Leonberg - Er war ein Weltstar, eine prägende Figur des Bodybuildings. „Mit großer Trauer müssen wir euch mitteilen, dass Jusup heute von uns gegangen ist“, hat seine Schwester Barbara am Mittwochmorgen auf Facebook geschrieben.
Kurz darauf überschütteten Hunderte seiner Fans, die ihm immer treu blieben, die Seite mit Beileids-Kommentaren. Alle sind sich einig: „Er war ein wunderbarer Mensch, leider war sein Herz manchmal etwas zu groß und wurde ausgenutzt.“ – „Ein herzensguter Mensch und eine Legende ist von uns gegangen.“ – „Ein großartiger Athlet und Mensch hat sich verabschiedet von dieser Welt. Er kam Arnold mit seinem Körper sehr nah.“
Er und sein Freund Arnold Schwarzenegger, der ihn „Sepp“ nannte, sind in den 70ern und 80ern das Muskel-Dream-Team. Sie trainieren zusammen im legendären Gold’s Gym am Venice Beach, Kalifornien, wandern in Südtirol, fahren Wasserski vor Hawaii. Mit Arnie teilt Jusup Wilkosz seinen ersten großen Erfolg: Vize-Weltmeister 1978 in Acapulco. Beginn seiner Sternenfahrt.
Der deutsche Herkules
Jusup Wilkosz ist damals mit 115 Kilo der schwerste Athlet: 1,85 Meter groß, 1,40 Meter Brustumfang, eine 80-Zentimeter-Taille. Der deutsche Herkules, der schwäbische Apoll, der teutonische Samson.
Und er wächst weiter über sich hinaus: Weltmeister im Schwergewicht, Mister Universum, Dritter bei Mister Olympia. Er gibt Interviews im „Aktuellen Sportstudio“, posiert als Jeansmodell, füllt die Titelseiten von Illustrierten. Der Bildhauer Arno Breker nimmt ihn als Vorbild für seine Heldenstatuen. In einer SWF-Vorabendserie spielt er Hatto, den Germanen. In Fellbach macht er seinen Traum vom eigenen Studio wahr. Wilkosz ganz oben. Doch im Gegensatz zu seinem Freund Arnold, dem ewigen Sieger, der alles, was er anfasst, in Gold verwandelt, führt der Weg von Jusup Wilkosz zurück in ganz bescheidene Verhältnisse.
Seine Eltern sind Übersiedler aus der Ukraine, fleißige Leute, die sich in Schwaben etwas aufbauten. Jusup ist eins von acht Kindern. Er kommt schon mit fünf Kilo zur Welt. „Der hat doppelte Rippen“, soll der Kinderarzt nach der Geburt gesagt haben.
Der Tod seiner Frau warf ihn aus der Bahn
Er lernt Fernmeldetechniker bei der Post. Über das Gewichtheben kommt er zum Bodybuilding. Er ist extrem stark, macht Bizeps-Curls mit 100 Kilo. Dazu seine stahlharte Disziplin. In Fachkreisen gilt er heute noch als der beste deutsche Bodybuilder.
1989 der große Einschnitt in seinem Leben. Nach dem Tod seiner Frau verliert er die Balance. Sein Training leidet, auch sein Studio läuft nicht mehr. Er hat sich nie ums Geschäft gekümmert, zu spät merkt er, dass er den falschen Leuten vertraut hat. Es folgt der finanzielle Ruin. Der traurige Höhepunkt seines Absturzes: Weil er einen Gerichtsvollzieher mit Handschellen fesselt, landet er in U-Haft. Als er nach vier Monaten aus dem Gefängnis kommt, ist er ein gebrochener Mann. Er steht vor dem Nichts. „Schwäbischer Schwarzenegger lebt von Sozialhilfe“, titelt die „Bild“-Zeitung. Zeitweilig lässt er sich in die Psychiatrie einweisen. Der Lebensmüde braucht lange, um wieder etwas auf die Füße zu kommen.
Er trainierte in einem Maichinger Studio
In den letzten 20 Jahren nannte der Mister Universum von einst eine 40-Quadratmeter-Wohnung in einem Leonberger Wohnblock sein Zuhause. Er war gesundheitlich angeschlagen, auch wenn unter dem Pulli noch ein stattlicher Oberkörper schlummerte. Der dichte Vollbart, sein Markenzeichen, war weiß geworden, der sachte Blick seiner blauen Augen der gleiche wie früher.
Vom Roten Kreuz bekam er Essen auf Rädern. Zwei-, dreimal die Woche fuhr er mit der S-Bahn zum Fitnessstudio nach Maichingen, trainierte dort zwei Stunden. Manchmal ging er in die Tagesstätte der Diakonie, um unter die Leute zu kommen.
Freunde aus seiner goldenen Zeit waren wenig übrig geblieben. Nur Sven-Ole Thorsen, dänischer Bodybuilder und bekannt aus dem Film „Gladiator“, rief noch regelmäßig bei ihm an. Arnold hatte sich schon länger nicht mehr gemeldet.
Seine Schwestern Christine und Barbara, sein Schwager Gojko und sein Freund Jochen kümmerten sich bis zuletzt um ihn. Am 8. November feierte er noch seinen 71. Geburtstag im kleinen Kreis. „Ruhe in Frieden großer Champion Jusup“, schreibt ein Fan.