Stuttgart - Heikel wird es erst gegen Ende der Entdeckungstour. Bevor es wieder hinausgeht in den Burghof und dann hinab in die Schatzkammer, führt der Weg an einem Ölgemälde vorbei, das nichts anderes zeigt als die vielen anderen Bilder, die hier zu besichtigen sind: einen Menschen, der sich nach dem Ort hier nennt. Für zehn Jahre war er „Chef des Hauses Hohenzollern“, wie es in Biografien heißt. Anstößig könnte vielleicht der Totenkopfhelm erscheinen, der neben ihm platziert war, als er dem Maler Modell saß. Er verweist auf vermeintliche Zusammenhänge, die heute wieder umstritten sind.
Einen Totenkopf trugen auch spezielle Einheiten der SS, einer Elitetruppe der Nazis, als Emblem. Der Totenkopfhelm auf dem Gemälde stammt jedoch aus einer anderen Zeit. Er schmückte das Erste Leib-Husaren-Regiment Nr. 1, das der Porträtierte kommandieren durfte. Schließlich war er der Sohn von Kaiser Wilhelm II. und wurde Kronprinz gerufen. Sein Name: Friedrich Wilhelm Victor August Ernst von Preußen.
„Da hat einer gepetzt“
Kronprinz nannte er sich noch, als es längst keinen Kaiser mehr gab – weil er insgeheim darauf hoffte, es doch selbst noch einmal zu werden. Auch aus diesem Grunde war und ist dieser Wilhelm von Preußen eine umstrittene Gestalt – und inzwischen sogar die Schlüsselfigur eines regelrechten Historikerstreits. Der dreht sich um die Frage, welche Rolle Wilhelm beim Aufstieg der Nazis an die Macht gespielt hat. Davon hängt ab, ob seine Familie Anspruch auf Schadenersatz für enteigneten Besitz geltend machen darf. Das ist eine lange Geschichte. Einer ihrer verschlungenen Pfade führt zurück auf die Burg Hohenzollern.
Alfons Kleinmaier, der seit 17 Jahren Besucher durch die historischen Gemäuer führt, räumt ein, dass er zuletzt wiederholt auf den Kronprinzen angesprochen worden sei. Der Streit über die Entschädigungsansprüche der Hohenzollern liefert Schlagzeilen, wenn auch die Burg damit nicht unmittelbar zu tun hat. „Dazu sage ich gar nichts“, bekundet Kleinmaier. Man könne auch nicht viel dazu sagen. Einiges sagt er aber doch: Es gebe gar keine „Forderungen“ der Hohenzollern, „nur Verhandlungen“. Und die sollten eigentlich geheim bleiben. „Aber da hat einer gepetzt.“
„Nationaldynastisches Denkmal“
Die Burg Hohenzollern ist ein Wahrzeichen der Landschaft am Trauf der Schwäbischen Alb. Sie „schaut herab so stolz und kühn auf alle, die vorüberziehn“, heißt es in einem ihr gewidmeten Lied. Das trutzige Bauwerk, das über der Gegend, die es einst beherrscht hat, schroff aufragt, erscheint mit seinen Zinnen und Mauern und ungezählten Türmen und Söllern wie ein Natur gewordenes Monument. Der Kulturhistoriker Rolf Bothe nannte sie ein „nationaldynastisches Denkmal“. Die Burg ist nicht Gegenstand des Streits, den die Hohenzollern um Teile ihres ehemaligen Vermögens ausfechten, birgt aber womöglich einen Schlüssel dazu.
Der könnte sich im Hausarchiv der Hohenzollern finden, das die Burg beherbergt. Um das Archiv rankt sich ein kleiner Disput im großen. Eine Historikerin hatte behauptet, es bleibe unliebsamen Forschern verschlossen. Die Familie wolle somit „das Geschichtsbild kontrollieren“. Doch die Expertin musste Abbitte leisten. „Auch Wissenschaftler, die dem Hause Hohenzollern kritisch gegenüberstehen, hatten und haben selbstverständlich Zugang“, versichern die Hausherren.
