Hartmannswillerkopf - Jean Klinkert ist ein freundlicher Mann. Der 65-Jährige ist groß, sein Haar graumeliert, unter der blaugrauen Anzugjacke trägt er zu weißem Hemd und Krawatte noch einen Pullunder im gleichen Farbton. Er strahlt die Lebensart aus, um die Deutsche Franzosen manchmal beneiden. Klinkert schaut durch seine schwarze Hornbrille und erzählt von der elsässischen Geschichte, die eine deutsch-französische ist. In drei Kriegen standen sich die beiden Nationen in der Grenzregion zwischen 1870 und 1945 gegenüber. Die Geschichte ist aber auch die von Klinkerts Familie. Er selbst leitet in Colmar das elsässische Tourismusbüro, sein Vater war hier 30 Jahre Bürgermeister, sein Großvater unter den Nationalsozialisten in Haft. Er erwähnt all das nur nebenbei. Aber allein die wenigen Sätze, gesprochen im freundlich klingenden Idiom seiner Heimat, sagen viel über Jean Klinkerts Koordinatensystem.
Und dann haben ihm Weltgeschichte, Geografie und irgendwie auch das Schicksal diesen Berg fast vor die Haustür gesetzt: den Hartmannswillerkopf oder – wie er in der französischen Berichterstattung seit 1915 heißt – den Vieil Armand. Egal wie man von dem Berg erzählt, immer klingt es wie eine Aneinanderreihung von Metaphern. Diese 956 Meter hohe Erhebung ist ein Berg des Todes. „Menschenfresserberg“ nannten ihn die Soldaten des Ersten Weltkriegs. Er ist zwar nicht so bekannt wie Verdun. Aber wie die Schlachtfelder Flanderns steht auch er für das sinnlose Sterben deutscher und französischer Soldaten im Stellungskrieg in den Vogesen. Zwischen dem 26. Dezember 1914 und dem 9. Januar 1916 ließen dabei auf beiden Seiten 30.000 Soldaten ihr Leben, etwa doppelt so viele wurden verwundet oder grausam verstümmelt.
„Überall Tote, übereinander gehäuft“
Der französische Soldat Henri Martin beschreibt das Grauen in einem Brief am 25. März 1915 anschaulich. Man riecht, schmeckt und hört den Krieg förmlich in seinen Zeilen: „Überall Tote, übereinander gehäuft, zerfetzt. Die Bäume zerhackt, schwarz, voller Granatsplitter und Erde bilden kompakte Verschüttungen, unter denen die Überreste der Toten begraben sind. Zerrissene Mäntel, zersplitterte Helme, Rucksäcke, Feldflaschen, Dosen, verstreute Briefe.“ Noch immer werden in den Wäldern menschliche Knochen und auch Munitionsreste gefunden. „Sollten Sie auf eine Granate aus dem Krieg stoßen, vor allem nicht berühren!“, steht auf einem Schild am Fuße des Hartmannswillerkopfes, kurz bevor man den Weg durch eine Landschaft aus bis heute erhaltenen Schützengräben und rostigen Stacheldrähten betritt. Auch das ist ein Sinnbild dafür, dass der Krieg in die Gegenwart hineinreicht – rein gegenständlich, aber nicht weniger heftig in der Erinnerung. Jean Klinkert versteht den Berg als gemeinsame deutsch-französische Verpflichtung, in Zeiten von zunehmendem politischen Extremismus und Nationalismus „einen Beitrag zum Erhalt des Friedens zu leisten“.
Denn nun kommt ein weiteres der Ämter Klinkerts ins Spiel. Seit 2015 ist er auch Präsident des „Comité du monument national du Hartmannswillerkopf“, dem er eigentlich schon seit 30 Jahren in unterschiedlichen Funktionen angehört. „Nun erlebe ich die Krönung meines Lebenswerks“, sagt er stolz. Und das nicht nur, weil innerhalb von drei Jahren auf dem Berg zwei deutsche Bundespräsidenten – nämlich Joachim Gauck und an diesem Freitag Frank-Walter Steinmeier – mit ihren französischen Gegenübern François Hollande und diesmal Emmanuel Macron der gemeinsamen Geschichte gedenken. Seit 2014, seit Beginn der Umgestaltung des Ortes, weht auf dem Berg neben der französischen und der Europafahne auch die deutsche. Das ist ein großer Schritt auf dem Weg zu einer gemeinsamen Erinnerungskultur.
