Stuttgart - Die jeweils neuesten Auftritte und Ausfälle des amerikanischen Noch-Präsidenten anzuschauen, das war lange ein bisschen so wie Kartoffelchips essen. Man konnte nicht aufhören, aber irgendwann wurde einem garantiert schlecht.
Und wenn man sich jetzt nach Tagen des Wartens auf das Wahlergebnis ein wenig umhört, dann laborieren viele Menschen derzeit an einem Syndrom herum, das man „Trump fatigue“ nennen könnte, Trump-Müdigkeit. Es handelt sich um eine elementare Spektakelmüdigkeit in Kombination mit ausgeprägter Bullshitverachtung. Endlich rückt der Tag heran, so heißt es, an dem der Lügner und Rassist, der Hochstapler und Covid-Leugner nicht mehr interessieren muss. Endlich nähert sich jener meditative Glücksmoment, an dem man die gerade aktuellen Wut-Tweets einfach ignorieren kann.
Er wirkt wie ein entzauberter Sektenführer
Es könnte zumindest in ein paar Monaten tatsächlich so weit sein, denke ich. Denn schon heute wirkt Donald Trump wie ein plötzlich entzauberter Sektenführer. Nur er selbst und ein paar Getreue hoffen noch auf das rettende Ufo, das nie kommen wird. Und doch lohnt es sich, gerade jetzt zu fragen, was der seriöse Journalismus aus den vergangenen Jahre lernen kann. Denn der Mann, Hybridfigur aus Reality-TV-Star und Internettroll, hat, so viel ist klar, auf dem Weg nach oben das Mediensystem gehackt.
Darum noch einmal zurück zu den Anfängen: 2011 begann Trump in der Morgensendung „Fox & Friends“, seine politischen Ambitionen zu testen. Und er tat dies, indem er rassistische Verschwörungstheorien verbreitete. Barack Obama sei in Wahrheit gar kein US-Amerikaner und daher als Präsident nicht wirklich legitimiert, so behauptete er.
Andere Medien griffen seine haltlosen Spekulationen auf, verstärkten sie – auch im Versuch der Demontage. Mir ist aus dieser Anfangsphase des „Politikers“ Donald Trump vor allem eine Fernsehszene in Erinnerung geblieben, die auf CNN zu sehen war. Hier befragt der Top-Journalist Wolf Blitzer, insgeheim fasziniert von dem Aufmerksamkeitserfolg der Provokation, Donald Trump nach seinen rassistischen Einfällen – ganz so, als sei es angebracht, diese überhaupt zu widerlegen.
Nicht unnötig mit Energie versorgen
Er konfrontiert Trump mit einer Kopie von Obamas Geburtsurkunde. Er zitiert den damaligen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner, Mitt Romney, der die Verschwörungstheorien für absurdes Gerede hält. Darauf Trump: „Er hat seine Meinung, und das ist wunderschön. Und ich bin nun mal anderer Meinung, und das ist auch wunderschön.“
In dieser kurzen Konfrontation zeigt sich, dass der seriöse Journalismus vor dem Dilemma steht: wie über infame Annahmen berichten, ohne diese selbst (und sei es auch nur im Versuch der Abwehr und Korrektur) immer noch größer zu machen? Letztlich geht es um die reflektierte Ignoranz der Idiotie, die vielleicht Quote und Klickzahlen verspricht, aber die Informationskreisläufe verseucht und verschmutzt. Den pöbelnden, den spaltenden Provokateur nicht unnötig mit publizistischem Sauerstoff zu versorgen – darauf käme es mehr denn je an.
Und noch etwas. Der Kern von Trumps Propagandamethode (und anderer Populisten in seinem Fahrwasser) besteht darin, die Unterscheidung von Faktum und Meinung zu pulverisieren. Eben hier muss der seriöse Journalismus ansetzen – und auf den Tatsachen bestehen. Denn alles in einem Meinungsstrom aufzulösen bedeutet, das Realitäts- und Rationalitätsprinzip des Diskurses selbst preiszugeben.
