Die erste französische Netflix-Serie Gérard Depardieu als Krokodil von Marseille

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Der US-Streaming-Dienst Netflix bringt mit dem Hochglanz-Politdrama „Marseille“ seine erste europäische Produktion auf den Markt. Mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle.

Ein Mann und seine Stadt: Gérard Depardieu in der Netflix-Serie „Marseille“ Foto: David Koskas/Netflix
Ein Mann und seine Stadt: Gérard Depardieu in der Netflix-Serie „Marseille“ Foto: David Koskas/Netflix

Marseille - Die Kamera irrt durch einen blauen Flur, dreht sich im Kreis, entdeckt ihn endlich Kokain schnupfend hinter einer Tür. Der Mann mit dem schweren Körper, rückt sich die Krawatte zurecht, schreitet mit der Selbstsicherheit eines Mannes, der es gewohnt ist, stets das Alphatier zu sein, durch die Katakomben des Vélodrome von Marseille. Als er hinaus auf die Ehrenloge des Fußballstadions tritt, grölen gerade Zigtausende die letzten Verse der „Marseillaise“ und beginnen zu jubeln. Robert Taro schaut in das weite Runde, genießt den Applaus, als ob er ihm gelte.

Robert Taro (Gérard Depardieu) ist zwar nur der Bürgermeister von Marseille. Doch er fühlt sich wie ein kleiner Gott. Ein Machtmensch, der gewohnt ist, alles zu bestimmen; ein absolutistischer Souverän, der selbstgefällig über den Stadtrat thront. Doch die Tage des Sonnenkönigs von Marseille scheinen gezählt. Ausgerechnet Taros Protegé Lucas Barrès (Benoît Magimel) zettelt eine kleine französische Revolution an. Er hat von seinem politischen Ziehvater nicht nur den Tick geerbt, ständig an seinem Hemdkragen herumzuzerren, sondern auch den ein oder anderen fiesen Trick gelernt. Nach 20 Jahren sieht er nun seine Chance gekommen: Es will nicht nur Taro als Bürgermeister ablösen, sondern auch dessen großes Abschiedsprojekt, ein Casino am Hafen, verhindern. Doch Taro bäumt sich noch einmal auf: „Ich bin ein Krokodil“, sagt, er. „Ich liege auf der Lauer und warte darauf zuzubeißen, zu töten, zu fressen.“ Und als er die Ankündigung wahr macht, werden selbst Politiker in Paris langsam unruhig.

Netflix in Europa: Erst Frankreich, dann Deutschland

Ausgerechnet in Frankreich, dem Mutterland des Autorenfilms, dem Land, in dem das europäische Kino sich noch am wackersten gegen die Übermacht aus Hollywood wehrt, hat der US-Streaming-Dienst Netflixnun seine erste europäische Serie drehen lassen. „Dark“, die erste in Deutschland gedrehte Netflix-Serie,soll 2017 folgen. Der Sender hat zwar für „Marseille“ mit Depardieu Frankreichs größten Superstar verpflichtet, das Drehbuch (Dan Franck) und die Regie (Florent-Emilio Siri) Franzosen überlassen, sich aber für eine Story entschieden, die trotz des Lokalkolorits und des französischen Esprit letztlich überall auf der Welt erzählt werden könnte. Zumindest dort, wo Machtstreben und Korruption, Spekulanten und Drogenhändler, die Tummelplätze des Jetset und die Gettos nah beieinander liegen.

„Marseille“ will viel. Vielleicht zu viel. Der Achtteiler macht mal auf antike Tragödie, mal auf Shakespeare’sches Königsdrama, erinnert an die französischen Thriller der 1970er und die italienischen Mafiakrimis der 1980er. Und obwohl die Serie oberflächlich betrachtet viele Gemeinsamkeiten mit dem US-Politdrama „Boss“ hat, kopiert „Marseille“ vor allem die bisher beste Netflix-Serie „House Of Cards“. Barrès ähnelt in seiner kühl-gehässigen Undurchschaubarkeit Frank Underwood, Taros Tochter Julia (Stéphane Caillard) erinnert an die ehrgeizige Journalistin Zoe Barnes. Allerdings neigt „Marseille“ zum Psychologisieren, fühlt sich anders als „House Of Cards“ ständig verpflichtet, die Beweggründe ihrer Figuren zu erklären und zwingt ihre Hauptfiguren Barrès und Taro dazu, sich an dunklen Flecken in ihrer Vergangenheit abzuarbeiten.

Ausruhen auf Gérard Depardieus knorrigem Gesicht

Diese beiden Männer halten dann auch den Thriller zusammen, der sich als bösartiges Intrigenspiel rund um ein Städtebauprojekt erweist. Wenn die Kamera in der Hochglanzproduktion nicht gerade zu dramatischer Musik bedeutungsschwanger horizontal und vertikal durch die Schauplätze fährt, ruht sie sich gerne auf Gérard Depardieus knorrigen Gesicht aus, stellt ihn in der Rolle Taros in all seiner Gewichtigkeit aus, verlangt von ihm als Schauspieler nicht viel, außer in jeder Szene die Aura des alten, trotzigen Königs mal traurig, mal wütend zu verkörpern. Benoît Magimel spielt den smarten Emporkömmling Barrès dagegen als einen Getriebenen, Gehetzten und Unberechenbaren. „Du hast mich verraten. Und du hast Marseille verraten!“, wütet Taro einmal. Und Barrès antwortet kühl: „Dich vielleicht. Nicht aber Marseille. Die Stadt gehört nicht dir.“

„Marseille“, acht Folgen seit 5. Mai bei Netflix