Die Hauptstadt im Wandel Berlin? Berlin!
Alter Glanz und neue glatt geleckte Fassaden wie eh und je. Auch in Zeiten der Pandemie bleibt Berlin in Bewegung. Doch die Wirkung der Metropole auf die Flaneurin ist eine verblüffend andere.
Alter Glanz und neue glatt geleckte Fassaden wie eh und je. Auch in Zeiten der Pandemie bleibt Berlin in Bewegung. Doch die Wirkung der Metropole auf die Flaneurin ist eine verblüffend andere.
Berlin - Das Brandenburger Tor ist einer dieser Scheinriesen in der Welt der Sehenswürdigkeiten. Fast jeder Besucher, der zum ersten Mal vor den sechs Säulengängen samt Dach und Quadriga steht, sagt irgendwann diesen einen Satz: Er habe es sich eigentlich viel größer vorgestellt.
Vielleicht hängt die Erwartung mit der Froschperspektive zusammen, aus der das Postkartenmotiv oft fotografiert wird, vielleicht hängt auch noch die kollektive optische Erinnerung aus der Zeit der Teilung in unseren Köpfen fest: ein sandsteinerner Koloss in kahler Grenzlandschaft, um den selbst die hier meterdicke Mauer einen Bogen schlug. Nicht einmal eine halbe Generation ist es her, dass hier kein Mensch entlanggehen durfte. Inzwischen machen die Neubauten mit ihren glatt geleckten Fassaden und ihrer Traufhöhe den Platz wieder zu einer Art Kammer, die jeder betritt, der die Stadt besucht – zu jener berühmten „guten Stube“. Und das Tor? Ist geschrumpft.
Aber wer jetzt, in der Zeit der Pandemie, auf den Pariser Platz tritt, der hat dieses alte Gefühl, einem Koloss gegenüberzustehen. Es ist die Leere. Sie macht das Tor größer, den Menschen auf dem Platz kleiner. Und trauriger. Das ist nicht nur nachts so, wenn Ausgangssperre herrscht – was für ein Wort, gerade für Berlin. Nun fällt gelbliches Licht aufs Pflaster, und der Spaziergänger in der Pandemie hört ein schallendes Geräusch, das hier so fremd wirkt wie der Ruf eines seltenen Vogels: die eigenen Schritte.
Vormittags dann der umgekehrte Effekt: Die Stadt hört sich an, als habe sie jemand unter Watte versteckt. Hier, wo sonst Touristen wildfremde Menschen im Teddykostüm für Souvenirfotos umarmen, wo man alle Sprachen dieser Welt hört, herrscht nun die Melancholie der Pandemie. Weg ist sie, die Ameisenstraße, auf der Touristen emsig zu den Besuchercontainern am Westportal krabbeln. Selbst der gelbe Bus der Linie 100 hat seine Vordertür verbarrikadiert. Nicht einmal mürrische Berliner Busfahrerblicke bleiben einem in der Pandemie erhalten. Was hat Corona nur aus dieser Stadt gemacht!
Ja, was funktionieren muss, das funktioniert weitgehend. Das Parlament tagt, die Regierung regiert, und die Berliner tun das, was andere Menschen in anderen Städten auch tun: durchwursteln mit Kleinkindern, bangen um Alte und Kranke, vereinsamen als Alleinlebender.
Über die Seele der Stadt, über den Schmerz und das, was vielleicht auf immer verschwunden sein wird, erfährt man eher etwas, wenn man durch die Straßen geht. Das Bild, so viel lässt sich nach einem Jahr Pandemie sagen, ist typisch Berlin: an manchen Orten hart, traurig und schwer, aber manchmal auch überraschend leicht – widersprüchlich eben und unberechenbar.
Auf der einen Seite leidet die Stadt, bäumt sich hier und da wütend auf, und manches geht einfach sang- und klanglos ein. Andererseits macht sie sich an manchen Stellen schön und verändert sich heimlich, während keiner so richtig hinschaut.
Auf welche Weise es Berlin gelingen wird, sich zu berappeln, kann heute keiner vorhersagen. Mit einem dornröschenhaft schönen Erwachen rechnet niemand. Macht nichts. Ein Sehnsuchtsort vieler bleibt Berlin so oder so. Jeder dritte Deutsche gab in einer Studie des Deutschen Instituts für Tourismusforschung Ende vergangenen Jahres an, in den kommenden zwölf Monaten nach Berlin reisen zu wollen – Pandemie hin oder her. Worauf wird man dann treffen?
Stadtspaziergänge werden sich anders anfühlen als jetzt. Wer derzeit durch Mitte schlendert, an einem Sonntagvormittag, Unter den Linden entlang, den schmerzt die geschlossene Staatsoper vielleicht nicht so wie am Abend, das stille Gorki-Theater, die Komische Oper, die schlafende Museumsinsel. Am Tage wird die Leere zur eigenen Attraktion – kein Gedränge, dafür viel Stadtraum. Man bestaunt Fassaden, die man sonst nicht einmal wahrgenommen hat, entdeckt Sichtachsen, die sonst vom Rummel der Menschenmassen verwischt werden.
Und dann gibt es da die Orte, die neu entstehen. Der prominenteste ist sicherlich das Humboldt-Forum. Ausgerechnet im Pandemiejahr ist Deutschlands teuerster Kulturbau fertig geworden. Wie das Haus, das manche ein Schloss nennen, mit den außereuropäischen Sammlungen, dem Humboldt-Labor und Wechselausstellungen bespielt werden wird, bleibt vorerst eine spannende Frage.
