Jetzt aber steht Karlheinz Förster (63), ehemaliger Nationalverteidiger, zweimaliger Vizeweltmeister, Europameister und deutscher Meister mit dem VfB Stuttgart, nicht mehr auf dem Fußballplatz – jetzt sitzt er in Saal 6 des Landgerichts von Mosbach, einem ehemaligen Kloster des Bettelordens der Franziskaner. Unter roten Holzbalken und Kronleuchtern sieht er sich diesmal einem Gegner gegenüber, der sich nicht so einfach aus dem Spiel nehmen lässt: seinem langjährigen Bekannten Murat Lokurlu (45), den Förster wegen ausstehender Gelder aus gemeinsamen Geschäften verklagt hat. Der Streitwert liegt bei rund 660 000 Euro.
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Der Fall mit dem Aktenzeichen 1 O 251/20, der an diesem Dienstagmorgen in Försters Geburtsort verhandelt wird, wirft ein ungewohntes Schlaglicht auf ein Gewerbe, in dem die Geschäfte üblicherweise im Verborgenen betrieben werden: das Metier der Spielerberater. Es ist der wohl am schlechtesten beleumundete Berufszweig der Milliardenbranche Profifußball, in der es an Tricksern, Täuschern und anderen Scharlatanen auch ansonsten nicht mangelt. Umso verblüffender, dass nun zwei Vertreter dieser Zunft, darunter einer der prominentesten, die Tür bereitwillig öffnen und interessante Einblicke in ein zwielichtiges Geschäftsgebaren gestatten.
Worum es in Mosbach im Wesentlichen geht, ist das Zustandekommen des ersten Profivertrags des heutigen Nationalstürmers Timo Werner (FC Chelsea) beim VfB Stuttgart im Jahr 2014 und die Frage, ob es damals und auch anschließend ein gemeinsames Unternehmen gab. Nein, sagt der Kläger Förster; ja, sagt der Beklagte Lokurlu.
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Förster unterlag zu jenem Zeitpunkt einem vertraglichen Wettbewerbsverbot, nachdem er ein paar Monate vorher bei der Hamburger Berateragentur T21plus gekündigt hatte. Allem Anschein nach betrieb er seine Geschäfte dennoch weiter – und benötigte einen Kompagnon, um im Hintergrund bleiben zu können. Lokurlu, ein Bekannter aus einer benachbarten Ortschaft im Odenwald, wird zu seinem Gehilfen und tritt als Vertreter Werners auf. Einen Anteil von zehn Prozent der Vermittlerprovision soll er dafür bekommen, was Lokurlu auch im Rückblick „mehr als fair“ findet. „Für mich war das irgendwo auch eine freundschaftliche Verbindung“, sagt Förster.
Freundschaftsdienst oder Geschäftsbeziehung?
Als eine Art Freundschaftsdienst und als nur vorübergehend betrachtet Förster die Zusammenarbeit während seines Wettbewerbsverbots – „er ist eingesprungen, um mir zu helfen“. Lokurlu sieht das grundlegend anders. Er berichtet vor Gericht davon, zahlreiche weitere Geschäfte gemeinsam abgewickelt zu haben, und benennt auch die Namen der Förster-Klienten, in deren Auftrag er aufgetreten sei: Marco Terrazzino, Sebastian Freis, Steffen Haas, Lukas Kiefer, Vincenzo Grifo. Ob er seine gesamte Arbeitszeit dafür aufgewendet habe, fragt die Richterin. „Selbstverständlich. Wir machen das ja nicht zum Spaß“, sagt Lokurlu. Förster wechselt zwischen fassungslosem Kopfschütteln und höhnischem Lachen.
„Meinen Sie das ernst?“, ruft Förster, als sein Gegenüber davon berichtet, wie die Vermittlungsprovisionen verteilt worden seien: Jeweils in bar habe Lokurlu seinem Geschäftspartner den ihm zustehenden Anteil übergeben, allein 110 000 Euro sollen es nach dem Wechsel von Alexander Esswein vom FC Augsburg zu Hertha BSC 2016 gewesen sein. Denn: „Er durfte ja offiziell nichts abrechnen.“ Entsprechende Quittungen scheinen allerdings nicht vorhanden zu sein – dafür liegt dem Gericht ein Schriftstück aus dem Jahr 2018 vor, in dem Lokurlu durch Unterschrift anerkannte, keinen Anspruch auf einen Betrag von 288 075 Euro zu haben. Warum er diese Abmachung signiert hat? „Frau Richterin, wir haben uns vertraut!“, sagt Lokurlu. „Es war für mich keine Frage: Wenn er etwas für seinen Steuerberater gebraucht hat und ich unterschreiben sollte, dann habe ich unterschrieben.“
Timo Werner soll einst beim FC Bayern unterschrieben haben
Der „Spiegel“ hat zuletzt von weiteren pikanten Details aus der angeblichen Geschäftsbeziehung zwischen Förster und Lokurlu berichtet: einem von Uli Hoeneß eingefädelten Vertrag zwischen Timo Werner und dem FC Bayern ab dem 1. Juli 2020, den der damalige Stürmer von RB Leipzig nur widerwillig unterschrieben haben soll und der später wieder rückgängig gemacht worden sei; oder dem Wunsch des damaligen Förster-Mandanten Niklas Süle, nach England zu wechseln samt dem entsprechenden Auftrag des Bayern-Abwehrspielers an Lokurlu, einen Topclub auf der Insel zu finden. Per eidesstattlicher Versicherung soll Süle im Februar dieses Jahres erklärt haben, keinerlei geschäftliche Beziehungen zu Lokurlu gehabt zu haben. Entsprechende Beweise jedoch sollen sich auch für diesen Fall in einem 460 Seiten dicken Schriftsatz befinden, den Lokurlus Rechtsvertreter am 19. September am Landgericht hinterlegt haben. Wegen der Kurzfristigkeit und des Umfangs, sagt die Richterin, können die Inhalte am Dienstag nicht berücksichtigt werden.
Ob sich bald also noch mehr Abgründe aus der Welt der Spielerberater auftun? Fraglich. Einer der beiden Anwälte Lokurlus ist es, der die Verhandlung in Mosbach nach 70-minütigem Schlagabtausch mit einem so überraschenden wie naheliegenden Vorschlag beendet: „Es wäre die einzig vernünftige Lösung, den Fall durch eine Mediation zu klären.“ Zum ersten Mal nickt auch Karlheinz Förster zustimmend: „Das habe ich schon viermal angeregt.“