Deutschland gegen Türkei Kapitän Ilkay Gündogan: Eine Geschichte voller Brisanz

Der Kapitän der Nationalelf: Ilkay Gündogan am Ball Foto: imago/MIS

Der Deutsch-Türke Ilkay Gündogan führt die DFB-Elf am Samstag gegen die Türkei als Kapitän aufs Feld – es ist eine Geschichte mit brisanter Vor-Geschichte.

Sport: Marco Seliger (sem)

Wenn man es nicht besser wüsste und die Vorgeschichte nicht kennen würde, die Story wäre so etwas wie der Höhepunkt gelungener Integration. Ein Musterbeispiel. Ohne Makel, ohne G’schmäckle. Ilkay Gündogan, geboren in Gelsenkirchen, Sohn türkischer Gastarbeiter, führt die DFB-Elf an diesem Samstag (20.45 Uhr/RTL) gegen die Türkei als Kapitän aufs Feld. Schon Gündogans Großvater war einst nach Deutschland gekommen, um im Ruhrgebiet als Bergmann zu arbeiten. Sein Enkel trifft nun als Spielführer der Nationalelf auf das Heimatland der Vorfahren, dazu in Berlin, dem türkischen Epizentrum Deutschlands – die Sache hätte sogar eine romantische Note.

 

Der deutsch-türkische Kapitän Gündogan wäre in politisch unruhigen Zeiten, in Zeiten der Ressentiments, auf der Bühne Olympiastadion ein Beispiel für eine Gegenbewegung in dieser Republik: spielerisch und integrativ, als sportlicher Anführer einer weltoffenen DFB-Elf.

Wenn da nicht die Sache mit diesem Foto wäre, die dann doch ein gewisses G’schmäckle bei der Geschichte liefert.

Rückblick, Mai 2018: Ein paar Wochen vor der WM in Russland lassen sich Gündogan und sein Mitspieler Mesut Özil mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan ablichten. Der despotische Machthaber befindet sich im Wahlkampf, in Deutschland entbrennt eine hitzige Debatte über die beiden deutsch-türkischen Nationalspieler. Es geht um angeblich mangelndes Zugehörigkeitsgefühl und vermeintlich fehlende Bekenntnisse zu Deutschland, solche Dinge. Es folgt ein Krisentreffen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, doch der Brand lässt sich mit Blick auf die WM nicht mehr löschen. Auch, weil der DFB mit seinem miserablen Krisenmanagement Öl ins Feuer gießt. Es ist der Tiefpunkt in der Karriere des Ilkay Gündogan.

Pfiffe in Leverkusen

Obwohl sich der Mittelfeldmann im Gegensatz zu Özil nach dem Foto öffentlich erklärt („jetzt so dargestellt zu werden, als seien wir nicht integriert, ist für mich ein tiefer Schlag“), wird er im Juni 2018 bei einem WM-Test in Leverkusen gegen Saudi-Arabien von Tausenden Fans ausgepfiffen. Die Foto-Affäre lastet auch beim Turnier in Russland auf der DFB-Elf. Die Stimmung im Team ist miserabel. Nach dem Vorrunden-Aus ist dann in weiten Teilen der öffentlichen Wahrnehmung aber die Stammkraft Özil der Sündenbock – auch, weil Gündogan im Turnier insgesamt nur 60 Minuten lang zum Einsatz kommt.

Das Ende ist bekannt: Özil beendet nach der WM seine DFB-Karriere und wirft dem Verband sowie Teilen der Gesellschaft Doppelmoral und Rassismus vor. Es kommt zum Bruch mit dem DFB. Längst gibt es keinen Kontakt mehr zum Weltmeister von 2014, zu dem Mann also, der einst das leuchtende Beispiel für Integration gewesen ist. Seit 2019 ist Özil verheiratet. Sein Trauzeuge heißt Recep Tayyip Erdogan. Immer wieder macht der frühere Spielmacher durch fragwürdige Haltungen auf sich aufmerksam, jüngst veröffentlicht er nach dem Terrorangriff auf Israel einen pro-palästinensischen Beitrag im Netz.

Um Gündogan wurde es nach der WM 2018 dagegen ruhiger. Schon im März 2019 war er deutscher Kapitän, als er in der Halbzeit des Spiels gegen Serbien die Binde von Manuel Neuer übernahm. Anders als Özil ging Gündogan in der Folge weiter offen mit dem Erdogan-Foto um, er erklärte sich und blieb fester Bestandteil der DFB-Auswahl. Ohne Zweifel ist er im Vergleich zu Özil der reflektiertere und eloquentere Profi. Diplomatisches Geschick hat der 33-Jährige oft bewiesen – im Gegensatz zu Özil, der von Beratern umgeben ist, die in seinem Namen Botschaften verfassen und in die Welt senden.

Die Kehrseite

Gündogan dagegen ist weiter am Ball beim DFB. Er wird längst nicht mehr ausgepfiffen bei Heimspielen des Nationalteams, auch wenn das Erdogan-Foto bis heute auf der Bildfläche ist, nie verschwinden und als Kehrseite der Geschichte bleiben wird. Und auch wenn Gündogan bis heute mit der Heimat seiner Eltern verwurzelt ist, was einige Menschen in Deutschland ja schon als Kritikpunkt sehen. Der Gündogan, ein Türke, unser Kapitän, das geht nicht – so oder so ähnlich lautet das rechte Gedankengut über den Mann im Zentrum des deutschen Spiels.

Gündogans Eltern stammen aus Dursunbey, einer Kreisstadt der Provinz Balikesir in der Türkei. Der DFB-Kapitän hält engen Kontakt und ist dort als Mäzen tätig. Unter anderem hat er dort das neue Stadion des ortsansässigen Fußballvereins mitfinanziert.

Jetzt also steigt mit dem Test gegen die Türkei ein Höhepunkt in Gündogans DFB-Karriere. „Es wird ein sehr besonderes Spiel für mich“, sagt der Profi des FC Barcelona und betont die Bindung zur Türkei: „Ich versuche, jedes Jahr mindestens einmal dorthin zu reisen. Istanbul ist eine meiner Lieblingsstädte, und ich liebe das türkische Essen.“

Besagte Liebe schließt Gündogans Identifikation mit der DFB-Elf aber nicht aus – und so wird er auch am Samstag versuchen, den Spielführer im Wortsinne zu geben: als Taktgeber, der das deutsche Spiel lenkt und leitet mit seinen Pässen, der vorangeht mit seiner Ruhe und dem souveränen Blick auf das Wesentliche – den er im übertragenen Sinne wohl nur einmal verloren hat: vor fünfeinhalb Jahren, beim Foto mit Erdogan.

Weitere Themen