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Deutschland Wandern bis zum Morgen

Von Gabriele Kiunke 

Einen Tag und eine Nacht wandern, das ist das Konzept von 24-Stunden-Wanderungen, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen. Schinderei oder Spaß? Unsere Autorin ist an der Mosel mitgewandert.

Über die Höhen des Hunsrücks führt die 24-Stunden-Wanderung. Foto: Artur Feller, Kultur und Kur GmbH
Über die Höhen des Hunsrücks führt die 24-Stunden-Wanderung. Foto: Artur Feller, Kultur und Kur GmbH

Die Stirnlampen werfen Lichtflecken in die Dunkelheit. Links und rechts des steilen Weges sind Weinreben zu erkennen, im Tal funkeln die Lichter von Bernkastel-Kues, einem 7500 Einwohner zählenden Städtchen an der Mosel. Es ist kurz nach 22 Uhr , und 35 Kilometer liegen noch vor den Wanderern, die sich gerade wieder aufgerafft haben. Gestärkt von einem Teller Nudeln und ziemlich verwundert ob der eigenen Leistung am Tag. 45 Kilometer! Das ist mehr als die meisten Hobbywanderer, die Autorin eingeschlossen, jemals am Stück gewandert sind. Jeder Schritt toppt nun die persönliche Bestleistung, entsprechend gelassen geht es in die Nacht, die ein ganz besonderes Wandererlebnis verspricht, schwärmen erprobte 24-Stunden-Wanderer wie Alex Hombergs, der mit Frau und 17-jähriger Tochter unterwegs ist. „Das ist die erste von fünf 24-Stunden-Touren in diesem Jahr“, erzählt Hombergs und es klingt, als berichte er von Urlaubsreisen. Wie bitte, die erste von fünf? Wie verrückt muss man sein, um so oft durch die Nacht zu wandern? Doch Extremwanderungen ziehen immer mehr Hobbywanderer in ihren Bann. Zwischen Ostsee und Bodensee lockt in diesem Sommer fast monatlich ein solches Event. Organisatoren sind oft die Tourismusvereine, die ihre Region als Wanderdestination präsentieren und auch jüngere Urlauber anlocken wollen. Mit Erfolg, so die Erfahrung in Bernkastel-Kues vor der vierten Veranstaltung.

Los geht die Wanderung

Im Sauseschritt füllte sich die Liste für die 200 Plätze. „40 Prozent unserer Teilnehmer sind Wiederholungstäter“, erzählt der Organisator Claus Conrad, als er mit seinem Team am Vorabend in der Grundschule alles herrichtet. Was lockt die Wanderer? „Die Atmosphäre, die Gemeinschaft“, weiß Conrad. Wandercracks wie Familie Hombergs sagen: „Es ist das Hochgefühl danach.“ Auch Daniela Trauthwein ist zum zweiten Mal am Start. Letztes Jahr musste die Verlagsangestellte aus Bad Bergzabern die Tour abbrechen, weil ihre Zehen zu stark schmerzten. „Dieses Mal will ich es packen“, sagt sie und sucht die „körperliche Herausforderung“. Die Startbedingungen sind wenig vielsprechend. Die Wetterfee ist auf Abwegen. Am Morgen regnet es wie auch schon die halbe Nacht. Der Stimmung beim gemeinsamen Frühstück tut das keinen Abbruch. „Dann bekomme ich schon keinen Sonnenbrand wie beim letzten Mal“, unkt eine Teilnehmerin und fachsimpelt mit ihren Wanderkollegen über den richtigen Regenschutz. Jeder Teilnehmer ist registriert und nummeriert, es soll ja niemand verloren gehen. Deshalb heißt es alle fünf bis acht Kilometer „bitte stempeln“. 17 freie Felder sind zu füllen. An der ersten Versorgungsstation drängeln sich noch alle, danach zieht sich das Feld auseinander. Wer nicht mit einer Gruppe marschiert, beherzigt automatisch den Rat erfahrener Wanderer: immer schön das eigene Tempo laufen. Das fällt nicht schwer, denn eine 24-Stunden-Wanderung ist kein Wettkampf. Wie schnell man ins Ziel kommt, spielt keine Rolle.

