Die Ehrenrettung des Dialekts Mit Englisch kann man auch viel falsch machen

Von Christof Stählin 

Das in Wirtschaft und Wissenschaft um sich greifende Englisch ist nicht etwa als Verrat an der Nationalsprache zu beklagen, sondern als Nivellierung und Schrumpfung von Sprache überhaupt, sei sie nun Englisch oder Deutsch. Das beanspruchte internationale Niveau von englisch verfassten wissenschaftlichen Veröffentlichungen deutscher Autoren macht die Heimatsprache zum Dialekt auf internationalem Podium, mit dem man nicht mehr wahr- und ernst genommen zu werden befürchtet. Dass die gelehrte Sprache auf diesem Weg an Tiefe und Farbe, Sinnlichkeit und Schmackhaftigheit verliert, scheint angesichts der Gefahr, den Anschluss zu verlieren, das geringere Übel zu sein. „Es geht uns schlecht, aber auf sehr hohem Niveau!“, so lautete eine ironisch-selbstzufriedene Klage im prosperierenden Württemberg. „Wir sind tief gesunken, aber mit sehr hohem Anspruch!“, so wäre der Kommentar zur neuen deutschen Anglofonie, die für die Verständigung im Land eine ähnliche Rolle spielt wie der neue Stuttgarter Tiefbahnhof für den Zugverkehr.

Nichts schafft mehr Prestige im allgemeinen Konkurrenzgerangel als ein tadelloses Englisch, nichts wirkt vernichtender als wenn ein amerikanischer Geschäftspartner nach der Besprechung sagt: „I loved­ your German accent!“, als sei damit eine Art sprachlichen Mundgeruchs ironisch bezeichnet. Dabei kann die Bemerkung durchaus als Ausdruck wirklicher Sympathie gemeint sein. Haben sich nicht englische Entertainer, als sie schon akzentfrei deutsch sprachen, auf ihren englischen Akzent besonnen, um nicht auf die Vorteile verzichten zu müssen, die er ihnen einbrachte? Auch die anglofonen Muttersprachler lieben es, ihre Sprache mit fremdem Akzent zu hören – während wir in Deutschland, wenn wir in die Hölle kommen, unsere Landsleute für alle Ewigkeit schlechtes Englisch reden hören müssen.

Wenn der Kellner den Gast zum „Signore“ befördert

Aber selbst die Akzentfreiheit kann noch zum Akzent werden. In Neukölln und Kreuzberg hört man in Cafés und Kneipen immer mehr Deutsche sich auf Englisch oder meistens vielmehr Amerikanisch unterhalten, in tadelloser Aussprache und in idiomatischen Wendungen, so dass man glaubt, Gäste aus Übersee säßen am Nachbartisch. Aber sie reden so laut, als gälte es, die Vollkommenheit ihres Sprachgebarens statt allgemein interessanter Mitteilungen ins nikotinfreie Halbdunkel hinauszuposaunen.

Mit größtem Entgegenkommen reagieren italienische Kellner, die unsere Sprache längst perfekt beherrschen, wenn sie von einem Gast auf Italienisch angesprochen werden, der als Volkshochschulkurs-Absolvent begreiflicherweise seine erworbene Sprachmächtigkeit spazieren führen möchte. „Grazie!“, „si!“, „prego“ und schließlich die Beförderung zum „Signore“ sind der Dank, das gehört zum Service. Ganz anders als die einheimischen Bewohner der deutschsprachigen Schweiz, wo Kurse im jeweiligen Dialekt angeboten werden, deren Teilnahme der Integration von Zugezogenen dienen soll. Man sollte aber zögern, die erworbenen Kenntnisse praktisch anzuwenden. Eine Hochsprache darf man mit Akzent sprechen, einen Dialekt nicht.