Die besten Tipps auf Sylt Fischbrötchen oder Luxus-Pizza?

Der Söl’ring Hof thront hoch auf einer Düne über Rantum. Hier kann man seit neuestem nicht nur mit zwei Michelin-Sternen gekrönte Küche erleben, sondern auch mittags einen besonderen Lunch genießen. Foto: /imago stock&people

Seeluft macht hungrig. Gut, dass sich Genussmenschen auf Sylt bestens durchfuttern können: vom einfachen Snack über Milchreis und Wiener Schnitzel bis hin zur verrückten Pizza für knapp tausend Euro ist hier alles zu haben. Ein kulinarischer Streifzug.

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Es geht auch einfach, sogar auf Sylt. Flachdachbude statt Reetdach, Ligusterhecke statt Heckenrosen, Holzbank statt Strandkorb, dazu der pittoreske Ausblick auf die Schranke zum Campingplatz Südhörn. Der Kiosk Tofree in Tinnum passt nicht wirklich ins Hochglanz-Klischee der Insel, wo angeblich nur die Reichen und Schönen urlauben.

 

In einer Küche, kaum größer als eine Duschkabine, zaubert Fabian de Vries Köstlichkeiten wie scharfes Hühnchen „Piri-Piri“ oder den portugiesischen Stockfisch Bacalau. Der 36-Jährige kochte zuvor im Strandbistro S-Point zwischen Wenningstedt und Westerland. Als seine Frau schwanger wurde, wünschte sich der gebürtige Wilhelmshavener familienfreundlichere Arbeitszeiten. „Wir wollten einen lässigen Platz schaffen, an dem man auch mehrmals die Woche essen kann, ohne gleich pleite zu sein“, sagt Nora de Vries über ihr Tagesbistro.

Keine Lust mehr auf Milchreis und Currywurst

„Eigentlich könnte ich das halbe Gehalt meiner Mitarbeiter auch direkt ans Tofree überweisen“, scherzt Jan-Philipp Berner, Zweisternekoch im Söl’ring Hof in Rantum. Das Tofree – Friesisch für „zufrieden“ – ist die inoffizielle Mitarbeiterkantine der Insel-Gastronomie. Morgens holen sich die Camper im Bademantel Brötchen und die „Bild“, während am Tisch in der Ecke auf den freien Tag angestoßen wird. Fabian de Vries bezeichnet seine Kreationen als „unkompliziert, mit einem Twist Sonne.“ Der Koch hatte keine Lust mehr auf diese „beknackte Milchreis-und-Currywurst-Nummer“. Gerichte, die seit Generationen auf Sylt zum kulinarischen Kanon gehörten, gemeinsam mit Burger, Schnitzel, Flammkuchen.

Günstig satt wird man mit einem Backfischbrötchen für fünf Euro bei Fisch Blum, der unbekannteren Konkurrenz von Jürgen Gosch. Die teuerste Speise gibt es im Restaurant Henry’s im mondänen Inselort Kampen: Eine Pizza belegt mit Hummer, Languste, Golden Kaviar Imperial Premium, Balik Lachs und gehobeltem italienischen Trüffel. Preis: 999 Euro, nur auf Vorbestellung mit Anzahlung und fünf Tagen Vorlauf. Den Namen des Gerichts, „Pizza Tippi Toppi“, hätte sich Dieter Bohlen nicht schöner ausdenken können. Erfunden wurde das Gericht tatsächlich von einem Dieter, dem aus Kärnten stammenden Gastronomen Dieter Gärtner, eigentlich als Scherz. Doch die „Tippi Toppi“ wird tatsächlich bestellt. Ein paarmal im Jahr – wie der joviale Wirt gut gelaunt erzählt.

Die Zahl der Michelin-Sterne sinkt

Nach Erhebungen von Sylt Tourismus gibt es mehr als 200 Restaurants auf der Insel, Tendenz steigend. Die Zahl der Sternelokale hingegen sinkt seit Jahren. Alexandro Pape, früher im Fährhaus Munkmarsch mit zwei Sternen gekrönt, stellt jetzt in List Meersalz her, braut Bier, formt Pasta und gibt Kochkurse. Johannes King, einst Träger eines Sterns, führt ein Bistro am Kreisel in Keitum und radelt für gute Zwecke über die Alpen oder nach Paris. Der Altmeister beobachtet die Gastro-Szene mit Interesse und freut sich über jede Neueröffnung: „Sylt hat viele wiederkehrende Gäste, die viel Erfahrung haben. Wenn die Leute eine große Auswahl haben, das macht ein Plus an Urlaubsgefühl. Wir profitieren alle.“

Nun ist Holger Bodendorf in Tinnum der dienstälteste Besternte – seit 20 Jahren in Folge. Anfang 2023 hat der aus Heiligenhafen stammende sendungsbewusste Koch das Landhaus Stricker aufgemöbelt. Der blumige Laura-Ashley-Stil musste weichen, stattdessen gibt es jetzt einfarbig-bunte Polstermöbel und schrille Pop-Art an den Wänden. Bodendorf ist als Fernsehkoch deutschlandweit bekannt, dennoch kocht er tatsächlich noch selbst. „Wo Bodendorf draufsteht, ist auch Bodendorf drin“, sagt der 56-Jährige. „Kochen ist keine Kunst, das ist Handwerk, bestehend aus Disziplin, Leidenschaft und richtig guten Produkten.“ 60 Prozent der von ihm verwendeten Produkte stammen aus Schleswig-Holstein. „Außerdem sind wir im Hotel komplett papier- und plastikfrei.“

