Netflix-Serie „1899“ Deutschlands beste Serienpuzzler sind zurück

Gruppenbild mit Schiffscrew: Baran bo Odar und Jantje Friese (links) mit dem Cast der Mysteryserie „1899“ Foto: Netflix/Rasmus Voss

Sie lieben Rätsel, Serienkiller-Storys und Sissi-Romanzen – und beweisen mit ihrer neuen Netflix-Serie „1899“, dass „Dark“ kein Zufallstreffer war: Deutschlands Mystery-Dreamteam Jantje Friese und Baran bo Odar im Interview.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Statt in der deutschen Kleinstadt Winden toben sie sich jetzt auf hoher See aus. In der Serie „1899“ erzählen die Macher des Netflix-Hits „Dark“ von den mysteriösen Geschehnissen auf einem Auswandererschiff, das im Jahr 1899 von London nach New York unterwegs ist. Wir haben Jantje Friese und Baran bo Odar zum Zoom-Interview getroffen.

 

Frau Friese, Herr Odar, mögen Sie eigentlich Puzzle?

Jantje Friese Wir sind totale Puzzlefans. Ich mag auch diese Puzzles, die fast nur aus blauem Himmel bestehen und bei denen man eigentlich gar keinen Anhaltspunkt hat. Aber wir spielen auch gerne Escape-Room-Games und mögen einfach alles, was Rätselraten angeht.

Baran bo Odar Ich liebe auch Zaubertricks und schaue mir die Tricks mehrmals an und versuche dann rückwärts zu verstehen, wie sie gemacht sind.

Wenn die Serie „Dark“ ein Puzzle mit 1000 Teilen war, wie viele Teile hat dann „1899“?

Jantje Friese Eintausendundeins.

Baran bo Odar Ne, eintausendachthundertneunundneunzig.

Jantje Friese Stimmt, das ist die bessere Antwort.

Es gibt einige Gemeinsamkeiten zwischen „Dark“ und „1899“. Überwiegen Ihrer Meinung nach trotzdem die Unterschiede?

Baran bo Odar Ganz ehrlich denken wir da so gar nicht darüber nach. Das Einzige, was wir uns vorgenommen haben nach drei Staffeln „Dark“, war, dass wir keine weitere Staffel machen wollen, die exakt ist wie „Dark“ – also von einer Zeitreise handelt und in einer kleinen deutschen Stadt spielt. Wir wollten etwas Neues erleben. Schließlich ist es wahnsinnig anstrengend, so ein Projekt zu machen. Deshalb will man auf jeden Fall, dass die nächste Reise eine andere ist. Man macht ja auch nicht immer am gleichen Ort Urlaub. Dementsprechend fühlt sich für uns „1899“ sehr anders an als „Dark“. Aber natürlich gibt es Ähnlichkeiten in der Tonalität und darin, wie das alles wirkt und ausschaut.

Von einer deutschen Kleinstadt geht es jetzt auf ein riesiges Schiff, auf dem Menschen aus allen Ecken der Welt unterwegs sind. War die Vielsprachigkeit eine große Herausforderung?

Jantje Friese Allein schon das Casting war eine riesige Herausforderung, weil der Beginn von „1899“ exakt in die Pandemie gefallen ist. Wir mussten die Castings über Zoom machen. Und das kennt ja jeder: So ein Zoom-Meeting ist etwas anderes, als mit Menschen in einem Raum zu sitzen. Das hat aber erstaunlicherweise sehr gut geklappt, und es war dann toll, die Leute zum ersten Mal richtig zu sehen, als wirklich alle da waren aus diesen vielen Ländern.

Baran Bo Odar Es war eine der Schlüsselideen der Serie, dass wir einen internationale Cast und viele Sprachen haben – nicht nur aus Europa, sondern zum Beispiel auch aus China. Wir leben in einer modernen Welt, die jetzt noch enger zusammenkommt, und diese Welt besteht nicht nur aus Englisch und der eigenen Sprache, sondern eben auch aus vielen anderen Kulturen. Diese Idee mochte Netflix natürlich sehr, weil die auch zu ihrem Firmenmodell passt. Aber man muss sich da schon sehr groß aufstellen, weil wir beide jetzt nicht diese 9 bis 12 Sprachen sprechen. Kantonesisch ist sowohl im Schriftbild als auch in der Sprache so anders als das, was wir kennen. Deshalb haben wir ein großes Team mit Language Coaches oder Übersetzern. Und am Set ist es gerade für die Regie auch eine Herausforderung, ich hatte zwar die Dialoge in phonetischer Schreibweise, sodass ich mitlesen konnte, was gesagt wird, aber irgendwann habe ich das eher wie Musik betrachtet und habe den Stimmen wie Musikinstrumenten zugehört.

Wenn man die Serie in der deutschen Fassung sieht, geht das aber alles verloren.

Jantje Friese Unsere Empfehlung ist die Originalfassung, aber wir wollten trotzdem der deutschen Synchronfassung nicht im Weg stehen. Und wir waren nach den ersten Tests überrascht, wie gut das funktioniert. Alle Akteure Deutsch sprechen zu hören, ist natürlich ein bisschen ein anderes Erlebnis, aber ich finde, dass der Zuschauer einfach für sich entscheiden soll, worauf er oder sie Lust hat.

Baran bo Odar Aber es ist schon eine klare Empfehlung von unserer Seite, die Originalfassung zu schauen. Man sollte Schauspieler immer in ihrer Originalsprache hören, denn die Sprache ist mindestens fünfzig Prozent ihrer Performance.

