Deutsche Schüler bei Pisa Mittelmaß ist nicht akzeptabel
Die jüngste Pisa-Studie zeigt, dass deutsche Schüler im internationalen Vergleich gut sind, aber nicht zu den Spitzenreitern zählen.
Die jüngste Pisa-Studie zeigt, dass deutsche Schüler im internationalen Vergleich gut sind, aber nicht zu den Spitzenreitern zählen.
Berlin - Die Zeiten, in denen die Ergebnisse der Pisa-Studien Schockwellen durch die deutsche bildungspolitische Landschaft sandten, sind lange vorbei. Das ist eigentlich keine gute Nachricht. Tatsächlich war es Deutschland gelungen, nach den desaströsen Ergebnissen des Jahres 2001 das Kompetenzniveau der Schüler in erstaunlich kurzer Zeit auf ein im internationalen Vergleich hohes Niveau dauerhaft anzuheben. Das war eine sehr respektable Leistung. Allerdings geht es seit 2009 nicht mehr nennenswert voran. Deutschland liegt seither stabil über den Durchschnittswerten der OECD-Staaten, in einem Feld mit Ländern wie Frankreich, Großbritannien, Japan und den USA.
Mehr aber auch nicht. Zu Staaten wie Estland, Kanada, Finnland oder auch Polen besteht etwa bei der Lesekompetenz der 15-jährigen, dem Thema also, das in der aktuellen Studie im Vordergrund stand, ein signifikanter Abstand. Ähnlich sieht es in Mathematik und Naturwissenschaften aus. Diese seit längerem anhaltende Stagnation auf einigermaßen hohem Niveau ist eher alarmierend als beruhigend.
Deutschland ist mehr als andere Nationen auf exzellente, nicht nur überdurchschnittliche Bildungsergebnisse angewiesen. Das hat mehrere Gründe: Deutschland ist als rohstoffarmes Land darauf angewiesen, dass der gesellschaftliche Wohlstand durch industrielle Wertschöpfung erarbeitet und gesichert wird. Gleichzeitig aber ist die deutsche Wirtschaft so sehr wie kaum eine andere Industrienation exportabhängig. Da viele Schwellenstaaten inzwischen auf den Weltmärkten als potente Konkurrenten auftreten, lässt sich der deutsche Vorsprung nur durch Innovation sichern. Die aber beruht auf Forschung und wissenschaftliche Kompetenz.
Nimmt man dazu, dass ausgerechnet die deutsche Schlüsselbranche, der Automobilbau, vor einem epochalen Umbruch steht, wird klar, welchem Anspruch sich das deutsche Bildungssystem zu stellen hat: Es sind keine Prestige-Erwägungen, sondern handfeste ökonomische Zwänge, die gutes Mittelmaß zu einem völlig unakzeptablen Ergebnis machen.
Das macht deutlich, dass sich das Land nicht erlauben kann, Talente zu vergeuden. Gerade in dieser Hinsicht ist die neueste Pisa-Studie besorgniserregend. In Deutschland legt noch immer die soziale Herkunft in entscheidenden Maße die Bildungschancen fest. Wer aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommt, zu Hause keine hinreichende Förderung erhält, Migrationshintergrund hat, der hat es schwer in Deutschland. Damit scheitert das deutsche Bildungssystem krachend an einem seiner fundamentalen Aufträge: der Herstellung von Chancengerechtigkeit.
Mit beharrlicher, ideologisch bedingter Blindheit wird dabei wieder und wieder der negative Effekt eines ausgrenzenden dreigliedrigen Schulsystems übersehen. Mindestens aber sollte die jüngste Pisa-Studie die Einsicht weiter fördern, welche zentrale Bedeutung – gerade in großstädtischen Räumen – das flächendeckende Angebot an Ganztagsschulen hat.