Deutsche Ausgabe von „Charlie Hebdo“ Humorexpansion der harmlosen Art

Von Cornelius Oettle 

Durch einen Terroranschlag wurde das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ weltbekannt. Nun ist die erste deutsche Ausgabe erschienen. Die kommt allerdings recht harmlos daher.

Kanzlerin auf dem Klo:  „Charlie Hebdo“-Karikatur Foto: Charlie Hebdo
Kanzlerin auf dem Klo: „Charlie Hebdo“-Karikatur Foto: Charlie Hebdo

Stuttgart - Seite 14: „Ein Grund mehr nach Deutschland zu kommen!“ steht unter einer Zeichnung von Laurent „Riss“ Sourisseau. Zu sehen: Frauen mit Kopftuch und Herren hinter dicken, schwarzen Schnauzbärten. Sie tragen Gepäck auf dem Rücken, eine Ausgabe „Charlie Hebdo“ in der Hand und ein Grinsen im Gesicht. Fortan erscheint das französische Satiremagazin auch in deutscher Sprache.

Lockt die ausländische Zeitschrift also künftig Ausländer ins Land? Diese Vorstellung dürfte fremdenfeindliche Dämlacks eher weniger erfreuen, die das Werk der „Charlie Hebdo“-Macher ob deren Passion für provokative Prophetendarstellungen in Teilen goutieren. Satire ist nicht immer davor gefeit, das Schenkelklopfen in der falschen Ecke erklingen zu lassen.

Am 7. Januar jährt sich der islamistische Anschlag auf die Redaktion zum zweiten Mal. Zwölf Menschen kamen ums Leben, als zwei Fanatiker mit Sturmgewehren das Gebäude in der Rue Nicolas-Appert in Paris stürmten. Karikaturen und Kommentare fluteten die Feuilletons und Nachrichtensendungen. Der Satz „Je suis Charlie“ avancierte zum Bekenntnis zur Presse- und Meinungsfreiheit; Satiretoleranz war plötzlich Indikator einer freiheitlichen Demokratie. Allerorts zitierte man Tucholsky, nicht selten falsch: Der bestimmte Artikel in „Was darf die Satire? Alles“ war vielen zu viel. Als Jan Böhmermann im Folgejahr das berüchtigte Schmähgedicht über den türkischen Potentaten Erdogan vortrug, hatte man das aber schon vergessen.

Die ganze Redaktion steht unter Polizeischutz

Die Anteilnahme, auch die Verkäufe auf der östlichen Rheinseite seien in der Zeit nach dem Angriff besonders hoch gewesen. Deshalb kann nun auch hierzulande über „Charlie Hebdo“-Witze gelacht werden. Verantwortlich für die deutsche Version zeichnet die Chefredakteurin Minka Schneider – ein Pseudonym. Die Sicherheitsvorkehrungen sind nach wie vor enorm, die Redaktion arbeitet unter Polizeischutz an einem geheimen Ort. Die wöchentlich erscheinenden, 16-seitigen Hefte sollen jedoch mehr als Übersetzungen bieten. Auch mit einheimischen Satirikern wolle man sich kurzschließen.

„Charlie“-Scherze gelten als pietät- und kompromisslos. Wer die Titelseite der ersten deutschen Ausgabe erblickt, dürfte sich daher wundern: Walter Foolz‘ Zeichnung zeigt neben dem Schriftzug „VW steht hinter Merkel“ die müde dreinblickende Kanzlerin auf einem Wagenheber. Darunter lässt ein Blaumannträger mit VW-Mütze wissen: „Ein neuer Auspuff und es geht noch 4 Jahre weiter.“ Ein fader Auftakt.

Vielleicht überzeugen ja die Alternativen auf der Rückseite: „Von diesen Titelseiten bleiben Sie verschont“, heißt es da. Eine Illustration Frauke Petrys aus der Feder von Corinne „Coco“ Rey ziert der Hinweis: „Den Scheitel hat sie schon. Fehlt nur noch das Bärtchen.“ Es finden sich auch Beispiele jener Gags, mit denen sich das Magazin gelegentlich Rassismusvorwürfe einbrockt. Auf der Randspalte wird gemeldet: „Durch die Flüchtlinge sind die Mitgliederzahlen in deutschen Fußballvereinen angestiegen. Zahlreiche Bälle sollen sich bereits über Grabscher beklagt haben.“ Naja, vielleicht kann „Charlie“ mit inneren Werten überzeugen. Auf der ersten Seite grüßen neun Merkel-Karikaturen, die harmlos, bisweilen affirmativ daherkommen. Wer die Humordiskrepanz zwischen der Grande Nation und der Bundesrepublik vorab zum Problem dieses Expansionsvorhabens erklärte, dürfte sich bestätigt fühlen.

Scharfe Kritik, geschmacklose Brüller? Fehlanzeige!

Dass die französische Satire nicht nur auf Lacher setzt, gar ernsthaft oder investigativ agiert, zeigt die deutsche „Charlie Hebdo“ indes auch. Philippe Lançon überlebte die Kugeln des 7. Januars schwer verletzt, verbrachte Monate im Krankenhaus. In seiner Kolumne „Jacuzzi“ schreibt er mitunter melancholisch über das Leben danach, neue Perspektiven und körperliche Veränderungen: „Vor zwei Wochen begann sich die Prothese zu bewegen, die ich im Hals trage. Sie wird runder, sie sackt etwas ab. Man könnte sie für einen Embryo halten, der nach dem Ausgang sucht.“

Noch wirkt das Projekt allerdings wie ein deutsch-französischer Mittelweg mit unbekanntem Ziel. Einerseits wird der Le-Pen-Kontrahent François Fillon ins Visier genommen, andererseits beansprucht die seriöse Reportage „Rabenmutti und Vaterstaat: Wer lebt glücklich in Deutschland?“ ganze vier Seiten. Hier kommen Touristen vor dem Reichstag zu Wort, Gesine Schwan spricht über den Zusammenhang von Neoliberalismus und Rechtsextremismus. Dazu gesellen sich Anspielungen auf die Unübersetzbarkeit mancher Pointe. Das ist manchmal ganz nett – aber seit wann ist Satire nett? Wer sich scharfe Kritik oder zumindest geschmacklose Brüller erhofft hat, der kann nur auf nächste Woche hoffen.