Normalerweise spreche man hier nicht über Geld, eröffnet die Direktorin des Deutschen Literaturarchivs, Sandra Richter, die Jahrespressekonferenz auf der Marbacher Schillerhöhe. Doch es spricht für die Bedeutung dieser Institution, wenn sie in diesen klammen Tagen vom Haushaltsausschuss des Bundestages einen Sonderetat bewilligt bekommt, auch wenn die knapp zwei Millionen Euro verglichen mit anderen Summen, um die hier gefeilscht werden, eher überschaubar sein mögen. Sie sollen zum größeren Teil dem Programm „Das freie Wort sichern“ zukommen, dessen Titel schon darauf weist, wie eng Archiv- und Zeitgeschehen miteinander zusammenhängen.
Drei Schwerpunkte sollen mit den Projektmitteln gesetzt werden, erläutert Sandra Richter. Exil und Migration ist einer davon: In einer Zeit, in der überall in der Welt Autorinnen und Autoren verfolgt werden, liegt das Augenmerk auf dem, für das die Direktorin das schöne Wort Archiv-Asyl geprägt hat. Der Wandel der Öffentlichkeit und die Frage von Geschlechtergerechtigkeit sind weitere Aspekte.
Tor zur Literatur
Und wie sehr hier die Entwicklung der Literatur nicht nur von oben herab verfolgt wird, zeigt das zweite neue Projekt, in das die Fördersummen des Sonderetats fließen sollen: Science-Fiction-Literatur. „Wir wollen uns eingehend mit der Unterscheidung von U und E beschäftigen“, sagt Sandra Richter .
Auch wenn hier normalerweise nicht über Geld gesprochen wird, steht es doch zentral im Raum, vor allem in dem, der mit der Erweiterung des Archivs erst noch geschaffen werden soll: Der Bund habe dafür bereits 73 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Man müsse nun abwarten, bis der baden-württembergische Landtag den Kabinettsbeschluss, weitere 73 Millionen freizugeben, absegnet, sie empfange positive Signale, sagt Sandra Richter und zeigt sich zuversichtlich, dass sich die Kosten im Rahmen der im Augenblick dafür veranschlagten 151 Millionen halten. Auf dem dafür vorgesehenen Terrain wurde bereits fleißig gebohrt um die Eignung des Untergrundes für das „Tor zur Literatur“, wie der Neubau heißen soll, zu prüfen. Schon im April werde ein internationaler Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Welcher launige Hintersinn mag aber darin liegen, dass Sandra Richter den Stand der Dinge über Kafkas Türhüter-Parabel erläutert? Darin öffnet sich das Tor bekanntlich erst, als es zu spät ist.
Statt Schäuble kommt Schischkin
Doch Kafka ist in diesem Jahr nun einmal allpräsent: Am 12. Mai, knapp einen Monat vor dessen hundertstem Todestag eröffnet die Ausstellung „Kafkas Echo“, für die sich die drei großen Nachlass-Zentren in Oxford, Jerusalem und Marbach zusammengetan haben. Gezeigt werden Manuskripte, darunter „Der Prozess“, Briefe, Fotos und Erinnerungsstücke. Und zu den vielen Fragen, deren Klärung die Leiterin der Museumsabteilung Vera Hildenbrandt verspricht, zählt auch die: Wo war Kafka zwanzig Jahre nach seinem Tod? Zum 100. Geburtstag Siegfried Unselds im September zeigt eine Ausstellung die Nachkriegsliteratur im Spiegel der Korrespondenz des legendären Suhrkamp-Verlegers. Und im November zieht Schiller um: Im frisch sanierten Schiller-Nationalmuseum eröffnet die neue Dauerausstellung „Schiller-Hoch-Drei“, deren Titel darauf schließen lässt, dass an traditionellen Beständen neue Potenzen digitaler und medialer Vermittlung erprobt werden. Die Schillerrede in diesem Jahr hätte eigentlich der unlängst verstorbene Politiker Wolfgang Schäuble halten sollen. Statt seiner spricht nun der russische Exilautor Michail Schischkin. Über historische und zeitgenössische Tyrannenerfahrungen hat der erbitterte Kremlkritiker vermutlich einiges zu sagen.
Unter den Neuerwerbungen des letzten Jahres sind eine Else-Lasker-Schüler-Sammlung hervorzuheben, ein erster Teil des Nachlasses Guntram Vespers, ein französisches Familienarchiv mit Briefen von allem was im letzten Jahrhundert Rang und Namen hatte, nebst handschriftlichen Notizen Marcel Prousts. Außerdem ein Manuskript von Martin Heideggers Trakl-Vortrag, Wortspielzeuge von Hans Magnus Enzensberger und ein Holzbumerang Wolfgang Herrndorfs, um nur das Wichtigste zu nennen.
Das alles kostet. Womit wir wieder beim Geld wären. Der Präsident der Deutschen Schillergesellschaft Kai Uwe Peter stellt die schon länger erwartete Gründung der Deutschen Literaturstiftung vor: eine Art Sparkasse für das Archiv, das der Einrichtung helfen soll, ein eigenes Vermögen aufzubauen. Peter weiß wovon er spricht, er ist Geschäftsführer des Berliner Sparkassenverbandes.