Deutsche Stiftung Organtransplantation Das Vertrauen ist auch bei Ärzten erschüttert

Eigentlich könnte jeder einen Organspendeausweis mit sich führen. Aber die Spendenbereitschaft ist rapide zurück gegangen. Foto: dpa
Eigentlich könnte jeder einen Organspendeausweis mit sich führen. Aber die Spendenbereitschaft ist rapide zurück gegangen. Foto: dpa

Die Stiftung Organtransplantationen sucht Wege aus der Krise. Das größte Problem ist der Rückgang der Organspenden – 2013 gab es ein Minus von 16 Prozent. Verursacht wurde der Einbruch durch die Manipulationen an Wartelisten in einigen Kliniken.

Politik: Christoph Link (chl)
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Frankfurt - Das schicke Bürohochhaus in bester Lage am Deutschherrn-Ufer in Frankfurt am Main gibt eine Ahnung von der ruhmreichen Vergangenheit: Die Deutsche Stiftung Organtransplantationen (DSO), 1984 vom Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation gegründet, hat viel Leid gelindert. Es ist zu vermuten, dass dankbare Patienten die gemeinnützige Stiftung früher reichlich beschenkt haben, ihr Vermögen war „beträchtlich“, heißt es. Aber die heutige DSO, eine Schaltzentrale der Transplantationsmedizin, steuert im 30. Jahr ihres Bestehens durch schwieriges Fahrwasser. Sie hat eine eigene Krise meistern müssen und sorgt sich aktuell um die rückläufige Zahl an Organspenden. Skandale an einigen Kliniken haben die Bürger tief verunsichert.

Vor drei Jahren geriet die DSO durch einen anonymen Brief selbst in die negativen Schlagzeilen. Ein Gutachten entkräftete die genannten Vorwürfe später und stellte lediglich „kleinere Unregelmäßigkeiten“ fest, sagt Rainer Hess, der 2013 zum Interimsvorstand für die Restrukturierung der DSO berufen wurde. „Der Wert der Deutschen Stiftung Organtransplantationen ist nicht tangiert. Sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Transplantationsmedizin.“ In seinem Büro im obersten Stock hat der 73-jährige eine wunderbare Aussicht. Den Überblick muss Hess auch haben. Der renommierte Jurist und frühere Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses hat den Job des „Aufräumers“ in der DOS inne gehabt. Der sei nun „erledigt“, sagt er. Ende März endet seine Amtszeit und Axel Rahmel von Eurotransplant wird als Medizinvorstand nachrücken. Der kaufmännische Vorstand Thomas Biet bleibt im Amt.

Vertrauensbildung ist entscheidend

Unter Hess’ Ägide ist die DSO auf ein breites Fundament gestellt worden: Vertreter von Bund und Ländern sind in den Stiftungsrat geholt worden. Der für die DSO wichtige Bundesfachbeirat, früher mit Chirurgen besetzt, ist um Intensivmediziner, Neurologen, Hirntotspezialisten und Transplantationsmediziner erweitert worden. Auch für die Vertrauensbildung ist der Beirat wichtig. Er ist es, der Standards und Verfahrensanweisungen für eine Organentnahme entwickelt. Das mache zwar auch die Bundesärztekammer, sagt Rainer Hess, aber deren Richtlinien seien für die tägliche Arbeit der 700 bei der DOS unter Vertrag stehenden Entnahmechirurgen „nicht so hart definiert“. Mit der vollzogenen Strukturreform sieht Hess die DSO für die Zukunft gerüstet. Die DSO sei mit der Koordinierung von Transplantationen mit einer öffentlich-rechtlichen Aufgabe betraut und werde von den Krankenkassen bezahlt.