Noch viel bedeutender aber ist die Tatsache, dass aus der rein französischen Gedenkstätte – aus Soldatenfriedhof, Krypta, Erklärpfad und einem immer ausladenderen Kiosk – nun der erste deutsch-französische Erinnerungsort und damit ein echtes bi-nationales Gedenkzentrum des Ersten Weltkriegs geworden ist: das „Historial franco-allemand du Hartmannswillerkopf“. Und das, obwohl der Berg ein „Symbol der französischen Geschichte war“, sagt anerkennend Daniela Schily, die Generalsekretärin des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Der Verein – konkret der Landesverband Baden-Württemberg – ist die deutsche Partnerorganisation, die Klinkert ins Boot holte, als sein Komitee 2008 mit Blick auf das Jubiläumsjahr 2014 die Sanierung der alten Anlage plante. Klar war: es muss eine gemeinsame deutsch-französische Gedenkstätte werden, die die Erinnerung in die nächste Generation trägt.
Nächstes Jahr will Klinkert in Ruhestand gehen: „Dann sind die Jüngeren dran.“ Das gilt im übertragenen Sinn auch für die Erinnerungspolitik. „Der Bildungsauftrag wird mit jedem Jahr größer“, sagt Daniela Schily. Den Gedanken, der für sie über allem steht, formuliert die 50-Jährige so: „Wir können nur zu einer Versöhnung kommen, wenn wir die verschiedenen Erinnerungen auf- und annehmen, sie zusammenbringen und so Toleranz und Respekt füreinander schaffen.“
Der Blick aller Bildungsträger geht in der europäischen Bildungsarbeit zu den Jugendlichen. Das spiegelt etwa beim Volksbund das vorsichtige Umschichten und Entschlacken des Haushalts. Bei 40 bis 45 Millionen liegt er momentan. Derzeit kommen 16 Millionen aus dem Haushalt des Auswärtigen Amtes für die Betreuung der Kriegsgräber im Ausland. „In zehn Jahren werden wir vor allem mehr Geld für die Jugendarbeit brauchen“, sagt Schily. Die Angehörigenbetreuung, heute ein großes Arbeitsfeld, wird durch deren Tod zwangsläufig in den Hintergrund treten. Die Gespräche mit dem Familienministerium, in dessen Zuständigkeit die Finanzierung liegt, liefen bereits. Das Umdenken in Kassel illustriert den generell notwendigen Wandel in der Gedenkarbeit.
Markstein in der Erinnerungslandschaft
Architektonisch und inhaltlich weist das Historial den Weg. Es ist ein großer Schritt in diese Zukunft, wahrscheinlich ein Markstein in der europäischen Erinnerungslandschaft. Es gibt dort Filme und Exponate wie die von Henri Martin in seinem Brief beschriebenen Gläserüberreste zu sehen. Es gibt interaktive Schaukästen, in denen der Namen jedes einzelnen Toten abrufbar ist. In einem elypsenförmigen Raum, im Herzen des Gebäudes, läuft ein weiterer Film, der dem Betrachter eine Ahnung davon gibt, wie sich der Berg in Schneesturm, bei Dunkelheit und unter Artilleriefeuer angefühlt haben mag. Und die deutsche und die französische Sicht ergänzen einander und schließlich sich nicht länger gegenseitig aus.
