Deutsche Kaiserkrönung vor 150 Jahren Eine schwere Geburt

Kaiserproklamation anno 1871 in Versailles, wie der Zeitzeuge Anton von Werner sie 14 Jahre später aufgemalt hat. Foto: StZ

Vor 150 Jahren hat Bismarck das Deutsche Reich geschaffen. In Versailles wurde ein Kaiser installiert, der diese Krone gar nicht wollte. Die Folgen waren verheerend.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Berlin - Einer der triumphalsten, zugleich kraftmeierischen und trügerischen Momente der deutschen Vergangenheit scheint uns so vertraut wie ein Familienfoto. Das gilt zumindest für die meisten, die schon mal in einem Geschichtsbuch geblättert haben. Dort zählt die Szene zu den geläufigsten Illustrationen. Sie zeigt den historischen Akt so detailgenau, als wäre das Bild ein Schnappschuss. Dabei ist es erst Jahre später entstanden: fesche Uniformen, blanke Säbel, Epauletten, Rauschebärte und viel Blattgold – so sollten wir uns die Geburtsstunde des Deutschen Kaiserreiches vorstellen. Der Maler Anton von Werner hat in monströsem Format festgehalten, was er am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses Versailles miterleben durfte. Bei wesentlichen Einzelheiten handelt es sich allerdings um gepinselte Fake News.

 

Für die Hauptperson ist die Festivität nach eigenem Bekunden „der traurigste Tag meines Lebens“. So klagt der nachmalige Kaiser Wilhelm I. am Vorabend seiner Proklamation. Nur widerwillig findet er sich dazu bereit, „die glänzende preußische Krone mit dieser Schmutzkrone vertauschen müssen“. Der Regisseur des Zeremoniells und Erfinder des neuen Reiches, Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck, berichtet seiner Frau: „Diese Kaisergeburt war eine schwere.“

Auch der „Märchenkönig“ stimmt zu

Bei den Vorbereitungen der schwierigen Geburt hatte Bismarck Pate gestanden. Das von Wilhelm despektierlich als „Schmutzkrone“ benannte Accessoire krönt dessen Bemühen, aus dem Flickenteppich auf der Landkarte Mitteleuropas einen deutschen Nationalstaat zu formen. Er besticht zuletzt sogar Bayerns „Märchenkönig“ Ludwig II., damit dieser seinem preußischen Kollegen im Namen der deutschen Fürsten den Kaisertitel anträgt.

Wilhelm ist über das „Scheinkaisertum“ wenig beglückt. Wenn schon, dann würde er sich gerne „Kaiser von Deutschland“ nennen und nicht bloß „Deutscher Kaiser“, wie es das Protokoll vorsieht. „Das Kaisertum war ein glitzernder und glanzvoller Name, aber nicht mehr“, schreibt der Historiker Michael Freund. „Was der Deutsche Kaiser an Macht hatte, besaß er als König von Preußen.“ Mehr wollen ihm die übrigen Aristokraten im Reich nicht zugestehen. Wilhelm grummelt, er komme sich vor wie ein „Charaktermajor“. So nennt man damals Offiziere, die im Range eines Hauptmanns aus der Armee entlassen, aber gnadenhalber wie ein Major adressiert werden – eine Beförderung ohne Machtbefugnisse.

Ein Militärstaat formiert sich

Das Spektakel um die Kaiserproklamation ist gleichwohl mit Bedacht inszeniert. Es findet nicht zufällig im Spiegelsaal von Versailles statt – auch wenn dieser unbeheizt bleibt. Die Deckengemälde zeigen den französischen „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. Sie feiern ihn als Eroberer deutscher Lande. Zu jener Zeit ist Paris jedoch von Truppen unter preußischem Kommando besetzt – das Zeremoniell eine Schmach für patriotische Franzosen. Anstelle eines Throns ist ein Feldaltar aufgebaut. Es befinden sich fast nur Militärs im Saal. Der designierte Kaiser tritt als Kriegsherr auf, um mit seinen Getreuen die besiegten Franzosen zu demütigen – eine fatale Botschaft. In der „Dominanz der Uniformen“, so der Historiker Volker Ullrich, wird „der Charakter des neuen Reiches als eines Militärstaats unübersehbar“.

Auch das Datum verrät viel über die Absichten: 170 Jahre zuvor, am 18. Januar 1701, hatte ein Urahn des neuen Kaisers den Königsthron in Preußen bestiegen. „Die preußische Geschichte, so sollte suggeriert werden, war nun endlich an ihrem Zielpunkt angelangt“, schreibt Ullrich in seiner Geschichte über die „nervöse Großmacht“, die das neue Kaiserreich einmal werden sollte.