Das größte Problem ist der Rückgang der Organspenden – 2013 gab es ein Minus von 16 Prozent. Verursacht wurde der Einbruch durch die Manipulationen an Wartelisten in einigen Kliniken. In Göttingen steht deswegen ein Chirurg vor Gericht. „Ich hatte so einen dramatischen Rückgang nicht erwartet. Es ist traurig“, sagt Hess. Ja, es habe eine Verunsicherung in der Bevölkerung gegeben, aber auch eine Demotivation bei den Ärzten in den Entnahmekrankenhäusern. „Die sind zum Teil verärgert. Sie entnehmen Organe und fragen sich, was geschieht mit denen eigentlich?“ Der Transplantationsmediziner „sonne sich in seinem Erfolg“, der Entnahmechirurg stehe im Schatten, sagt Hess. Den Einsatzwillen der Ärzte zu stärken wird deshalb eine Schlüsselaufgabe sein. So weist Hess daraufhin, dass es trotz der Krise einigen Kliniken 2013 gelungen sei, die Zahl der Organentnahmen zu steigern.

Es kommt offenbar auf die Motivation der Ärzte und den sensiblen Umgang mit Angehörigen an. „Wir sind optimistisch. Der Wert der Organspenden wird in der Bevölkerung anerkannt. Wir werden Vertrauen zurück gewinnen“, zeigt er sich optimistisch. Eine Reihe von Maßnahmen wurde beschlossen: Alle Transplantationsprogramme werden überprüft, neuerdings müssen drei Personen über eine Aufnahme auf die Warteliste entscheiden(Sechs-Augen-Prinzip) und Eurotransplant wird selbst bei eiligen Verfahren mit eingebunden. Als vorrangige Aufgabe sieht Hess die Aufklärung an, wobei er wenig von lautmalerischen Aktionen hält. „Kampagnen können auch Gegenreaktionen auslösen. Damit rufen Sie die Kritiker auf den Plan.“ Er plädiert für eine sensible Aufklärung. 11 000 Menschen stehen in Deutschland auf der Warteliste. „Insbesondere bei Leberkranken ist eine Transplantation die einzige möglich Behandlung – da hängt das Leben von ab.“

Plakataktion macht auf Betroffene aufmerksam

Die DSO darf selbst keine Kampagnen machen. Das tut die ihr angegliederte Stiftung „Fürs Leben“; sie wird Ende Februar Plakate hängen: Da werden beklemmende Wartesituationen gezeigt, und es werden die Schicksale von drei jungen Leuten dargestellt: Michael Stapf (28) wartet seit acht Jahren auf eine Niere, Jennifer Bras (27) hängt am Sauerstoffgerät und hofft seit vier Jahren auf eine Lunge, Kevin Kerrutt (22) wartet auf ein Herz. Jennifer Bras sagt: „Je schlechter es mir geht, desto ungeduldiger werde ich, ich möchte doch leben.“

Rainer Hess hofft auf die rasche Einführung des Transplantationsregisters, das im Koalitionsvertrag versprochen wurde. Nur mit dem Register werde der Erfolgsweg von Organen nachgezeichnet werden können, man wird herausfinden, inwieweit das Verpflanzen von älteren Organen sinnvoll ist. Schließlich erwartet Hess eine neue ethische Diskussion in der Bundesärztekammer über die Kriterien für die Organvergabe: In Deutschland steht die Dringlichkeit im Vordergrund, in anderen Ländern wie Großbritannien ist es die Erfolgsaussicht. Soll man einem Schwerstkranken mit einer kurzen zu erwartenden Lebenszeit bevorzugen? Hess könnte sich vorstellen, dass „die Dringlichkeit nach hinten geschoben“ wird. Die Kriterien für die Lebertransplantation sollen bald neu formuliert werden. Es wird dabei bleiben, dass ein Alkoholkranker ein halbes Jahr trocken sein muss, bevor er eine Leber erhalten darf. Hess findet das gut: „In der Zeit regeneriert sich die Leber möglicherweise, so dass der Patient kein neues Organ braucht.“




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