Designmesse Blickfang in Stuttgart Schmuckes Design

Geduld ist nötig, um beim Guillochieren derart feine, regelmäßige Linien zu erzielen. Schmuckstück, gestaltet von Christiane Köhne. Auf der Designmesse Blickfang in der Stuttgarter Liederhalle vom 28. bis 30 Oktober zu sehen. Foto: Köhne/Hersteller/Rolfes

Gold, das glänzt: Wie die Stuttgarter Designerin Christiane Köhne auf einer alten Maschine eine fast vergessene Gravourtechnik zeitgemäß interpretiert. Diese und andere Schmuckstücke sind auf der Designmesse Blickfang in Stuttgart zu entdecken.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Stuttgart - Guillochieren. Dass klingt brachial und ein bisschen nach der Tätigkeit, bei der einst Köpfe von Körpern getrennt wurden. Doch wer guillochiert, schafft Schönes. Es ist eine alte Gravurtechnik; Millimeterarbeit, die Gold zu unglaublichem Glanz verhilft.

 

Wenn man die schwerfällig wirkende, robuste Gerätschaft sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass daraus so feinst ziselierte Linien, Ornamente aus geometrischen Formen entstehen wie dann, wenn Christiane Köhne an so einer Maschine sitzt. Sie hat in Pforzheim nach einer Ausbildung zur Goldschmiedin Schmuck-Design an der Hochschule studiert, Malerei kam während des Studiums hinzu.

Guillochieren ist eine alte Gravourtechnik

Schmuck fernab konventioneller Vorstellungen, in extremen Formen und dadurch nicht wirklich tragbar, aus Kunststoffen und unedlen Materialien hatte sie auf Werkschauen der Hochschule gesehen. „Mich hat das begeistert, was Schmuck alles sein kann. Die künstlerische Freiheit, die wir während des Studiums hatten, habe ich sehr genossen.“

Auf die Guillochiertechnik kam sie nach ihrem Diplom 2008 während eines Stipendiums im Jahr 2012 am Deutschen Technikmuseum in Berlin. Früher wurde diese Technik für Fabergé-Eier und zur Zierde von Taschenuhrdeckeln, Fingerhüten, Dosen verwendet. In den 1950ern kam das aus der Mode, heute sind nur noch wenige dieser Maschinen im Einsatz, gebraucht werden sie etwa von Uhrmachern für Zifferblätter.

Es steht eine Maschine in dem Kreativzentrum EMMA in Pforzheim, wo Christiane Köhne solche Schmuckstücke fertigt. Zwar müssen Goldschmiede ohnehin stets sehr genau arbeiten, bei dieser Technik aber ist extrem viel Geduld nötig. Es wird alles von Hand eingestellt an dieser Weiterentwicklung einer Drehbank, jedes Rädchen, jede Ratsche. Die Maschine hält das Metallplättchen, während mit dem Stichel die feine Gravur hineingeschnitten wird.

Eine meditative Arbeit

„Je komplizierter das Muster ist, desto mehr Einstellungen sind an der Maschine nötig. Ich muss mir die Abstände merken, damit sie gleichmäßig sind, und mich extrem konzentrieren. Ich liebe diese immer gleichen Abläufe, es ist eine meditative Arbeit.“

Auch bei Eheringen kommt zuweilen eine alte Technik zum Einsatz: Millegriffe, eine aufwendige Konturenverzierung, die ihren Höhepunkt in der Zeit des Jugendstils und des Art déco hatte. Wenn das nur einer der beiden Heiratswilligen liebt, bekommt der andere gern einen ganz schlichten Ring.

„Manchmal haben Paare nicht denselben Geschmack und warum sollen die Partner nicht unterschiedliche Ringe tragen? Sie wissen ja, dass sie zusammengehören“, sagt Christiane Köhne. „Und da ich die Ringe individuell anfertige, ist das kein Problem.“ In diesem Jahr, berichtet die Designerin, seien besonders viele heiratswillige Menschen zu ihr ins Kabinett in der Stuttgarter Calwer Straße gekommen.

„Ich finde es schön, diesen direkten Kontakt und das Feedback der Kundinnen und Kunden. Für mich war immer klar, dass ich selbstständig arbeiten und eigene Ideen umsetzen will. Angestellt zu sein, Entwürfe anderer auszuführen, hätte mich nicht glücklich gemacht. Dass ich meinen Weg verfolgen und selbstbestimmt arbeiten und leben kann, empfinde ich als Privileg.“ Es ist eines. Und es macht auch Schmuckliebhaber froh.

