Die Glocken von Aichtal-Grötzingen Mit dem Klang des Friedens

Friedensglocken wurden in den Kirchturm der katholischen Kirche Maria Hilf in Aichtal-Grötzingen eingebaut. Foto: Ines Rudel

In Zeiten von weltweiten Krisen und Kriegen wollen sie ein Zeichen setzen: Die Kirchenglocken von Grötzingen haben eine mahnende Geschichte.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

In den kargen Nachkriegsjahren wirkte es fast wie ein Wunder. Eine Familie saß zu Anfang des Jahres 1955 am Mittagstisch, als plötzlich die Kirchenglocken bimmelten. Dieser Klang mutete eigenartig an. Denn auf dem Turm der im September des Vorjahres eingeweihten katholischen Kirche Maria Hilf in Aichtal-Grötzingen hingen noch gar keine Glocken. Die Familie ließ ihr Mittagsmahl stehen und rannte zu dem Gotteshaus. Und tatsächlich – der Klang wurde noch intensiver. Unbemerkt von der Bevölkerung waren dort zwei Glocken aufgehängt worden.

 

Eine Seniorin aus seiner Kirchengemeinde hat Volker Weber, dem katholischen Dekan von Esslingen-Nürtingen und Pfarrer von Grötzingen, diese Geschichte aus ihren Erinnerungen heraus erzählt – und die Verwunderung ihrer Familie über den plötzlich zu hörenden Glockenklang war verständlich. Denn in den 1950er Jahren, so führt Volker Weber aus, war es noch nicht üblich, Glockenweihen mit einem großen Fest zu verbinden. Dabei hätte es auf einer solchen Feier in Grötzingen viel zu berichten gegeben: Die beiden Glocken stammen aus Polen und der heutigen Tschechischen Republik.

Materialressource für den Krieg

Ihre Geschichte ist tragisch, aufrüttelnd, mahnend. Während des Zweiten Weltkriegs, so hat Volker Weber herausgefunden, hatten die Nationalsozialisten in dem gesamten von ihnen beherrschten Gebiet insgesamt etwa 100 000 Glocken von Kirchtürmen abgehängt. Sie sollten eingeschmolzen werden: „Als Materialressource für die Kriegswirtschaft sollten sie missbraucht werden“, schüttelt der Seelsorger den Kopf. Doch 16 000 dieser Glocken überstanden den Krieg unbeschadet und wurden im Hamburger Hafen gelagert. Aber ihre Bewachung ging ins Geld. Ein Großteil wurde daher an den Ursprungsort zurückgebracht.

Doch eine Rückführung von etwa 1300 Glocken war nicht möglich. Sie stammten aus den ehemals deutschen Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie und konnten wegen des Eisernen Vorhangs aus politischen Gründen nicht zurückgegeben werden. „Sie wurden daher ab 1950 teilweise Patengemeinden im damaligen Westdeutschland zugewiesen“, weiß Volker Weber. So kamen auch die beiden Glocken aus Polen und der Tschechischen Republik nach Grötzingen. 1963 wurden zwei weitere Glocken angeschafft, um den Klang zu perfektionieren.

Gemeinde möchte Glocke zurück

Über die Jahre geriet die Herkunft der beiden ersten Glocken in Vergessenheit. Doch 2008 flatterte dem damaligen Pfarrer von Grötzingen unerwartete Post ins Haus. Die Gemeinde St. Laurentius im tschechischen Pist meldete sich: Sie habe über das Nationalmuseum in Nürnberg erfahren, dass eine ihrer ehemaligen Glocken in Grötzingen hängen solle. Fotos hatte sie dem Schreiben beigelegt. Doch ein Vergleich brachte keine Übereinstimmung: Die Grötzinger Glocken sahen ganz anders aus als die auf den Bildern dargestellten. Doch es handelte sich um eine Verwechslung, sagt Dekan Weber. In Sulz am Neckar befindet sich ebenfalls eine Glocke aus Pist – und die Verantwortlichen hatten 2008 die Aufnahmen vertauscht. Die Fotos für Sulz waren in Grötzingen gelandet – und umgekehrt: „Bei der ersten Anfrage wurden die Bilder dem falschen Brief beigelegt.“

Das Missverständnis wurde aber geklärt. Im Zuge der Gespräche mit den Verantwortlichen in Pist wurde auch Kontakt zu dem ursprünglichen Standort der anderen Glocke im polnischen Frombork aufgenommen, erinnert sich Volker Weber. Nach längeren Verhandlungen konnten beide Glocken 2021 zurückgegeben werden. Grötzingen erhielt einen Ersatz mit hoher Symbolkraft. Eine Spezialfirma fertigte zwei Friedensglocken an, die auf einer Seite mit dem europäischen Sternenkranz und zwei Tauben verziert wurden. Die Kirchenglocken, sagt Volker Weber, seien an einem Freitagnachmittag um 15 Uhr, der Sterbestunde von Jesus Christus, gegossen worden und hängen nun im Turm der katholischen Kirche Maria Hilf.

Wermutstropfen bleiben

Nur zwei kleine Wermutstropfen bleiben. Die zurückgegebenen Glocken wurden in Polen und der Tschechischen Republik nicht wieder an ihren ursprünglichen Platz in einem Kirchturm gehängt. Im tschechischen Pist hatten die Verantwortlichen schon im Jahr 2000 eine neue Glocke eingeweiht, die sie nun nicht mehr abhängen wollten. Ihre Idee sie es gewesen, die aus Grötzingen zurückgeholte Glocke in einem Außenbereich des Gotteshauses auf eine Art Podest zu stellen und sie bei besonderen Angelegenheiten zu läuten. Ob dieser Gedanke verwirklicht wurde, weiß Volker Weber nicht. Ein Mitglied des Kirchengemeinderats werde aber im April dorthin reisen und dann wohl auch mitteilen, wie hier weiter verfahren wurde.

Die Glocke aus dem polnischen Frombork konnte ebenfalls nicht mehr an den Ursprungsort verbracht werden, da die Nikolauskirche vor Ort im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden war. Doch die Verantwortlichen wollen laut Volker Weber an dieser Stelle eine Gedenkstätte für den Astronomen Nikolaus Kopernikus errichten, der in dem Ort als Domherr gewirkt hatte. In einem solchen Gebäude könnte auch die zurückgegebene Glocke zum Einsatz kommen.

Die Glocken von Grötzingen

Herkunft
Eine der beiden Glocken, die von 1955 bis 2021 in der katholischen Kirche Maria Hilf in Aichtal-Grötzingen zum Einsatz gekommen sind, stammte laut Dekan Volker Weber aus dem heutigen Pist in der Tschechischen Republik. Sie war 1649 von Hans Knauf gegossen worden. Die andere Glocke aus dem heutigen Frombork in Polen war 1704 von Michael Wittwerck in Danzig gegossen worden.

Besuch
 Ende Januar hatte Ministerpräsident Winfried Kretschmann die katholische Kirche Maria Hilf in Grötzingen besucht. Seine Eltern kamen ursprünglich aus dem Gebiet in Polen, aus dem eine der dortigen, nun zurückgegebenen Glocken stammte.  Der Grünen-Politiker wollte sich nun die neuen Friedensglocken anschauen.

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