Die Hauptschaltleitung in Wendlingen Die osteuropäischen Drähte glühen

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Unterdessen räumt Guntram Zeitler mit dem Mythos auf, dass allein die norddeutsche Energiespringflut die Netze in Polen oder Tschechien killen würde. „Wir haben das untersucht“, sagt er, „der Andrang hatte nicht nur mit der Windenergie zu tun, sondern mit dem Handel.“ Sprich: aus diesen Ländern war viel nach Deutschland verkauft worden, was die osteuropäischen Drähte zum Glühen brachte. Jürgen Olbrisch, ein gemütlicher Ingenieur aus Richtung Ruhrpott, fasst den Sachverhalt für mich besonders laienfreundlich in einem Satz zusammen: „Wenn der Strom reindrückt, dann müssen wir dagegendrücken.“

Ein Gong ertönt. Er signalisiert nicht den Ladenschluss an der Strombörse, sondern einen Alarm. Ein weißer Kreis leuchtet auf, jetzt hat die Leitung nach Villingen 60 Prozent Belastung. Das erste, jedoch kein ernstes Warnzeichen. Es ist nicht nötig dagegenzudrücken und Kraftwerke hochzufahren. Sollte die Überlastung steigen, könnten die beiden Männer versuchen, den Strom umzuleiten oder die Windenergie abzuschalten. Letzteres tun sie nur im Notfall, weil die Windenergie laut Gesetzgeber immer Vorfahrt hat. Strom umzuleiten ist schwierig, weil dann womöglich eine andere Leitung überlastet wird. Also fahren sie Kraftwerke hoch. So entsteht das Paradox, dass wegen der Windenergie aus dem Norden Kohle- und Atomkraftwerke im Süden hochfahren müssen, damit sich die 50 Hertz im Netz nicht hochschaukeln. Aber diese doppelte Belastung vertragen die Drähte nicht.

Ist das das Problem der Energiewende? „Genau das“, antwortet Anja Brötel. Und was tun wir dagegen?“ „Wir brauchen vier neue Stromtrassen für Gleichstrom mit insgesamt 2000 Kilometer Länge, die von Flensburg in Richtung Bodensee gehen. Zusätzlich bauen wir 1700 Kilometer neue Wechselstromleitungen und ertüchtigen 4400 Kilometer alte Wechselstromleitungen. Das wird 21 Milliarden Euro kosten.“ Und wann bauen wir die? „Im Jahr 2020 wollen wir fertig sein.“ Warum nicht früher? „Haben Sie schon mal eine Trasse gebaut?“ Nein, aber ich kann mir denken, wo die Schwierigkeiten liegen: Begriffe wie Planfeststellung, Anhörung der Träger öffentlicher Belange oder Bürgerinitiative wirbeln mir durch den Kopf.

Die Arbeit wir immer komplizierter

Die beiden Ingenieure stärken sich mit Kaffee und wenden sich ihrer Arbeit zu. Ich überlege mir im Stillen, dass jeder im Physikunterricht gelernt haben sollte, dass man laut dem Energieerhaltungssatz Energie weder erzeugen noch verbrauchen kann, höchstens umwandeln, und dass der Begriff erneuerbare Energie folglich genauso falsch ist wie die Bezeichnung Energieerzeuger.

Die 60-Prozent-Warnung ist erloschen, der Bildschirmhintergrund wieder gleichmäßig schwarz. Solche Warnungen sind es, die in Zukunft die Arbeit von Jürgen Olbrisch und seinen Kollegen bestimmen werden, weil der Anteil an schwer berechenbarer Fotovoltaik und Windenergie steigt. Hinter den Zäunen und Mauern in der Wendlinger Ohmstraße sitzen Männer, ohne die in Baden-Württemberg nicht einmal mehr ein Zigarettenautomat funktionieren würde. Hinter diesen Zäunen und Mauern wohnt die Zukunft, verwaltet von der Besatzung einer Hauptschaltleitung.