Früher schlotzten Gäste des Hotels am Schlossgarten hier Prosecco und Viertele: Der verlebte Charme mit Plüschbänken, Holzvertäfelungen und Messinghandläufen ist zwar geblieben, inzwischen hängt aber ein Lady-Gaga-Porträt über der Theke. Zu Ehren der US-Nonkonformistin heißt der Miniclub Studio Gaga. Wie ein Szeneladen wirkt die schummrig ausgeleuchtete, am späten Freitagabend leider nur spärlich besuchte Pop-up-Disco zwar noch nicht, trotzdem hat Diana Burkot vom russischen Punk-Kollektiv Pussy Riot das queere Wohnzimmer für knapp eine Stunde mit ihrem Soloprojekt Rosemary Loves A Blackberry zum Underground-Hotspot gemacht.
Es ist cool, Aktivistin zu sein
Tags zuvor hatte die 38-Jährige mit ihren Kolleginnen von Pussy Riot den Dachauer Preis für Zivilcourage bekommen. Vor ihrem Auftritt im Studio Gaga würdigt Landtagspräsidentin Muhterem Aras die Musikerin und Aktivistin. „Diese Welt braucht mehr solcher starker Frauen wie Diana“, sagt Aras. Zivilcourage sei Bürgerpflicht, das Jahr 2024 habe in diesem Sinne gut angefangen, weil zuletzt viele Menschen gegen rechts aufgestanden seien. Diana Burkot spricht von politischem Protest, der Spaß macht. „Do Something! Being an activist is really cool“: Tut etwas! Eine Aktivistin zu sein, ist cool!
Apokalyptischer Elektropop
Für ihre Bühnenperformance projiziert sie per Laptop Videos auf eine Leinwand, aus einer Nebelmaschine wabern blau angestrahlte Schwaden über den Boden. Im Film kocht eine Frau einen Sud aus Roter Beete und färbt damit Gehwege und Treppen blutrot, später wird ein nackter Mann damit besudelt, eine Frau in Weiß lässt den Saft in Strömen aus ihrem Mund laufen, bis ihr Kleid komplett durchnässt ist. Auch ohne konkrete Botschaft vermitteln die Bilder ein mulmiges Gefühl.
Burkots apokalyptischer Elektropop erzeugt mit ihrer sphärisch hellen Stimme enorme Spannung zu den verstörenden, ästhetisch komponierten Bildern. Zu den immer härteren Beats schüttelt sie sich in Ekstase, singt mal im Liegen oder wälzt sich auf dem Teppich. Beim Tanz mit den Gästen durchbricht Diana Burkot die Grenze zwischen Künstler und Publikum. Irgendwann sind die Leute im Club Teil ihrer wilden Performance, die allerdings so plötzlich endet, wie sie begonnen hat. Mit einem scheuen Lächeln verschwindet Diana Burkot im Waschraum. Das seltsame Glück, dass hier in Stuttgart der Underground getobt hat, bleibt.