Der Regen nervt, doch zum Glück lässt er nach wenigen Stunden nach. Der Anstieg vom Moselufer auf die Höhen des Hunsrücks bringt den Körper auf Touren. Und schon bald stellt es sich ein: das wohlige Gefühl, wenn die Beine wie von selbst laufen, nichts drückt, belastet, alles passt und der Kopf ganz frei wird. Die Sinne sind offen für die Schönheit von Natur und Landschaft: die Weite des Hunsrücks, der Wechsel zwischen Wald und Wiesen, das Wolkengeschwader am Himmel, die Farbe Grün in allen Nuancen - von hell wie junge Buchenblätter über intensiv wie das Moos am Bachlauf bis zum dunklen Ton des Bärlauchs. Als am späten Nachmittag das kleine Dorf Monzelfeld in den Blick kommt, unterhalten Roland Haesse und Udo Möller, Einheimische in den besten Jahren, mit Witzen über die Dorfbewohner, die als nicht ganz so helle gelten. So sollen sie ihre Schule auf einem Hügel gebaut haben, „damit die Eltern sagen können, mein Kind geht in die höhere Schule“, witzeln die Männer. Udo wandert eigentlich nie, trotzdem hält er sich konditionell noch so fit wie mit Anfang zwanzig, als er bei der Bundeswehr lange Gewaltmärsche zurücklegte. Seitdem ist er nicht mehr gewandert, die 24-Stunden-Wanderung reizte ihn aber so, dass er sich einfach anmeldete. Männliche Selbstüberschätzung? Abwarten.

Erschöpfung macht sich breit

Die Gegend ist einsam, vielleicht sind deshalb die Häuser in den kleinen Weilern eng aneinandergebaut. Hier rücken die Menschen zusammen und helfen sich gegenseitig, auch wenn es darum geht, 200 Wanderer zu verpflegen. Einkehr ist bei der örtlichen Feuerwehr oder im Sportverein, wo es selbst gebackenen Kuchen, Käsebrötchen und Apfelschorle gibt. Kostenlos von ehrenamtlichen Helfern bereitgestellt. Natürlich kommt der Punkt, an dem man sich fragt, warum noch weiter? Dann drückt eine bleierne Müdigkeit aufs Gemüt, die Beine schmerzen und Aufhören erscheint als verlockendste Option. Eine Pause tut gut, Kaffee putscht etwas auf. Das Aufstehen danach - aua, als ginge man auf Eiern. Das Tempo wird langsamer, der Abstand zum Vordermann größer. Ein Schritt, noch ein Schritt und noch einer. Nur gehen, nicht denken. Wie der eigene Körper auf eine stundenlange Dauerbelastung reagieren wird, lässt sich nicht vorhersagen, selbst dann nicht, wenn man 20 bis 30 Kilometer Wandern gewohnt ist, so wie Daniela.

In der Nacht nach mehr als 50 Kilometern beginnt das Knie zu schmerzen. Als sie danach schaut, ist es bis auf Tennisballgröße angeschwollen. Um 2 Uhr gibt sie auf, enttäuscht und frustriert. „Ich würde gerne weiter, doch das wäre nicht vernünftig.“ Recht hat sie, aber sehr schade. Mit ihr verabschiedet sich auch ein junger Mann. Neue Schuhe, Blasen, totale Erschöpfung. Fitness scheint keine Frage des Alters. Also weiter. Und das geht. Die Umgebung ist Nebensache, das Klackern der Stöcke die Begleitmusik wie in der Endlosschleife. Lichter in der Ferne werden zum Sehnsuchtsziel. Nach jedem Tief kommt ein Hoch, unglaublicherweise auch morgens um 5 Uhr, wenn noch eine Distanz vor einem liegt, die man sich sonst für eine Tagestour vornehmen würde: 14 K i l o m e t er. „Sie schaffen das“, muntern die ehrenamtlichen Helfer auf, als die vorletzte Station erreicht ist. Da dämmert bereits der Morgen, von den Vögeln zwitschernd und pfeifend angekündigt. Raureif liegt auf der Wiese, der Vollmond erstrahlt ein letztes Mal am heller werdenden Himmel. In der Ferne wähnt man das Moseltal. Ein letztes Mal bergauf, bevor es die letzten Kilometer am Fluss entlang geht. Um 8.03 Uhr, nach 22 Stunden, 81,7 Kilometern endlich das Ziel. Daniela wartet schon und fotografiert fröhlich. Und Udo? Sitzt beim Kaffee. „Eiserner Wille“, behauptet er lapidar. Oder doch heimliches Training?