Warum tut er sich das an? Andreas Wieland hatte einen Job, der einerseits sichere Strukturen bot, andererseits mit Verantwortung verbunden war. Und doch gab er diesen auf, um Geschäftsführer der Diakonie der evangelischen Brüdergemeinde Korntal zu werden – einem Sozialunternehmen, das Einrichtungen verantwortet, in der zwar die Schwächsten der Gesellschaft betreut werden, die aber nicht wirtschaftlich sind. „Ich habe die dumme Angewohnheit, Herausforderungen gerne anzunehmen“, sagt Wieland. „Es wäre ein schöner Abschluss.“
Wieland wurde in der Region Stuttgart groß, lebt heute mit seiner Familie in Korntal. Seit rund einem halben Jahr ist er im Amt. Seit 2014 war Wieland im Evangelischen Schulwerk des Landes zuständig für die Bildungsentwicklung an Fachschulen und beruflichen Schulen für Sozialpädagogik und Pflege, zuletzt als stellvertretender Geschäftsführer. Nun wechselte der 57-Jährige in die Diakonie, er sagt: „Die Diakonie Korntal muss sich ein Stück weit neu erfinden.“
Die Diakonie der evangelischen Brüdergemeinde ist nach eigenen Angaben eines der ältesten Sozialunternehmen der Region. Sie betreibt Kitas, verantwortet Kinder- und Jugendheime, ein Seniorenzentrum und einen Schulbauernhof – mit insgesamt knapp 600 Mitarbeitern.
Mehrzahl der Bereiche schreibt rote Zahlen
Das Angebot ist über Jahrzehnte und mit den Bedarfen in der Gesellschaft gewachsen, doch die Strukturen blieben unverändert: Verträge wurden laut Wieland nicht angepasst, Einrichtungen als Solitär betrieben, an teurem Personalleasing wurde festgehalten.
Die Mehrzahl der Bereiche habe keine positive Deckungsbilanz, sagt Wieland. Sie schreiben rote Zahlen. Gleichwohl ist die Diakonie als Jugendhilfeträger im Landkreis ein fester Partner der Jugendämter, der gesamtgesellschaftlich gegebene Bedarf am diakonischen Angebot ist hoch.
Als Geschäftsführer, der den Gesellschaftern verpflichtet ist, muss Wieland auf die Wirtschaftlichkeit des Angebots achten. „Wir sind in einem Sanierungsprozess“, sagt er. Aber sollte dies auf Kosten der Jüngsten oder auch Schwächsten der Gesellschaft geschehen? Undenkbar für den Geschäftsführer, der fest im Glauben verwurzelt ist. 300 junge Menschen werden allein stationär im Kinder- und Jugendheim betreut, 250 im Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum, 125 in den Kitas – und 105 Senioren im Altenzentrum.
Erste Impulse stoßen nicht nur auf Zustimmung
Aber er spricht für die Korntaler Diakonie aus, was bundesweit diskutiert wird: Ein „Weiter so“ kann es angesichts einer Unterfinanzierung und des Fachkräftemangels nicht geben. Entsprechende erste Impulse, die von ihm ausgingen, gefallen nicht jedem. Denn letztlich rüttelt er damit an dem Bild, das die Diakonie der Brüdergemeinde über Jahrhunderte von sich hatte, auch nach außen hin vermittelte: Ein starker Einzelkämpfer nimmt sich der Schwachen in der Gesellschaft an. Wieland spricht von einer „konservativen Bewahrungsstrategie“. Doch in einer Zeit, in der bundesweit Fachkräfte fehlten, andernorts flache Hierarchien gelebt würden, das Wohlergehen nicht nur der Schutzbefohlenen, sondern eben auch der Mitarbeiter gewährleistet werden müsste – „unter dem höchsten Einsatz auch von mir“ – , ist die Bewahrungsstrategie Wieland zufolge nicht mehr richtig. Er formuliert es freilich anders, betont die Vernetzung mit innovativen sozialen Ideengebern, die Kooperation mit Einrichtungen, und einer stärkeren Partnerschaft zum Diakonischen Werk.
Kooperation mit Hochschulen angedacht
Darüber hinaus denkt er an Kooperationen mit Hochschulen. Dort seien die jungen Menschen, die fachlich auf dem neuesten Stand seien und Ideen hätten, „diese Energie brauchen wir hier.“ Der Internationalen Hochschule Liebenzell machte er ein Angebot in Bezug auf Strukturen. „Ich sagte, ihr könnt unsere Diakonie als Experimentierlabor nutzen.“ An der Hochschule im Kreis Calw werden rund 300 Studierende in verschiedenen Bereichen der Evangelischen Theologie, Pädagogik und Sozialen Arbeit ausgebildet.
Wieland will die Diakonie öffnen. Einerseits für neueste fachliche Entwicklungen, andererseits für neue Mitarbeiter, die in der Diakonie der Brüdergemeinde „zu einem Teil von morgen“ werden können. Und die durch Kontinuität für die Kinder und Jugendlichen zur verlässlichen Beziehungsperson werden – die diese so dringend benötigen, weil sie sie zuhause nicht haben.
Ohne den Gesellschafter, die Brüdergemeinde, ist der Wandel in der Diakonie nicht möglich. Von dicken Brettern, die zu bohren wären, will er nicht sprechen. „Man muss die Dinge begründen“, sagt er schlicht. „Blinder Gehorsam funktioniert nicht.“ Mit blindem Vertrauen sei ihm aber auch nicht geholfen. Er vertraut auf die Kraft der Überzeugung. Die Energie dafür holt er sich in Italien, beim Lesen, beim Klavierspielen und auf dem Rad.
Die Gemeinde und ihre Diakonie
Die Diakonie
Die 1823 gegründete Diakonie der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal betreibt mehrere Einrichtungen der Jugend- und Altenhilfe, Kitas, einen Schulbauernhof, offene Betreuungsangebote und Schulen mit besonderen pädagogischen Schwerpunkten (SBBZ). Hauptstandorte sind Korntal mit mehreren Außenstandorten sowie Wilhelmsdorf bei Ravensburg.
Die Gemeinde
Die 1819 gegründete Evangelische Brüdergemeinde Korntal ist als selbstständige Gemeinde vertraglich mit der Evangelischen Landeskirche Württemberg verbunden und Gesellschafter der Diakonie.