Nachdem in Ihrer Serie offenbar alle Menschen auf einem verschollenen Schiff ums Leben gekommen sind, fragt ein Mann im Maschinenraum: „Was tötet 1000 Menschen?“ Und ein anderer antwortet: „Was normalerweise Menschen tötet: andere Menschen!“ Schütteln Sie so eine Lakonie aus dem Ärmel, oder ist das harte Arbeit?

Jantje Friese Der Satz stammt von dem Showrunner der Serie „Elite“, der bei uns im Writers-Room war. Der hat diesen grandiosen Dialog geschrieben, den ich auch total liebe. Dieser Satz ist wirklich sehr auf den Punkt gebracht. Ich habe ihn nie gefragt, ob es für ihn harte Arbeit war oder ob es ihm aus den Fingern geflossen ist. Aber ich gebe das Kompliment gerne weiter. Es ist grundsätzlich sehr unterschiedlich. Manchmal setzt man sich an eine Szene, und es geht wie von selbst. Und dann gibt es Szenen, die überarbeitet man fünfzigmal und versucht jedem Wort eine andere Position im Satz zu geben, damit das irgendwie richtig fließt.

Baran bo Odar Ich finde übrigens, mit den gleichen Figuren gibt es sogar noch einen interessanteren Dialog, in dem es um Werwölfe und Vampire geht. Das ist mein persönlicher Lieblingsdialog.

Beim Puzzeln fängt man normalerweise mit den Rand an, um erst den Rahmen zu haben. Bei „1899“ haben die ersten Episoden ebenfalls eine Art Rahmen: Sie beginnen damit, dass eine der Figuren aufwacht, und sie enden stets mit Rockklassikern wie „Child in Time“ von Deep Purple oder „White Rabbit“ von Jefferson Airplane. Machen Sie das, um den Zuschauern etwas Halt zu geben inmitten der mysteriösen Story?

Jantje Friese Wir machen das gerne: eine Episodenstruktur finden, die wir immer wiederholen und erst in einer späteren Episode aufbrechen. Der Zuschauer weiß: Ah, okay, jetzt passiert das wieder, jetzt lerne ich diese Figur näher kennen. Und wenn dann die Musik hinten losgeht, weiß ich auch: Jetzt komme ich langsam zum Schluss. Das sind vielleicht die Randstücke unseres Puzzles.

Baran bo Odar Ich glaube, besonders wenn es kompliziert ist, muss man den Zuschauer an die Hand nehmen und ihm wenigstens einen Mantel geben, in dem er sich wohlfühlt und sich dann darin verlieren kann.

Hat sich die deutsche Serienlandschaft sehr verändert, seit sie vor fünf Jahren „Dark“ gemacht haben?

Jantje Friese Ich glaube, es hat sich wirklich wahnsinnig viel geändert. Das ist zwar nicht wirklich unser Genre, aber ich fand „Die Kaiserin“ super, weil die Serie auf einem ganz hohen Niveau hergestellt wurde und man sich so richtig in die Geschichte fallen lassen kann. Gerade in den letzten fünf Jahren sind viele Sachen rausgekommen, die auf internationalem Niveau funktionieren. Ich habe die Hoffnung, dass das jetzt auch so weitergeht und dass da noch sehr viel nachkommt.

Baran bo Odar Als wir an der Filmhochschule waren, war das Interesse an deutschen Filmen oder Serien nicht so hoch. Und ich bin schon sehr positiv überrascht, dass inzwischen sogar Stephen King twittert, dass ihm eine deutsche Serie gefällt.

Haben sich auch die Zuschauer geändert? Anfangs gab es ja einige, die sich von der Komplexität von „Dark“ überfordert fühlten.

Jantje Friese Ich glaube, man vertraut inzwischen Genrefilmen und -serien aus Deutschland etwas mehr und ist bereit, sich auf die Codes des Genres und auf das Spiel mit Erwartungen einzulassen.

Baran bo Odar Die Welt ist so wahnsinnig kompliziert geworden durch Dinge wie die Pandemie oder den Krieg. Und vielleicht sind die Menschen gerade dadurch offen geworden für komplexe, schwierige Themen, die vielleicht sogar noch düsterer sind als die eigene Welt. Zum Beispiel die Serienkillerserie „Dahmer“: Warum haben die alle geguckt in so dunklen Zeiten wie diesen? Das Klischee wäre ja, dass alle jetzt Komödien glotzen, in denen alles leicht und bunt und sonnig ist. Doch genau das Gegenteil ist passiert. Das hat für mich etwas Positives und zeigt, dass wir dabei sind zu begreifen, dass die Welt nun mal kompliziert ist und dass es gerade keine einfachen Lösungen gibt.

Jantje Friese, Baran bo Odar und die Serie „1899“

Showrunner
Jantje Friese (1977 in Marburg geboren) ist Drehbuchautorin und Produzentin. Mit dem Regisseur und Drehbuchautor Baran bo Odar (1978 im schweizerischen Olten geboren) hat sie vor „1899“ und dem Netflix-Hit „Dark“ (2017–2020) das Drama „Das letzte Schweigen“ (2010) und den Thriller „Who am I – Kein System ist sicher“ (2014) realisiert.

Serie
Alle acht Episoden der Mysteryserie „1899“ sind bei Netflix verfügbar.

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