Schwindelerregende Verästelungen des Stammbaums
Die Burg Hohenzollern befindet sich im Eigentum der Familie, seit sie auf dem gleichnamigen Berg steht. Das ist aber noch gar nicht so lange der Fall, wie es den Anschein haben mag. Aus der Ferne wirkt das historische Domizil, als hätte ein Hollywood-Regisseur da eine Kulisse für einen Ritterfilm hingezimmert. Beim näherem Hinschauen wird offenkundig, dass die Kulisse etwas operettenhaft geraten ist. Das mag daran liegen, dass sie zu einer Zeit entstand, als Operetten hoch im Kurs waren. Der heutige Bau wurde im Jahre 1867 vollendet. Burgen gab es dort aber schon länger. Die erste wurde 600 Jahre zuvor erwähnt. „Castro Zolre“ wurde sie genannt.
Das Geschlecht der Hohenzollern ist noch älter. 1061 kamen zwei Ritter mit Namen Burchardus und Wezil, welche sich auf diese Herkunft beriefen, im Kampf um. So ist es in einer Chronik des Klosters Reichenau vermerkt. Der bald weit verzweigte Stammbaum, der in jener Zeit wurzelt, ist an den hohen Wänden der Eingangshalle in all seinen Verästelungen aufgemalt. Damit auch niemand den Überblick verliert, sind die verschiedenen Linien in unterschiedlichen Farben dargestellt. Es kann einem schwindelig werden beim Betrachten.
„Durchlauchtige Tricks“
Die brisanten Fragen, um die der Historikerstreit zum Hohenzollern-Besitz kreist, sind an diesem Gemäuer abgeprallt. Im Jahre 1918, als der Hohenzollern-Kaiser Wilhelm II. abdanken und das Land verlassen musste und mit ihm alle gekrönten Häupter ihre Privilegien verloren, kam der in den Städten tobende Sturm der Revolution in der schwäbischen Provinz nur als ein laues Lüftchen an. Zwar rotteten sich in Hechingen damals auch 800 aufrührerische Bauern zusammen. Sie forderten von den Herrschaften den Verzicht auf Steuerfreiheit und andere Sonderrechte. Sie sollten die „jetzt leer stehenden fürstlichen Schlösser bei Wohnungsnot und zur Unterbringung verwundeter und kranker Krieger“ zur Verfügung stellen. Kurzfristig schien es, als würde die Domänenfrage aus dem 19. Jahrhundert, ein Streit um den Landbesitz der Hohenzollern, neu aufgerollt. Er sollte nun „ohne durchlauchtige Tricks“ entschieden werden, so der Politikwissenschaftler Ulrich Schüren, der das erforscht hat.
Mit den demokratischen Verhältnissen in der Weimarer Republik taten sich die Herrschaften zunächst schwer. Davon kündet ein „Operettenkrieg“, so betitelte ihn die zeitgenössische Presse. Der damalige Regierungspräsident verbot seinen Beamten, Einladungen der Hohenzollern-Fürsten anzunehmen und pochte darauf, dass man diese nicht mehr „Fürst“ nennen oder als „Hoheit“ ansprechen dürfe. Die entthronten Aristokraten saßen in diesem Zank über die Etikette aber am längeren Hebel. Der unliebsame Verwaltungschef musste gehen.
Warum Hohenzollern einst eine preußische Insel im Schwäbischen war
Es dauerte Jahre, bis geklärt war, was den ehemaligen Herren des Landes noch an Besitz verbleiben sollte. Kurioserweise gehörte Hohenzollern damals noch zu Preußen. Der Anschluss war 1849 erfolgt. Erst 1946, als Preußen von den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs aufgelöst wurde, kamen die Hohenzollerischen Lande zu Nordwürttemberg.
Der Zwist mit den ehedem gekrönten Häuptern um deren Vermögen hatte sich von der Novemberrevolution 1918 bis 1926 ergebnislos hingezogen. Dann inszenierten Kommunisten und Sozialdemokraten einen Volksentscheid zur Fürstenenteignung. Sie erreichten eine enorme Zustimmung (96,1 Prozent im Deutschen Reich), konnten aber nicht genügend Wähler mobilisieren (nur knapp 40 statt 50 Prozent der Wahlberechtigten). Im Wahlkreis 31, zu dem Hohenzollern zählte, stimmten immerhin 96,7 Prozent für die Enteignung der Fürsten. Aber die Wahlbeteiligung war unterdurchschnittlich.