Der badische Großherzog, Schwiegersohn des Monarchen, ist dazu ausersehen, den ersten Hochruf auf „Seine Majestät, Kaiser Wilhelm“ auszubringen. Man erkennt ihn auf Anton von Werners sinnbildlichem Gemälde an der erhobenen Hand. Ungeachtet der vermeintlichen Hochstimmung schildert Prinz Otto von Bayern, ein Zeitzeuge, die Proklamation aber sehr ernüchtert: „Alles war so kalt, so stolz, so glänzend, so prunkend und großtuerisch und herzlos und leer.“

Den Beobachtern schwant Übles

Mit dem Gemälde, das zu einer Ikone der Hohenzollern-Herrlichkeit werden sollte, obwohl dem Hauptdarsteller sich gar nicht so glorios zumute ist, hat es eine besondere Bewandtnis. Werner stellt ursprünglich drei Versionen davon her. Die erste, fast 32 Quadratmeter groß, hängt zunächst im Berliner Stadtschloss, wird aber im Zweiten Weltkrieg zerstört. Dieses Bild entsteht erst sechs Jahre nach der Proklamation in Versailles. Eine zweite Fassung, ähnlich monumental, fertigt Werner fünf später Jahre an – als Wandbild für die Ruhmeshalle des Berliner Zeughauses, wo heute das Deutsche Historische Museum untergebracht ist. Auch davon ist nichts mehr zu sehen. Die einzige erhaltene Version hängt im Bismarck-Museum Friedrichsruh, wo der „Eiserne Kanzler“ seinen Landsitz hat und auch bestattet wird. Anders als bei den zwei Vorbildern, auf denen Bismarck nicht im Mittelpunkt steht und einen unscheinbaren dunkelblauen Offiziersrock trägt, glänzt er hier in strahlend weißer Galauniform, die ihn von allen anderen abhebt.

Von dem neuen Kaiserreich erwartete der zeitgenössische Schweizer Historiker Jacob Burckhardt nichts Gutes. In ein paar Jahren werde wohl „die ganze Weltgeschichte von Adam an siegesdeutsch angestrichen“ sein, schreibt er anno 1872. Das Deutsche Reich ist nach dem Urteil seines Kollegen Eckart Conze aus dem Blickwinkel des 21. Jahrhunderts „eine Militärmonarchie“. Ihm sei „der Krieg eingeschrieben in den genetischen Code“. Die Verfassung gründet weder auf Volkssouveränität noch kennt sie Menschen- oder Bürgerrechte. Thomas Nipperdey nennt das Reich einen „Machtstaat vor der Demokratie“. Für den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier steht es „zwischen Reaktion und Moderne“. Es sei „keine Geschichtsvergessenheit, wenn die Deutschen mit den Erinnerungen an das Kaiserreich hadern und hadern müssen“, sagt er in einer Gedenkveranstaltung mit Historikern. Der Reichstag ist ein frei gewähltes Parlament, aber Frauen und Menschen, die von der Armenfürsorge leben, besitzen kein Wahlrecht. Der Reichskanzler wird vom Kaiser bestimmt. Es gibt allenfalls Ansätze von „Demokratie im undemokratischen Staat“, so ein gängiges Etikett.

Am Ende steht eine Niederlage

Das Reich hat anfangs 40, später 65 Millionen Untertanen, aber die verteilen sich auf 25 Länder: darunter drei Königreiche, etwa Württemberg, sechs Großherzogtümer, fünf Herzogtümer, sieben Fürstentümer, drei Hansestädte und das im Krieg mit Frankreich einverleibte Elsass-Lothringen. Und jedes dieser Länder konserviert seine eigene Staatsangehörigkeit.

Auf dem Boden des Deutschen Reiches entwickelt sich schon zur Zeit der „Gründerjahre“ eine in Europa bald dominante Wirtschaftsmacht. Es entsteht eine atemberaubende Modernisierungsdynamik auf vielen Feldern, mit der Politik und Staat allerdings nicht mithalten. „Von Anfang an“, so der Historiker Volker Ullrich, „trug der deutsche Reichsnationalismus Züge eines überschießenden Selbstbewusstseins, verbunden mit einem Gestus anmaßender Überheblichkeit.“

Glanz und Gloria des Kaisertums enden, wie alles begonnen hat: mit einer schmachvollen Kriegsniederlage. Nur sind die Rollen kaum ein halbes Jahrhundert später anders verteilt. Das durch Bismarcks Hinterzimmerpolitik installierte Kaisertum wird in Gestalt des Enkels von Wilhelm I. durch eine Revolution der Straße vom Thron gestoßen. Fast auf den Tag genau 48 Jahre nach dem Zeremoniell, das Anton von Werner mit Öl auf Leinwand verherrlicht hat, wählen die Deutschen das erste Parlament der Weimarer Republik. Diesmal haben auch Frauen und Arme ein Stimmrecht.

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