Deutsche Einheit? Ein Feiertag, an dem wenig zu feiern ist

Brandenburger Tor: Die Mauer ist weg – aber nicht in allen Köpfen. Foto: dpa/Britta Pedersen

In Deutschland herrscht 33 Jahre nach der Wiedervereinigung eher Uneinigkeit. Der Osten fühlt sich unverstanden – nicht völlig zu unrecht, hat sich aber auch nicht vollends von seinen DDR-Wurzeln emanzipiert, meint StZ-Autor Armin Käfer.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Eine historische Testfrage: Was wäre, wenn in den 1970er Jahren zwei Drittel der Bundesdeutschen bei einer Umfrage Sehnsucht nach der Naziherrschaft bekundet hätten? Unvorstellbar? Eine Studie der Universität Leipzig hat jüngst ergeben, dass zwei Drittel der Ostdeutschen Sehnsucht nach der DDR hegen. Sehnsucht nach einem Unrechtsstaat? Haben sie nichts aus ihrer Geschichte gelernt?

 

Die DDR ist nun fast schon so lang Geschichte, wie sie überhaupt nur existiert hat. Und dennoch hat sich manches von ihr erhalten – Mauer, Schießbefehl an der Grenze und Stasi zum Glück nicht. Aber in den Köpfen der Deutschen herrscht noch keine Einheit – und in der Realität auch nicht überall. Während zu DDR-Zeiten das Bürgertum offiziell entmachtet war, macht sich auf deren ehemaligem Terrain ein neudeutsches Wutbürgertum breit, das Rechtsextreme zur gefühlten Volkspartei erstarken lässt. Gewiss, auch im Westen erfreut sich die AfD rasant wachsenden Zuspruchs. Doch bei drei Landtagswahlen im Osten kommendes Jahr könnte sie zur stärksten Partei werden.

Offensichtlich sind dort Unmut und Verunsicherung, Ärger und Ängste weitaus größer, die Allergie gegen autoritäre Politik und das Zutrauen in die Demokratie deutlich schwächer als im alten Teil der Bundesrepublik. Dafür gibt es habhafte Gründe: Bis heute verdient ein durchschnittlicher Ossi 12 000 Euro weniger im Jahr als der Standard-Wessi. Die Renten wurden erst in diesem Sommer angeglichen. Im Osten dominiert ein Gefühl des Abgehängtseins – obwohl Tesla seine erste deutsche Fabrik nicht im Westen, sondern in Brandenburg errichtet hat, und weitere innovative Milliardeninvestitionen folgten; Regionen wie Halle, Leipzig, Dresden und der Speckgürtel Berlins florieren. Doch es gibt auch viele Brachen in der blühenden Landschaft, die der Einheitskanzler Kohl vorausgesagt hat. Ausgerechnet Angela Merkel, die erste gewesene DDR-Bürgerin im Kanzleramt, hat in ihrer Rede zum 3. Oktober 2021 beklagt, dass die Ostdeutschen nicht die Anerkennung für ihre Lebensleistung bekämen, die sie verdienten – nachdem sie 16 Jahre regiert hatte.

„Frustrierte Zufriedene“

Nun ist es einerseits so, dass viele eine Unzufriedenheit kultivieren, die eigentlich zufrieden sein könnten. Materiell geht es den Ostdeutschen wesentlich besser als zu DDR-Zeiten. „Frustrierte Zufriedene“ nennt der in Rostock geborene Soziologe Steffen Mau das zur AfD neigende zornige Drittel der Ostdeutschen. Über Mängel der Demokratie sollte sich eigentlich nur beklagen, wer sich jenseits von Umfragen und Demogemaule selbst engagiert. Nun haben die Wessis ihre Demokratie zwar von den Alliierten geerbt und sich dank Wirtschaftswunder mit ihr anfreunden dürfen, während eine Minderheit der Ossis sie sich tatsächlich erst erkämpfen musste – wobei die Mehrheit sich bis heute mit Spätfolgen autoritärer Prägungen herumplagt. Engagement in demokratischen Parteien wird im Osten eher klein geschrieben. Umso größer sind die Erwartungen an einen Staat, der sich um alles kümmern soll – und mithin das Risiko der Enttäuschung.

Der Osten ist keineswegs eine „Erfindung des Westens“, wie ein vor allem dort populäres Buch betitelt ist. Klischees stehen einem wechselseitigen Verständnis aber gewiss im Wege. Am Tag der vermeintlichen Einheit wird jedenfalls offenkundig, dass diese auch nach 33 Jahren noch längst nicht in vollem Maße erreicht ist. Im Westen wäre ein größeres Interesse für die spezifische Geschichte der Ostdeutschen wünschenswert – im Osten der Wille, sich endlich davon zu emanzipieren. Und die Erkenntnis, dass es am 3. Oktober tatsächlich etwas zu feiern gibt.

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