Wenn man den Blick weitet, dann sieht man: Hinter jedem medialen Erfolg von Populisten stehen immer auch andere Player mit eigenen Interessen. In diesem Fall ist dies beispielsweise der Fox-News-Gründer und Besitzer von Boulevardzeitungen Rupert Murdoch, vermutlich einer der mächtigsten und skrupellosesten Medienunternehmer des klassischen Print- und Fernsehgeschäfts.
Seine Leute haben auf drei Kontinenten entscheidend dabei geholfen, die politischen Verhältnisse zu destabilisieren. In Großbritannien agitierten sie für den Brexit, in Australien gegen die Tatsache des menschengemachten Klimawandels, in den USA verhalfen sie Donald Trump zur Wahl. Bis vor Kurzem war Fox News (inzwischen drückt sich auch bei diesem Sender die Realität des Wahlergebnisses aus) eine Art Präsidentensender, ein Staatsfernsehen unter den Bedingungen des freien Marktes, getrieben von einer Quoten- und Empörungsgier, die die Spaltung der Gesellschaft in ein Geschäftsmodell verwandelt hat. Wie könnte der seriöse Journalismus hier reagieren? Meine Antwort: Es braucht mehr denn je einen investigativen Medienjournalismus, der solche Formen der strategischen Partnerschaft unerschrocken aufdeckt. Dass die Mesalliance der Skrupellosen aufgedeckt und offenbart wird, das muss für diese zumindest ein Imagerisiko sein.
Kann man den ernsthaften Politiker mit dem Lügner vergleichen?
Und schließlich und zum Schluss: Die Jahre mit Trump haben die offene Flanke einer falsch verstandenen Neutralität offen gelegt. Wie will man, beispielsweise, über die Position der Demokraten in Sachen Klimawandel (Akzeptanz von Wissenschaft) und der Republikaner (Leugnung sehr breiter wissenschaftlicher Übereinstimmung) nach dem Muster der ausgewogenen Berichterstattung berichten? Wie eigentlich einen notorischen Lügner mit einem klassischen Politiker ernsthaft vergleichen? Spielen nicht beide in einer gänzlich andersartigen Arena?
Solche Fragen zeigen, dass das Neutralitätsritual des seriösen Journalismus selbst zum Einfallstor für den Populismus werden kann. „Die ausgewogene Behandlung eines unausgewogenen Phänomens verzerrt die Realität“, so der US-Politologe Norman Ornstein. Er hat recht.
Selbst Twitter gewinnt die Kontrolle zurück
Aber was tun? Es gilt, auf dem Weg zu einer engagierten, kämpferischen Objektivität gesicherte Erkenntnisse und Fakten als Ausgangspunkt für die Art der Konfrontation zu wählen – unabhängig von der Aura eines Amtes, dem Status der Person. Dem „Er-sagt-sie-sagt“-Journalismus fehlt es erkennbar an Bullshitimmunität, er normalisiert das Inakzeptable.
Diverse große Fernsehsender brachen am Donnerstag vergangener Woche die Übertragung einer Pressekonferenz von Donald Trump ab, weil dieser seine Wahlbetrugsbehauptungen ohne Belege wiederholte. Man entschied sich für die klärende Einordnung: schlicht falsch! Und selbst Twitter, gerade noch ein Medienunternehmen, das das im Silicon Valley übliche Laissez-faire-Gerede propagierte, markiert inzwischen einzelne Tweets des Noch-Präsidenten als irreführend und schränkt ihre Weiterverbreitung ein.
„Twitter ist außer Kontrolle“, schrieb Donald Trump daraufhin. Und schon wieder ist das nicht korrekt. Denn tatsächlich kehrt nur das Bemühen um Wahrheitsorientierung als Reaktion auf die Katastrophe der Desinformation zurück. Die vergangenen vier Jahre haben deutlich gemacht, was auf dem Spiel steht.
Unser Gastautor Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen und Fellow im Thomas Mann House (Los Angeles). Zuletzt veröffentlichte er gemeinsam mit Friedemann Schulz von Thun das Buch „Die Kunst des Miteinander-Redens. Über den Dialog in Gesellschaft und Politik“ im Hanser-Verlag.