Die Central Station in New York Der Bahnhof hat viele Geheimnisse

Von Sebastian Moll 

Links führt ein schmaler Gang noch tiefer in das Innere des Bahnhofs zu einem weiteren Gewölbe, das sich plötzlich überraschend vor einem auftut. Durch den Saal von der Größe eines Münchner Bierkellers schlängelt sich die endlose lange Theke der Oyster Bar. Dutzende von Austernsorten vom Fulton Fischmarkt in der Bronx warten dort auf Eis in Holzkisten darauf, bei einem Champagner oder einem Martini zum Abschluss eines Multimillionen-Dollar-Deals oder auch nur zu einem raschen Rendezvous geschlürft zu werden.

Ganz vermag jedoch auch der neue, auf Hochglanz polierte Prachtbahnhof nicht die sozialen Realitäten der Stadt zu verschleiern, deren Büros er täglich mit energiegeladenen, aufstrebenden Arbeitskräften speist. Auf den Stühlen in der Wartehalle im Tiefgeschoss sitzen an einem kalten Wintertag zusammengekauerte Gestalten, die ihr Hab und Gut in Plastiktüten mit sich schleppen, und wärmen sich auf. Am Rande der Haupthalle stehen Männer in Lumpen an die Theke von geschlossenen Fahrscheinschaltern gelehnt und tun so, als läsen sie Zeitung. So lange sie sich nicht auf dem Boden breit machen oder betteln, so lange sie das Bild nicht stören und niemanden belästigen, lässt man sie in Ruhe.

Präsident Roosevelt hatte einst ein eigenes Gleis

Vor der Oyster Bar amüsieren sich derweil Jugendliche mit der Flüsterecke, einem der vielen Geheimnisse von Grand Central. Der Schall schleicht hier die Fließen der gewölbten Decke entlang bis auf die andere Seite des Raums. So können sich Liebhaber quer durch die Halle Zärtlichkeiten sagen, ohne das jemand anderes mithören kann.

Andere Geheimnisse des alten Bahnhofs mit seinem unendlichen Labyrinth an Gängen und Gewölben: vom Informationspavillon mitten in der Haupthalle führt eine Wendeltreppe zu einem unterirdischen Gang nach außen; auf der Westseite des Bahnhofs, von der Vanderbilt Avenue aus, gelangt man über eine Treppe in das Campbell’s Apartment unter dem Dach des Bahnhofs, einer voll eingerichteten Wohnung im Stil einer Florentiner Villa des 13. Jahrhunderts. Hier gab einst der Industrielle John D. Campbell seine Gesellschaften, bevor er mit dem Zug zurück zu seinem Anwesen am Hudson fuhr. Bis heute kann man dort unter seiner barocken Kastendecke zum Tagesausklang einen Cognac nehmen. Schließlich: das unterirdische tote Gleis, das einst für Präsident Roosevelt gebaut wurde, damit dieser unbemerkt in die Stadt kommen konnte. Bis heute führt von dort aus ein Aufzug direkt in seine einstige Privat-Suite im Waldorf Astoria.

An der Bar des Edelrestaurants Cipriani’s auf dem Westbalkon über der Haupthalle wird es nun, zum Feierabend hin, langsam voll. Ein schneller Martini, ein schnelles Bier, während man auf den Zug wartet – einen besseren Flecken gibt es in Manhattan für die Happy Hour kaum. Von hier oben hat man einen Logenblick über die Haupthalle, die unter den riesigen Kronleuchtern in den Galerien rund um den Saal wirkt wie der Innenhof eines Barockschlosses. Ein Innenhof, durch den eine Million Schuhe wie in einem perfekt choreografierten Tanz den Ausgängen und Durchgängen entgegen schweben.

Ein Mann schaut nach seinem ersten Drink auf seinem Blackberry nach dem Fahrplan und fragt dann seine Begleiterin im Chanel-Kostüm, ob sie lieber den nächsten Zug nehmen oder lieber noch ein bisschen verweilen sollen. Die Dame bestellt wortlos noch einen Drink.

Die „Stadt in der Stadt“ in Zahlen

Der Grand Central hat 67 Gleise. Etwa 750 000 Fahrgäste und Besucher strömen täglich durch die „Stadt in der Stadt“, deren Fläche fast 200 000 Quadratmeter beträgt. Gebaut wurde zehn Jahre lang – von 1903 bis 1913. Die Kosten dafür betrugen 80 Millionen Dollar, das entspricht 1,4 Milliarden Euro nach heutigen Maßstäben. In der Rushhour kommt alle 58 Sekunden ein Zug an. Seit 1976 steht der Bahnhof unter Denkmalschutz.

Zum vergleich: der meist frequentierte Bahnhof in Deutschland steht laut der Deutschen Bahn in Hamburg – mit täglich 450 000 Passagieren und Besuchern. Stuttgart folgt an achter Stelle mit etwa 240 000 Gästen am Tag.




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