Die EU und der Pflanzenschutz Steht der Weinbau vor dem Aus?
Ein von Brüssel geplantes Verbot von Pflanzenschutz in empfindlichen Gebieten könnte konventionelle Weingüter wie Bio-Betriebe treffen. Der Rems-Murr-Kreis schlägt Alarm.
Ein von Brüssel geplantes Verbot von Pflanzenschutz in empfindlichen Gebieten könnte konventionelle Weingüter wie Bio-Betriebe treffen. Der Rems-Murr-Kreis schlägt Alarm.
Wer wissen will, ob schwäbische Wengerter auch wirklich um einen sparsamen Einsatz von Pflanzenschutzpräparaten bemüht sind, muss sich nur mal eine Preisliste für Spritzmittel ansehen. Das vom Chemieriesen BASF für den Kampf gegen die Peronospora auf den Markt gebrachte Präparat „Orvego“ beispielsweise kostet berufliche Anwender im Fünf-Liter-Kanister schlappe 192,60 Euro, auch für vergleichbare Wirkstoff-Kombinationen gegen die als Geißel des Weinbaus geltende Pilzkrankheit werden im stationären Handel wie im Internet dreistellige Beträge aufgerufen.
Ein schönes Beispiel für die Kostenfrage beim Pflanzenschutz ist auch das vom Bayer-Konzern auf den Markt gebrachte „Luna Sensation“ – wer seine Reben vor Mehltau-Befall schützen will, muss fürs Fünf-Liter-Gebinde satte 737 Euro auf den Tresen legen. Kein Wunder also, dass im Weinberg keineswegs mehr im Übermaß gespritzt wird. Das Motto „Viel hilft viel“ gehört beim Pflanzenschutz seit Jahren der Vergangenheit an – in aller Regel achten die Weinerzeuger schon mit Blick auf den eigenen Geldbeutel darauf, nicht mehr Chemie auszubringen als fürs Gedeihen der Reben unbedingt nötig ist.
Um so alarmierter ist die Weinbauwelt von einer Verordnung, die aktuell in Brüssel auf dem Tisch liegt. Sie sieht nicht nur eine pauschale Halbierung der verwendeten Spritzmittel in den Rebhängen bis zum Jahr 2030 vor. In als ökologisch besonders empfindlich eingestuften Gebieten wäre laut dem EU-Vorschlag gar kein Pflanzenschutz mehr erlaubt. Aus Sicht des Deutschen Weinbauverbands ist das drohende Anwendungsverbot deshalb ein Todesurteil für die bisher bekannte Vielfalt.
„An der Mosel würde die Weinerzeugung um circa 90 Prozent zurückgehen, in Baden und Württemberg sprechen wir von etwa einem Drittel der Rebfläche“, umreißt der Präsident Klaus Schneider die Ausmaße der geplanten Verordnung. Er spricht von einer drohenden Stilllegung des Großteils der deutschen Rebflächen, gerade unter Weinfreunden namhaften Lagen würden unumkehrbar ausgelöscht. „Die Erfahrung zeigt, dass Weinberge, insbesondere Steillagen, die einmal aufgegeben wurden, nie mehr in die Bewirtschaftung zurückkommen“, warnt Schneider vor dem verordneten Kahlschlag – und dem Aus für viele Weinbaubetriebe.
Gepocht wird in der Branche deshalb auf verlässliche Vereinbarungen mit der Politik. Durch die Entwicklung auf europäischer Ebene drohe sich beispielsweise die im Gesetz für die Stärkung der Biodiversität enthaltene Zusage, dass der Weinbau durch die Einführung von FFH-Gebieten und Vogelschutzzonen nicht beeinträchtigt werde, als Lüge zu entpuppen. Der Artenvielfalt ist mit einem Pflanzenschutz-Anwendungsverbot aus Sicht des Weinbauverbands nämlich keineswegs gedient. Im Gegenteil: Konsequenz brachliegender Rebflächen wären über kurz oder lang verbuschende und mit Brombeersträuchern zuwachsende Weinberge. „Tiere und Pflanzenarten, die sich beispielsweise in Trockenmauern oder auch offenen Gassen wohl fühlen, werden dort keine Heimat mehr finden. Stadtnahe Weinberge mit großem Erholungs- und Tourismuswert könnten ebenso vor dem Aus stehen“, malt der Weinbauverband ein düsteres Bild vom Ende mühsam errichteter Kulturlandschaften.
Ins gleiche Horn stößt der Rems-Murr-Kreis: „Ein Verbot von Pflanzenschutz in Schutzgebieten würde das Aus für den Weinbau im Remstal bedeuten“, ist sich Landrat Richard Sigel sicher. Er wertet die Rebhänge als prägendes Profil, ein Ende des Anbaus kommt aus seiner Sicht einer Katastrophe gleich. Ohne Landwirtschaft und Weinbau und die daraus hervorgehenden qualitativ hochwertigen Lebensmittel ist unser Landkreis nicht mehr lebenswert“, stellt Sigel fest.
Laut Landwirtschaftsamtsleiter Michael Stuber liegen knapp 40 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen im Kreis in Landschaftsschutzgebieten. Konkret handelt es sich um rund 29 000 Hektar. Das geplante Verbot hätte somit für den gesamten Rems-Murr-Kreis weitreichende Folgen und würde den Strukturwandel in der Landwirtschaft weiter vorantreiben. „Im Jahr 1979 gab es an Rems und Murr noch über 4000 landwirtschaftliche Betriebe – heute ist nur noch weniger als ein Viertel davon übrig“, schildert Stuber die Entwicklung.
Betroffen von einer Einschränkung des Pflanzenschutz wären übrigens nicht nur die konventionell wirtschaftenden Betriebe, sondern auch Bio-Weingüter. Das bestätigt Christoph Klopfer aus Weinstadt-Gundelsbach, dessen Rebflächen weit überwiegend im Landschaftsschutzgebiet liegen. Auch im ökologischen Weinbau sei der Einsatz von Pflanzenschutz zur Gesunderhaltung der Rebstöcke und zur Sicherstellung der Ernte essenziell. Gemeinsam mit der Fellbacher Oberbürgermeisterin Gabriele Zull und ihrem Weinstädter Kollegen Michael Scharmann hat der Landrat eine Protestnote an den EU-Abgeordneten Rainer Wieland geschickt. Der CDU-Politiker wird eindringlich auf die befürchteten Folgen hingewiesen – und gebeten, sich klar gegen ein Verbot von Pflanzenschutzmitteln auszusprechen.
„Allein in Weinstadt liegen 500 Hektar Rebfläche komplett in Schutzgebieten. Die Verordnung würde – wenn sie der vorliegenden Fassung verabschiedet – nicht nur unsere Kulturlandschaft, sondern auch das Aushängeschild der jahrhundertealten Weinbautradition gefährden“, sagt Scharmann.