Es lief erst die 60. Minute des Länderspiels der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die Ukraine, da wurde bereits klar, dass es wieder nichts geworden war mit der erhofften von Aufbruchstimmung. In fast genau einem Jahr, am 14. Juni 2024, bestreitet das Team des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in München das Eröffnungsspiel der Heim-EM. Und die nun stattfindenden Länderspiele sollten ebenso Vorfreude wie Titelhoffnungen schüren.
Doch das Publikum in Bremen huldigte in seinen Sprechchören lieber dem Bundesligisten SV Werder – und eben nicht dem Nationalteam. Kein Wunder. Zu diesem Zeitpunkt stand es 1:3. Im 1000. Länderspiel einer deutschen Fußballmannschaft.
Dieses Jubiläum hatte der DFB ja zum Anlass genommen, ein Signal des Friedens und der Solidarität zu senden. Das vom Krieg gebeutelte Team aus der Ukraine war zu Gast, sämtliche Gewinne werden an Kriegsopfer gespendet, der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war ebenso anwesend wie der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev. Der beteuerte: Auch an der Front würden die Soldaten die Partie verfolgen.
Bei aller Symbolik, bei aller Freundschaft, die von diesem Spiel ausgehen sollte und ausgegangen ist – nicht nur der Bundestrainer Hansi Flick erwartete sich Signale der Spieler. Bernd Neuendorf, der Präsident des DFB, hatte vor dem Anpfiff erklärt: „Jeder muss verstehen, dass es um die EM-Tickets geht.“ Das Team schien zunächst verstanden zu haben.
Dreierkette mit Rüdiger, Ginter und Schlotterbeck
Flick wollte die Partie vor allem dafür nutzen, eine weitere Defensivvariante zu testen. Also verteidigten am Montagabend Antonio Rüdiger, Matthias Ginter und Nico Schlotterbeck in einer Dreierkette. Doch das war zunächst gar nicht besonders relevant.
Das DFB-Team nämlich hielt die Kontrahenten in den gelben Trikots weit weg vom eigenen Tor, setzte vielmehr die ukrainische Abwehr früh unter Druck – und sorgte dann auch schnell dafür, dass sich die anfängliche Dominanz im Ergebnis spiegelte. Nach einem Pass von Joshua Kimmich zog Marius Wolf nach innen. Der Dortmunder Rechtsverteidiger schoss, traf zwar auch den Teamkollegen Niclas Füllkrug, doch von dessen Bein prallte der Ball ins ukrainische Tor (6.).
Die eindeutigen Verhältnisse auf dem Rasen hielten noch ein paar Minuten an – doch dann änderte sich das Bild. Weil dem deutschen Team mal wieder fehlte, was im Laufe der Ära Flick längst abhanden gekommen ist: die richtige Balance.
Den Gästen aus der Ukraine reichten innerhalb von vier Minuten zwei ebenso banale wie gelungene Offensivaktionen, um die Partie ergebnistechnisch zu drehen. Nach einem langen Ball in Richtung deutschem Tor war es am Ende Wiktor Zygankow, der in vollendete (19. Minute). Zum Abschluss der zweiten Aktion schoss in der 23. Minute Michajilo Mudryk – DFB-Abwehrspieler Antonio Rüdiger lenkte den Ball unfreiwillig ins eigene Tor. Schon stand es 1:2. Und weil es in der Nachspielzeit der ersten Hälfte Leroy Sané mit seinem Freistoß an die Latte nicht schaffte, das 2:2 zu erzielen, trafen die Ukrainer bald nach der Pause sogar zum 3:1.
Hansi Flick sieht einen „langen Prozess“
Einen unnötigen und halbhohen Rückpass von Julian Brandt brachte Matthias Ginter nicht unter Kontrolle, Wiktor Zygankow war erneut zur Stelle (56.). Und das, was DFB-Chef Neuendorf vor dem Anpfiff auch gefordert hatte – „Wiedergutmachung“ für die missratene WM 2022 – war vollends ganz weit weg. „Wir müssen die Fehler hinten abstellen“, haderte Spielführer Kimmich. „Ärgerlich“ fand sie Torhüter Kevin Trapp, „wir müssen das besser in den Griff bekommen. Bis zur EM müssen wir das abstellen.“
Die Partie plätscherte fortan so dahin, es gab viele Personalwechsel ohne besondere Wirkung, Flick stellte wieder auf eine Viererkette um, ehe der eingewechselte Kai Havertz noch das 2:3 erzielte (83.) und einen Elfmeter erwirkte, den Kimmich (90.) verwandelte. 3:3, Ergebniskosmetik, die Niederlage verhindert – immerhin. Doch die Fragezeichen rund um die deutsche Mannschaft sind nach diesem Auftritt nicht gerade weniger geworden. „Das Spiel zeigt die Verfassung der Mannschaft“, analysierte Flick und nahm sich vor: „Wir müssen an der Abstimmung arbeiten.“ Dies, ergänzte er und warb dabei um Geduld, sei „ein langer Prozess“.
Der am kommenden Freitag (20.45 Uhr) in Polen und am Dienstag (20.45 Uhr) gegen Kolumbien fortgesetzt wird. Dann mit Champions-League-Sieger Ilkay Gündogan (Manchester City) und dem unterlegenen Finalisten Robin Gosens (Inter Mailand).