Auch Kollege Jan-Philipp Berner im Söl’ring Hof hat renoviert. Wie ein kleines Schlösschen thront das herrschaftliche Haus auf einer Düne über Rantum. Das nagelneue Reetdach glänzt golden wie eine Krone. „Die Auffahrt zu uns ist so lang, dass sich nicht jeder rauf traut. Dabei möchten wir ein Haus für alle sein“, sagt der Sternekoch. Seit Kurzem bietet er von Mittwoch bis Samstag, immer um 13 Uhr, eine kleine Karte für alle, die gerne bei ihm essen wollen, aber das achtgängige Degustationsmenü zu teuer finden. Der Lunch wird gereicht im neu eröffneten JP’s Wohnzimmer, einem nur 16 Plätze fassenden gemütlichen Raum im Erdgeschoss mit nordseeblauen Wänden und steingrauen Sesseln.

Ein paar Kilometer weiter herrscht deutlich mehr Betrieb: An sonnigen Tagen haut die Küchenmannschaft der Sansibar bis zu 5000 Essen raus. Bei schlechtem Wetter sind es immerhin noch um die 3000 Mahlzeiten. Notorisch gut gelaunte Mitarbeiter balancieren die Speisen im Slalom um die auf jeder noch so kleinen Planke sitzenden Gäste fast bis zum Strand. Einfach am Laufsteg der Eitelkeiten sitzen, Leute gucken, den Tag verbummeln – das gehört für viele zwingend zum Sylt-Urlaub dazu.

Die Bretterbude ist Kult

Die Sansibar ist eine Sehenswürdigkeit. Seit 1978. Der Chef Herbert Seckler sitzt tagein, tagaus auf seinem Bänkle, direkt neben dem Eingang rechts. Der Kultwirt ist inzwischen 71 Jahre alt und denkt noch lange nicht ans Aufhören. „Das hier ist der schönste Ort der Welt. Warum soll ich woandershin?“, fragt der gebürtige Schwabe. Herbert Seckler stammt aus Wasseralfingen bei Aalen, seine Ehefrau Helga aus Hechingen. Drei der vier Kinder schaffen inzwischen im Betrieb mit.

Seckler sitzt und schaut, dass es den Gästen gut geht. Die Leute kommen zu ihm – Fernsehmoderatoren, Fußballtrainer, Wirtschaftskapitäne und ganz normale Menschen. Herbert Seckler gibt allen das Gefühl, wichtig zu sein. Dazu gibt es verlässlich gutes Essen. „Ich bin produktverliebt“, sagt der Gastronom, „eine gute Qualität der Lebensmittel ist mir extrem wichtig. Daher haben wir einen sehr hohen Wareneinsatz von über 50 Prozent.“ Wer möchte, kann in der Bretterbude ein Vermögen ausgeben. Wer das nicht möchte, bekommt für 7,90 Euro ein Stück Apfelkuchen mit Sahne, groß wie ein Pflasterstein, von dem eine dreiköpfige Familie locker satt werden kann. Das nennt man ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Info

Anreise
Mit dem Zug von Stuttgart via Hamburg nach Westerland, www.bahn.de.

Unterkunft
Das Hotel Jörg Müller in Westerland bietet hübsche Zimmer in Fußweite zur Friedrichstraße, tolles Lokal, Wellness-Bereich, DZ ab 250 Euro, www.jmsylt.de.Pension Leißner ist ein alteingesessener Familienbetrieb in unmittelbarer Strandnähe von Wenningstedt, DZ ab 90 Euro, www.pension-leissner-sylt.de.Edel logiert man im frisch umgebauten und neu designten Landhaus Stricker in Tinnum, DZ ab 242 Euro inklusive Frühstück (flexible rate ab fünf Nächten), www.landhaus-stricker.com. Verschiedene Agenturen vermitteln Ferienwohnungen in allen Preisklassen. Zum Beispiel Immobilien Brigitte Führ, www.ibf-sylt.de, oder der Sylter Appartement Service, www.sas-sylt.de.

Essen und Trinken
Neben den im Text erwähnten Restaurants gibt es noch viel mehr zu entdecken. Aussichtsreich: Von der Terrasse des Landhaus Severin’s am Kliff von Morsum wirkt der Autozug wie eine Märklinbahn, www.landhaus-severins.de.In den Dünen von Rantum hat das Strandbistro Taatjem Deel neu eröffnet. Schöne Einrichtung und Wandbemalung, tolle Küche, leider laut, www.taatjemdeel.de.Das Kaamp Meren ist ein Geheimtipp im teuren Ort Kampen – gute, bezahlbare Küche und überaus freundliche Mitarbeiter, www.kaamp-meren.de.

Allgemeine Informationen
Sylt Marketing, www.sylt.de

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