Romantische Geschichte

Gute Gefühle, Glück und Liebe sind auch in der Arbeit der sich im Luxussegment bewegenden, familiengeführten Firma Wellendorff aus Pforzheim im Spiel. „Aus Liebe das Beste“ ist die Losung.

Die bekannte Wellendorff-Kordel (feine ineinander verschlungene Goldfäden) wurde erfunden, weil Eva, die Ehefrau von Firmenchef Hanspeter Wellendorff, ein samtweiches Schmuckstück wünschte, das an die Samtkordel im Haus der Großmutter erinnerte. So lautet zumindest die romantische Geschichte.

Federndes Gold

Patentiert wurde jüngst eine Sensation – federndes Gold. Zwar glänzt Gold toll, aber beweglich ist es eben nicht. Die Wellendorffs wollten aber für Frauen – und Männer – ein Band kreieren, das sie nicht umständlich mit kleinem Schloss am Handgelenk befestigen müssen, sondern das auf und zu federt.

Nach langjähriger Forschung war es so weit, das Patent zu federndem Gold angemeldet. Neben Exponaten aus der Etruskerzeit glänzt nun ein solches Armband in einer Glasvitrine als Beispiel zeitgenössischer Juwelierskunst im Schmuckmuseum in Pforzheim.

Die Vorfreudezeit auf Einzelstücke, egal ob federnde Armbänder oder guillochierte Ringe, beträgt bisweilen mehrere Wochen. Kunst braucht Zeit, egal ob sie dank innovativer Technik oder auf einer alten Maschine entsteht.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Ein Porträt der Schmuckmanufaktur Wellendorff.

Info

Designmesse
Die Designerin Christiane Köhne ist mit ihrem Schmuck im Kabinett in der Calwer Straße 54 in Stuttgart und vom 28. bis 30. Oktober auf der Designmesse Blickfang in Stuttgart in der Liederhalle vertreten. Die Designerinnen und Designer auf der Blickfang Messe verantworten ihre Entwürfe von der Idee bis zum Produkt und zum Vertrieb. Auf der Messe sind auch Mode- und Möbel-Designer vertreten, Produkte können dort gekauft oder bestellt werden. Im Internet findet sich ein Online-Shop.

Aus der Schmuckbranche sind unter den regional ansässigen Designern zudem Anna Bánkuti von Anzu Jewelry aus Stuttgart, die fein gezeichnete Motive für ihre Schmuckstücke – darunter Manschettenknöpfe – verwendet. Außerdem zu entdecken sind filigran schlichte Objekte von Anja Schimers aus Stuttgart. Und von Heike Lessing mit ihrem Label Machbar und Schön aus Leonberg, die als Basis für ihre Schmuckstücke 925 Sterlingsilber verwendet.

Schmuckstadt Pforzheim
Rund 80 Prozent der in Deutschland produzierten Schmuckstücke stammen aus Pforzheim. Hier sind bekannte Juweliere wie Wellendorff und Chopard ansässig. Die Pforzheimer Goldschmiedschule mit Uhrmacherschule, gegründet im Jahr 1767 von Markgraf Karl Friedrich von Baden-Durlach, gilt als erste Berufsschule der Welt. Die Fakultät für Gestaltung der Hochschule in Pforzheim bietet zudem Schmuck als Studiengang an. Im Kreativzentrum EMMA arbeiten auch Schmuck-Designer, Christiane Köhne etwa fertigt hier Schmuck an der alten Guilloche-Maschine.

Schmuckmuseum
Pforzheim besitzt das einzige reine Museum der Geschichte des Schmucks. Das Schmuckmuseum befindet sich im Reuchlinhaus, entworfen 1961 nach Entwürfen des Architekten Manfred Lehmbruck, errichtet im „International Style“. Rund 2000 Exponate zeigen Schmuckkunst aus fünf Jahrtausenden, von der Antike bis zur Gegenwart. Dort ist als Leihgabe je ein hochwertiges Beispiel des neuen Patentes – das Armband aus federndem Gold – von Wellendorff zu besichtigen.

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