„Die Toten müssen sehr glücklich sein, wenn sie sehen, was Sie hier alles für sie tun“, zitiert Klinkert das anerkennende Lob eines Besuchers. Allein in den zurückliegenden Monaten seit der inoffiziellen Eröffnung im August haben 180 000 Gäste das Historial besucht. Ein Viertel waren Deutsche. 40 Lehrer wurden bereits geschult für die Bildungsarbeit mit Schülern. In das Gästebuch hat ein deutsches Besucherehepaar dennoch geschrieben: „Danke für eine gelungene Ausstellung für eine Gesellschaft, die nichts gelernt hat.“
Kampf um die Deutungshoheit
Denn die feierliche Einweihung des Museums fällt in erinnerungspolitisch zunehmend stürmische Zeiten, in denen sich gerade in Deutschland Organisationen wie der Volksbund herausgefordert fühlen müssen. Ende 1919 in Folge des Ersten Weltkriegs gegründet, um die Gräber deutscher Soldaten im Ausland zu pflegen, trägt der Verein das Thema Krieg wie kein anderer in seiner DNA. „Es zeigt sich mehr denn je“, sagt seine Generalsekretärin, „dass der Volksbund eine wichtige Bedeutung hat.“ Gerade heute. Und zunehmend mehr Aktivitäten zielen nicht mehr nur auf Gedenken an die soldatischen Opfer des Krieges. In Weißrussland ist der Volksbund Partner der Stiftung Denkmal für die Ermordung der Europäischen Juden.
Sein Leitmotiv heißt „Nie wieder Krieg“. In seinem noch unter dem Volksbundpräsidenten Markus Meckel intern heftig diskutierten, dann aber doch im September 2016 kurz nach seinem Rücktritt verabschiedeten Leitbild haben sich die Volksbundvertreter darauf verständigt, den Zweiten Weltkrieg als nationalsozialistischen Angriffskrieg einzuordnen. Außerdem will der Verein ein „Akteur der europäischen Erinnerungskultur sein“, sagt Schily. Das ist eine große Verpflichtung in Zeiten, da über die Deutungshoheit der vergangenen Kriege neu gekämpft wird. Denn wie, wenn nicht als Angriff auf diese differenzierte Form des Erinnerns lassen sich die Äußerungen des AfD-Vorstandsmitglieds Alexander Gauland verstehen, er sei stolz auf die Leistungen der deutschen Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg.
Demokratische Erinnerungssolidarität
„Wir reden nicht von Stolz auf die Taten und Tradition der Wehrmachtssoldaten, sondern beschäftigen uns in vollem Bewusstsein der Verbrechen der Kriege mit den individuellen Schicksalen, ohne die Geschichte zu leugnen“, kontert Schily. „Wir haben uns immer gegen vereinfachende Auffassungen gestellt“, sagt Wolfgang Schneiderhan, der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr und heutige Präsident des Volksbundes. Manche – auch in den Reihen des Volksbundes – überlegen dennoch, ob die Organisation bei aller parteipolitischen Zurückhaltung nicht lauter werden müsse. Mit den Plakaten der Kampagne „Darum Europa!“, die eine Kriegsgräberstätte zeigen, habe man Gauland die eigene Position zur Geschichte entgegengesetzt, sagt Schily.
Der baden-württembergische Landesvorsitzende Johannes Schmalzl hat den AfD-Vertretern bei einem Treffen mit dem Parlamentarischen Ring des Landtags erklärt, der Volksbund lasse sich für solche Heldenverehrung nicht instrumentalisieren. Wolfgang Schneiderhan verweist auf das Programm der diesjährigen Feierstunde zum Volkstrauertag am 19. November im Reichstag. „Es ist doch kein Zufall, dass wir den estischen Ministerpräsidenten und EU-Ratsvorsitzenden Jüri Ratas eingeladen haben. Und dass deutsche und russische Schüler die Kriegsbiografien gefallener Soldaten beider Länder bearbeitet haben und ihre Ergebnisse vortragen werden.“ Er hoffe, die Botschaft werde verstanden. Es gehe schließlich um die demokratische Erinnerungssolidarität.
Weitere StZ-Plus-Texte finden Sie hier.