch ein Mash-up aller Stile und Genres, inhaltlich ein Tohuwabohu, das die Temperatur steigen und die Hüllen fallen lässt. Orgien und Ekstasen, die im Immergleichen der Effekthascherei aber so zäh und langatmig werden, dass man sich irgendwann doch das Ende des neunzigminütigen „Würgeengels“ herbeisehnt.

Viktor Bodó fängt stark an und lässt stark nach. Seine Satire auf den Politikbetrieb im Allgemeinen, die Brüsseler Bürokratie im Besonderen trifft mit subtiler Wucht ins Schwarze. Seine hochmögende Höllenfahrt in den Lockdown aber endet im Nirgendwo. Da sagt ein schlichter Blick in den Zuschauerraum des Schauspielhauses schon mehr aus. Zwischen schwarz verhängten Stühlen sitzt ein trauriges Viertel der sonst zulässigen 667 Zuschauer im Würgegriff von Corona. Premierenstimmung will da nicht aufkommen.

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