Deutscher Buchpreis Das dunkle Herz der DDR

Schöne Fassaden wie hier in Wismar, aber wie sieht es dahinter aus? Foto: IMAGO/imagebroker/IMAGO/imageBROKER/Helmut Meyer zur Capellen

Einer weichgespülten Vergangenheitsbeschwichtigung setzt Anne Rabes Roman „Die Möglichkeit von Glück“ die Gewaltgeschichte des realexistierenden Sozialismus entgegen.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Irgendwann beginnt Stine damit, ihren Körper zu bestrafen. Zusammen mit ihrer Freundin versucht sie mit raffinierten Vorrichtungen, sich den Arm zu brechen. Er hält, aber innerlich muss einiges kaputt gegangen sein, um auf die Idee solcher Kinderspiele zu kommen. In Anne Rabes für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman „Die Möglichkeit von Glück“ deutet nichts auf das, was der Titel verspricht. Hier wird geschlagen, verletzt, verbrüht, zerstört.

 

Wenn Stine die Bilder vom Mauerfall ansieht, denkt sie, dass damit die Wunden der langen Teilung doch eigentlich geheilt worden sein müssten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Ständig platzen neue auf, was sie von der Hand ihrer Mutter am eigenen Leib erfahren muss. Und auch die Hand des Vaters ist nicht immer dort, wo sie hingehört.

Woher stammt die Gewalt, die hier zirkuliert, das Ineinander von emotionaler Kälte und latenter Wut, jederzeit auf dem Sprung unkontrolliert auszubrechen? Wie hängt, was sie selbst erfährt, mit all dem anderen zusammen: den Toten an der Mauer, den rechtsradikalen Anschlagsserien, den Baseballschlägerjahren und den Serien ostdeutscher Kindstötungen?

Verknäuelter Lebensfaden

Anne Rabes Roman ist keine westdeutsche Erfindung. Stine, die Ich-Erzählerin, teilt mit der Autorin die biografischen Daten, sie wurde wenige Jahre vor der Wende in der DDR geboren, ist im Osten aufgewachsen, in einem kleinen Städtchen, das sich mittlerweile zum Touristenmagnet herausgeputzt hat, hinter dem unschwer Wismar zu erkennen ist.

Der Aufbau Ost hat zwar die Stadtbilder saniert, gegen die Deformationen des Miteinanders vermag er nichts. „Wer wissen will, welche Abgründe hinter den fabelschönen Fassaden von Rostock bis Erfurt lauern, kann in die Wahlergebnisse der letzten Jahre schauen oder sich gleichgeschlechtlich auf dem Marktplatz von Cottbus küssen.“ Es reicht aber auch, diesen Roman zu lesen. Er ist das Dokument einer Vergangenheitsbewältigung, der Vergangenheit der eigenen Jugend.

Stine möchte verstehen, wo sie herkommt. In der Erinnerungskultur, auf die man in Deutschland so stolz ist, findet sie keine Antworten. Also macht sie sich auf den Weg in die Familiengeschichte, entlang des schwer zu entwirrenden Lebensfadens ihres Großvaters: Wehrmachtserfahrungen in Russland verknäueln sich mit politischen Hoffnungen einer DDR-Karriere und der späteren Verbitterung über Rentenkürzungen im wiedervereinigten Deutschland wegen zu großer Staatsnähe. „Opa Paul hat viele Leben geführt. Das Leben im Lumpenproletariat der Weimarer Republik, das Leben als Kanonenfutter, das Leben als Propagandist der SED und zum Schluss das des Betrogenen.“

Das Alte im Neuen Menschen

Anne Rabe ist bisher als Drehbuchautorin und Essayistin hervorgetreten, auch ihr Romandebüt findet in dem Ineinander von Reflexion und szenischer Anschaulichkeit zu einer eigentümlichen Form. Der Perspektive von Kinderaugen steht die dokumentarische Recherche gegenüber. Die eigentliche Medium des Erzählens aber ist der Körper: „Mutter schlug. Fester. Weil ich nicht weinte. Sie schlug fester und fester. Irgendwann musste sich dieses Kind doch ergeben. Mutter schlug, bis sie nicht mehr konnte.“

Es ist erstaunlich, was diese Montage aus Recherche, Literaturzitaten, Träumen und Erinnerungen, innerem und äußerem Zwiegespräch alles in den Blick rückt: Sie bricht das Schweigen über die Verbrechen der Anfangszeit der DDR, von denen kaum noch jemand weiß, „obwohl es nahezu keine Familie geben kann, die davon unberührt blieb“. Und wieviel Altes steckt im Neuen Menschen, wieviel Antisemitismus und Nationalismus in der realsozialistischen Ideologie – und wieviel Gewalt: „Wenn die Menschen zu blöd sind, das Richtige zu tun und sich immer nur um sich selber scheren, muss man sie eben zwingen.“

Anne Rabe schneidet tief ins Fleisch von der Zeit nicht geheilter Wunden und legt das dunkle Herz im Selbstbild des „besseren Deutschland“ frei, die vergessliche Ewiggestrigkeit jener, die einmal unter dem Vorsatz „nie wieder Faschismus“ aufgebrochen sind, um in einer Diktatur zu landen. Dem Besser-Wessi tritt der Besser-Ossi zur Seite.

Anne Rabe aber geht es nicht um Bescheidwissen: Das Bild, das ihre Recherche zusammensetzt, zersplittert in immer kleinere Teile, darin liegt seine Wahrheit. Was es zeigt, macht die westdeutschen Erfindungen des Ostens, an die jüngst der Autor Dirk Oschmann erinnert hat, nicht weniger empörend, aber es ergänzt sie um einige schmerzhafte Erfahrungen. Das alles klingt nicht unbedingt nach einer Möglichkeit von Glück. Aber vielleicht ist es doch genau das: Erinnerungsarbeit als Chance, den Fluch generationenübergreifender Gewalterfahrungen zu bannen.

Anne Rabe: Die Möglichkeit von Glück. Roman. Klett-Cotta. 384 Seiten, 24 Euro.

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