Draußen vor der Tür kann man derweil schon ein Gespür dafür erwandern, wie sich der Stadtraum verändert hat. Auf der modernen Ostseite führt eine flache Treppe zum Wasser hinunter. Das könnte, im Sommer, ein schöner Ort fürs abendliche Rendezvous werden. Von Süden her bietet sich ein kompletter Blick durchs Haus bis zum Lustgarten.
Schon jetzt jedenfalls ist auf einmal der Platz westlich des Stadtschlosses, die sogenannte Schlossfreiheit, viel mehr auf den Präsentierteller gerückt als zuvor. Und Berlin wäre nicht Berlin, hätte nicht längst die kontroverse Debatte darum begonnen, wie das neu gewonnene Stück Stadt zu gestalten wäre.
Seit Kurzem hat auch derjenige, dem vor allen Endlosdebatten über oberirdische Bauwerke der Zukunft graust, eine Alternative. Denn mitten in der Pandemie ist unterirdisch ein kleines, aber feines Stück U-Bahn fertig geworden: Der Lückenschluss der U 5 führt nun vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor und hat drei neue Bahnhöfe.
Vielleicht werden Besucher auch immer öfter aufs Fahrrad steigen – die Berliner zumindest tun das in der Pandemie. Um 14 Prozent hat der Radverkehr 2020 zugenommen. Auf den gestiegenen Bedarf reagierte die Hauptstadt, indem sie blitzschnell vorübergehende Radwege – die Pop-up-Radwege – einrichtete. 27 Kilometer davon gibt es jetzt, provisorisch eingerichtet, mit Baken und Farbe markiert, etliche davon werden bleiben.
Die bekannteste Radzone führt durch einen Teil der Friedrichstraße in Mitte. Mit Corona hat das nichts zu tun – der Versuch einer autofreien Zone war vorher geplant. Trist liegt die Straße nun im Lockdown da, als wolle sie sagen: Schaut, wie Berlin leidet.
Vielleicht stärker als irgendwo sonst trifft die Pandemie die Seele dieser Stadt. Zuletzt war Berlin jedes Jahr kräftig gewachsen, um bis zu 50 000 Menschen pro Jahr. Viele junge Leute aus der ganzen Welt kamen für eine Weile oder um zu bleiben. Und selbst im Pandemiejahr 2020 wurden noch deutlich mehr Unternehmen gegründet als irgendwo sonst in Deutschland. Am Anfang federten die Coronahilfen einige Härten ab für all die Menschen, die in prekären, kreativen Jobs arbeiten. Aber Corona nagt.
Die Kultur- und Kreativszene zieht sich wie ein Geäder durch die Stadt, hier schlägt der Puls Berlins – eigentlich. Jetzt ist es still. Viele Menschen leben allein, in beengten Verhältnissen, das Leben spielte sich vor Corona daher draußen ab, tagsüber in Parks und Cafés, abends in Kneipen, Clubs und auf der Straße.
Der größte Schmerz entsteht durch die geschlossenen Türen. Wer durch Kreuzberg, Neukölln, Friedrichshain, den Prenzlauer Berg spaziert, der kann inzwischen ganze Geschichten hinter den Schildern in den Fenstern erahnen. „Wir sind nur mal weg, bis wir wieder da sind“, steht schnell hingekritzelt an einer Bar. Das Papier ist blass geworden, die Zeit über diese Existenz hinweggehuscht, unbarmherzig.
Anderswo haben sich die Schilder professionalisiert – erst wurde Maskentragen erbeten, jetzt Schnelltests, handgeschriebene Mobiltelefonnummern für Click & Meet. „Neuer Betreiber gesucht“, „Miet mich“ liest man jetzt öfter. Und Abschiedsgrüße an die untergegangene Lieblingskneipe: „Wir vermissen dich.“
Nach Berlin kommt man aus vielen Gründen, einer davon ist der Wunsch, überrascht zu werden. Mehr als eine Sehnsucht danach ist nach einem Jahr Pandemie nicht übrig – aber immerhin, sie ist geblieben. Nun ist wenigstens der Frühling da, und die Notbremse wirkt nicht gegen den ungestümen Wunsch der Menschen, draußen zu sein, sich zu bewegen und einander zu begegnen.
Einer der Orte, an denen man das Gefühl von Hoffnung spüren kann, ist der neu gestaltete und erweiterte Mauerpark zwischen Prenzlauer Berg und dem Wedding. Hier wird am Wochenende geradelt, gespielt und gepicknickt, die angejahrten Hipster aus den sanierten Häusern mischen sich mit Großfamilien aus der West-Platte. Wenn endlich der Mai ein bisschen barmherziger werden wird, mit milderen Temperaturen und hoffentlich weiter sinkenden Inzidenzen, dann könnte, ganz vorsichtig, ein wenig vom alten Berlin-Gefühl aufkeimen.
In manchen Momenten liegt es fast schon in der Frühlingsluft. Wie Konfetti fallen an diesem Abend die blassrosafarbenen Blütenblätter des Mandelbäumchens aufs Pflaster der Rykestraße unweit der großen Synagoge. Die Sonne scheint schräg auf den Platz am Wasserturm. Ein paar Leute warten vor dem vietnamesischen Lokal auf ihre Bestellungen.
Auf einmal spielt ein junger Mann ein paar Akkorde auf seiner Gitarre. Die Frau neben ihm hält ein Mikro in der Hand, eine Box steht zu ihren Füßen. Sie singt, erst zaghaft, dann lauter, wilder. Es klingt ein bisschen schrammelig, aber nicht mutlos. Ein paar Leute auf der Straße bleiben stehen, wippen mit. Die ersten fangen wieder an, zu tanzen.