Nach dem gescheiterten Plebiszit schloss Preußen mit den Hohenzollern einen Vergleich. Demnach fielen 250 000 Morgen Grundbesitz, die Kronschlösser und weitere Paläste samt Kunstwerken an den Staat. 383 000 Morgen Land und die übrigen Immobilien verblieben im Familienbesitz, darunter auch die Burg Hohenzollern.
Der Kronprinz sucht Asyl auf der Stammburg
Dorthin verschlug es nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Schlüsselfigur im mittlerweile wiederaufgeflammten Vermögensstreit: den Kronprinzen Wilhelm. Kritische Historiker halten ihn für einen Steigbügelhalter Hitlers. Wilhelm sei zwar „kein blind gläubiger Nazi“ gewesen, schreibt etwa Peter Brandt, ein Experte für die Geschichte des Staates Preußen, der Kronprinz habe aber „stetig und in erheblichem Maße zum Übergang der Macht an die NSDAP und zu deren Festigung beigetragen“. Stephan Malinowski, der in Edinburgh lehrt, prangert die „öffentliche Solidarisierung des Hohenzollern mit den Schläger- und Mordmethoden der NS-Bewegung“ an. Kronprinz Wilhelm habe sich „im raffiniert austarierten Bühnenbild der NS-Propaganda exponiert positionieren lassen“.
Damit war es jedoch rasch vorbei, da die Nazis keineswegs im Sinne hatten, Wilhelm eine Rückkehr zur Monarchie zu ermöglichen – was dieser sich von ihnen erhofft hatte. Als die sowjetischen Besatzer allen Hohenzollern-Besitz in Preußen enteigneten, blieb ihm die Stammburg der Familie als eine Art Asyl. Für einige Monate hat er auf dem zugigen Hohenzollernberg gewohnt, zog bald aber hinunter nach Hechingen, wo er 1951 starb.
Ohne Tabakdose keine Hohenzollern-Kaiser?
Die Burg wurde „mehr und mehr zur Erinnerungsstätte des preußischen Königshauses und zur Kulisse der Traditionspflege“, so Fritz Kallenberg, der viele Details der Landesgeschichte erforscht hat. Im ehemaligen Markgrafenzimmer ist ein antiquarischer Tisch aufgebaut, darauf finden sich wie auf einem Altar die Fotos derer, die sich „Oberhaupt des Hauses Hohenzollern“ nennen durften. Mittendrin, als Einziger in Farbe, der aktuelle Chef: Georg Friedrich von Preußen, ein Urenkel des Kronprinzen. Von diesem selbst sind nur wenige Spuren übrig geblieben – wie das Gemälde mit dem Totenkopfhelm. Der Weg zu einem Ahnenkult ist versperrt: durch Eisengitter, welche den Zugang zum Familienfriedhof im Offiziersgärtchen der Sankt-Michaels-Bastei innerhalb der Burg verriegeln. Dort ist der umstrittene Ahnherr begraben.
Eine andere Art von Ahnenkult, der weiter zurückreicht in die Historie der Familie, spiegelt die Schatzkammer in der ehemaligen Küche der Burg wider. Die interessanteste Preziose, die dort aufbewahrt wird, ist in einer Vitrine neben einem zerschlissenen Waffenrock zu finden, den Friedrich der Große, neben dem letzten Kaiser wohl der berühmteste Spross des Hauses Hohenzollern, einst getragen hatte. Der Rock hat ein Loch. Schuld daran ist eine Kugel, die den Preußenkönig in der Schlacht von Kunersdorf anno 1759 traf. Die Kugel prallte an einer Tabaksdose ab. Die können Besucher der Burg Hohenzollern dort nebst der zerdellten Kugel besichtigen. Ein Ort zum Innehalten: Wer weiß, wie die deutsche Geschichte verlaufen wäre, wenn Friedrich sich anstelle der Tabaksdose ein Taschentuch eingesteckt hätte?