Manuel Neuer und Toni Kroos Zwei Weltstars zwischen Vergangenheit und Zukunft

Manuel Neuer hat sich durch starke Leistungen einige Diskussionen vom Hals gehalten. Foto: Baumann

Sie spielten 2014 eine tragende Rolle beim Titelgewinn in Brasilien – und sollen nun den Neuaufbau der deutschen Nationalmannschaft gestalten. Wie gelingt das Manuel Neuer und Toni Kroos. Unser Fußball-Reporter analysiert das Duo.

Sport: Marco Seliger (sem)

Belfast - War das wirklich Toni Kroos, der da in den Katakomben des Windsor-Parks zu Belfast sprach, dort unten also, wo es in dem kleinen Raum mit den Stellwänden ähnlich eng zuging wie vorher auf dem Platz, wo die Nordiren die Deutschen um Kroos penetrierten? Jetzt bedrängten die Reporter den Regisseur, und Kroos, so schien es, war noch immer im Zweikampfmodus. Der Mann, der ansonsten lieber seine Pässe und seine Finesse auf dem Platz sprechen lässt, berichtete davon, dass er alles reingehauen und nichts weggegeben habe. Dass er dagegen gehalten habe.

 

Toni Kroos sprach davon, dass er den Kampf angenommen habe.

Der Weltstar von Real Madrid also bemühte nach diesem mühevollen 2:0 gegen Nordirland in der EM-Qualifikation die Wadenbeißer-Rhetorik, Katsche Schwarzenbeck oder Berti Vogts hätten sich früher nicht schöner ausdrücken können.

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Der anerkannte Schöngeist Kroos gab den Grasfresser – es war vielleicht das deutlichste Indiz dieser einen Woche, in der die Nationalelf nun zusammen war, dass sich da auf vielen Ebenen noch etwas sucht. Jeder fahndet in diesen unruhigen Zeiten des Umbruchs nach der desaströsen WM 2018 und vor der EM 2020 nach seiner Rolle. Oder interpretiert sie wie Kroos bisweilen sogar neu.

Weltstars mitten im Umbruch

Der Titelsammler ist ja neben dem Keeper Manuel Neuer der letzte verbliebene Weltmeister von 2014 im neuen Team des alten Trainers Joachim Löw (lässt man den damaligen Reservisten Matthias Ginter außen vor) – die beiden Weltstars verkörpern dabei qua ihrer Vergangenheit das Alte, sollen aber in diesem Umbruch fürs Neue vorangehen. Und insbesondere Kroos, so scheint es, erfindet sich in Teilen neu. Mehr Tempo und schnelleres Umschalten hat der Bundestrainer seiner Elf nach dem lahmen Ballbesitzfußball der WM 2018 verordnet – der Mann, der für das Desaster mitverantwortlich war, soll nun den Takt ändern und Geschwindigkeit ins Spiel bringen.

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Kroos nimmt diese Rolle an, und es gab schon Momente in den vergangenen Monaten, als ihm der Spaß dabei anzumerken war. Denn die anerkannte Passmaschine würde natürlich am liebsten immer steil spielen, auf die schnellen Jungs da vorne um Serge Gnabry. So ist das einige Male geschehen, schon im ersten großen Umbruchspiel im vergangenen Herbst in Paris gegen den Weltmeister Frankreich etwa.

Weniger Pässe bis vors Tor

„Wir spielen jetzt im Schnitt weniger Pässe, um vors Tor zu kommen“, sagt Kroos, „der Weg ist direkter – aber es ist nicht mehr so, dass wir den Ball nicht mehr haben wollen.“ Es müsse, so Kroos weiter, gut vorbereitet sein, wenn man die schnellen Jungs da vorne ins Eins-gegen-eins schicken wolle – und das gehe nun mal nur über Ballbesitz. Und damit auch nach wie vor über Querpässe.

Kroos fasste damit kompakt die Hauptproblematik des deutschen Spiels zusammen. Ballbesitz oder Konter, oder am besten vielleicht doch irgendwie beides in einer idealen Mischung zusammen, das sind die Fragestellungen, denen sich Joachim Löw gerade widmet. Mit Kroos im Zentrum, der seine Rolle darin noch sucht.

Das Spiel ist noch nicht austariert

In den vergangenen beiden Partien gegen die Niederlande (2:4) und gegen Nordirland zeigte sich, dass die Abläufe und Laufwege in der deutschen Elf noch nicht austariert sind – was Gift ist für einen Spielmacher. Der dann sogar, wenn es wie in der ersten Hälfte von Belfast gar nicht läuft, über den Kampf ins Spiel finden muss. Wilde, ungewohnte Zeiten sind das also für den Virtuosen Kroos – was ihn ein bisschen von dem Mann unterscheidet, der seine alte und neue Rolle wieder gefunden zu haben scheint.

Torhüter Manuel Neuer, der zweite und letzte Held von Rio, der nun im neuen Zeitalter vorangehen soll, tritt mittlerweile wieder mit seiner berühmten Neuer-Aura auf. Auf den letzten Drücker wurde er ja erst fit für die WM 2018 in Russland, was davor und hinterher zu einigen Diskussionen führte – auch darüber, ob Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona nicht bald schon im Tor der DFB-Elf stehen könnte oder sollte.

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Manuel Neuer aber ließ in den vergangenen Monaten seine starken Leistungen sprechen, und nun, in Belfast, war er nicht nur der einzige deutsche Profi, der so etwas wie eine natürliche Autorität ausstrahlte.

Manuel Neuer ist wieder unantastbar

Er war auch wieder der unantastbare Neuer, der mit schier unfassbaren Reflexen Großchancen zunichte machte. Und er war Manu, der Libero, der ohne jede Übertreibung der beste Mann war im deutschen Aufbauspiel der ersten Hälfte.

Ja, Neuer brachte dank seiner fußballerischen Qualität sogar so etwas wie Ruhe und Struktur ins Geschehen, was Joshua Kimmich, sein Kollege vom FC Bayern München, am Ende des Abends so ausdrückte: „Es ist enorm wichtig für uns, Manu immer als Anspielstation zu haben – die Details sieht vielleicht nicht jeder, aber er verzögert dann zum Beispiel ganz bewusst mal und wartet, bis der Stürmer schon fast bei ihm ist, und passt erst dann den Ball weiter, das verschafft uns wichtige Räume im Aufbau.“

Neuer also ist wieder der Alte und soll es bleiben. Toni Kroos dagegen soll seine alten Qualitäten beibehalten und sich dennoch neu erfinden. Spannende Zeiten sind das für die Weltmeister von 2014.

In unserer Bildergalerie: Das ist aus den WM-Helden von 2014 geworden – viel Spaß beim Durchklicken!

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