Deutsch-Französische Versöhnung Die ersten Europäer

Der französische Außenminister Aristide Briand (li.) und sein deutscher Amtskollege Gustav Stresemann Foto: imago/Historical Views

Mitte der 1920er Jahre strebten Aristide Briand und Gustav Stresemann nach einem europäischen Staatenbund. Der wurde aber erst nach der zweiten Katastrophe des Jahrhunderts Realität.

In der Abgeschiedenheit eines Wirtshauses im Dörfchen Thoiry in der Nähe des Genfer Sees muss es passiert sein, dass der Deutsche und der Franzose einander plötzlich verstanden. Während die Wirtin eine Kostprobe ihrer Kochkunst gab, fand zwischen dem deutschen Außenminister Gustav Stresemann und seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand das vielleicht verständnisvollste Gespräch statt, das zwei Politiker beider Länder bis dahin geführt hatten.

 

Im Jahr 1925 war das alles andere als die Regel. Sieben Jahre zuvor war man auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs in inniger Feindschaft auseinandergegangen. Bleiern lasteten die Bedingungen des Friedens von Versailles auf den Beziehungen. Und die Besetzung von Rhein und Ruhr durch französische Truppen war den Deutschen ein schmerzender Stachel im Fleisch.

Aus Partnern werden Freunde

Was aber Stresemann und Briand auskungelten, sollte nicht nur ein Schritt zur Heilung der alten Wunden sein. Die beiden Staatsmänner verfolgten ein größeres Ziel: Den Frieden wollten sie auf lange Sicht sichern, indem sie der jungen Republik von Weimar einen Platz unter den europäischen Völkern verschafften.

Die Geheimsitzung von Thoiry machte Stresemann und Briand nicht nur zu Partnern, sondern auch zu Freunden. Dabei waren sie sehr verschiedenartige Männer. Der Sozialist Briand, 1862 im Zweiten Kaiserreich geboren, war in den Matrosenkneipen seiner Eltern in Nantes und Saint-Nazaire aufgewachsen. Nach dem Studium der Rechtswissenschaft zunächst als Anwalt tätig, entschloss sich der junge Advokat, sich der Politik zuzuwenden.

Elfmal Regierungschef, 23-mal Minister

1902 wurde Briand Abgeordneter, 1906 zog er zum ersten Mal in ein Kabinett ein. Von nun an gab es kaum mehr eine Regierung, in der der schnauzbärtige Franzose nicht Sitz und Stimme hatte. Er war im Laufe seines Lebens elfmal Regierungschef und 23-mal Minister. Sein besonderes Augenmerk freilich hatte Briand nach eigener Aussage darauf gerichtet, „Europa zu organisieren“.

Der liberale Stresemann war als Untertan eines Monarchen zur Welt gekommen, der während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 im Spiegelsaal von Versailles zum Kaiser proklamiert worden war. Der 1878 geborene Sohn eines Flaschenbierhändlers strebte zunächst eine Karriere in der Wirtschaft an. So arbeitete er nach dem Studium der Geschichte und Nationalökonomie von 1902 bis 1918 als Syndikus des Verbands sächsischer Industrieller.

Stimmungswandel nach der Niederlage

Von 1907 bis 1912 und dann wieder vom Dezember 1914 an gehörte Stresemann als Nationalliberaler dem Reichstag an. Als Benjamin des Parlaments verfocht er in außenpolitischen Fragen einen entschieden nationalen Kurs. Bald war er engster Mitarbeiter des Parteiführers Bassermann, und nach dessen Tod 1917 Vorsitzender der Reichstagsfraktion.

Im Ersten Weltkrieg gehörte Stresemann zu den Annexionisten, die forderten, das Staatsgebiet durch Eroberungen zu vergrößern. Als der Reichstag sich im Juli 1917 für den Frieden aussprach, stimmte er dagegen. Der Zusammenbruch von 1918 bewirkte einen Stimmungswandel. Im Dezember 1918 gründete Stresemann die Deutsche Volkspartei. Am 13. August 1923 wurde er Reichskanzler.

Gegner der Versailler Vertrags

Eine solche Wandlung musste Briand nicht vollziehen; übertriebener Patriotismus war ihm suspekt. Als Kriegsminister von 1915 bis 1917 mühte er sich um Schadensbegrenzung, nach dem Krieg trieb er die Friedensbemühungen an und unterstützte den Völkerbund. 1922 musste er als Premierminister zurücktreten, weil er ein Gegner des Versailler Vertrags war – er hielt die Bedingungen, die Deutschland auferlegt worden waren, für zu hart.

So kamen Briand und Stresemann zusammen. Der Deutsche hatte am 23. November 1923 als Reichskanzler zurücktreten müssen, weil die SPD die Koalition verließ, er blieb jedoch Außenminister. Sein Blick richtete sich nun immer öfter nach Paris, wo sich der Sozialist Briand mühte, gegen den heftigen Widerstand vieler Franzosen die Rheinlandbesetzung zu beenden, die er als Hindernis auf dem Weg zur Aussöhnung erkannt hatte.

Der Weg in den Völkerbund

Am 16. Oktober 1925 war es so weit: In Locarno wurden die Vereinbarungen zwischen Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien über ein Sicherheitssystem unterzeichnet. Für Deutschland ebnete dieser Vertrag den Weg in den Völkerbund. Briand und Stresemann aber wussten, dass es bei der bloßen Deklamation nicht bleiben konnte.

In Thoiry suchten sie die Aussöhnung durch konkrete Absprachen zu festigen. Die Reparationszahlungen sollten so fließen, dass über den internationalen Geldmarkt zugleich der französische Franc stabilisiert werden konnte. Deutschland sollte mit Belgien über das im Krieg verlorene Gebiet von Eupen-Malmedy verhandeln dürfen. Zudem war auch die Räumung des Rheinlands ein Thema.

„Vereinigte Staaten von Europa“

Dem Höhenflug folgte jedoch schnell bittere Enttäuschung. Briands Regierung stimmte den Absprachen von Thoiry nicht zu. Das Klima der deutsch-französischen Beziehungen sank auf einen Tiefpunkt, zumal Briand und Stresemann sich dabei aufrieben, die politischen Gegner im eigenen Land in Schach zu halten.

So wurde der europäische Einigungsprozess immer weiter hinausgezögert. Erst knapp vier Jahre nach den ersten Schritten von Locarno war endlich der Augenblick gekommen, da Briand und Stresemann vor dem Völkerbund einen konkreten Vorstoß in Richtung „Vereinigte Staaten von Europa“ unternehmen konnten.

Endes des gemeinsamen Traums

„Wo bleibt in Europa die europäische Münze, die europäische Briefmarke“, fragte Stresemann die Delegierten. Doch ehe die einzelnen Staaten den Weg nach Europa einschlugen, war es schon zu spät. Deutschland hatte sich dem Nationalsozialismus zugewandt.

Stresemann und Briand, die 1926 den Friedensnobelpreis erhielten, mussten nicht mehr erleben, wie ihr Traum von einem geeinten Europa in einer zweiten Jahrhundertkatastrophe endete. Stresemann starb im Oktober 1929 im Alter von 51 Jahren, der 16 Jahre ältere Briand im März 1932. Doch ihre Idee blieb lebendig und wurde von Männern wie Robert Schuman, Jean Monnet und Alcide De Gasperi mit neuem Leben erfüllt.

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