Die Hollywoodschauspielerin in ihrer Heimat Mit Nina Rausch durch Ingersheim und Bietigheim
Nina Rauschs Karriere als Hollywood-Schauspielerin begann vor vielen Jahren in der Historischen Kelter und im Kronenzentrum von Bietigheim.
Nina Rauschs Karriere als Hollywood-Schauspielerin begann vor vielen Jahren in der Historischen Kelter und im Kronenzentrum von Bietigheim.
Wenn Nina Rausch in ihrem alten Mädchenzimmer in Großingersheim aufwacht, blickt sie auf den „Hollywood“-Schriftzug. Seit fast einem Vierteljahrhundert schmückt er die Wand des Zimmers im ersten Stock des Einfamilienhauses, wo sie aufgewachsen ist. Sie hat das Schild von ihrem Jahr als Austauschschülerin in den USA mitgebracht. Schon damals träumte sie von Hollywood, kam aber erst einmal nur bis Idaho, das vom Glamour der Traumfabrik fast genauso weit entfernt ist wie Ingersheim.
Inzwischen ist ihr Traum Wirklichkeit geworden. Nina Rausch zog vor 20 Jahren in die USA, lebt nun in Los Angeles und hat dort Karriere gemacht. Sie war als Schauspielerin in Serienhits wie „Castle“, „Mad Men“, „Orange is the New Black“ oder „Grey’s Anatomy“ zu sehen – und seit wenigen Wochen hat sie neben der deutschen auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
Doch immer wieder zieht es sie zurück nach Ingersheim. Mindestens einmal im Jahr kehrt die Schauspielerin, die kein bisschen so aussieht wie jemand, der schon 41 Jahre alt sein soll, zurück in ihr Elternhaus, ein unauffälliges Reihenhaus am Rande der 6000-Einwohner-Gemeinde. Von der abfallenden Straße aus hat man einen wunderbaren Ausblick über das Neckartal. Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Nina Rausch trotz all der Jahre in den USA eine Schwäbin geblieben ist, dann erbringt sie diesen, indem sie – bevor sie für ein Foto vor dem Haus posiert – schnell noch die Mülleimer wegräumt. Ordnung muss sein.
Schon bei der ersten Station dieser Reise zurück in ihre Jugend, gibt Nina Rausch eines ihrer großen Geheimnisse preis. „Ich war damals total in Heath Ledger verknallt“, sagt sie, als sie in ihrem alten Zimmer den Kleiderschrank aufmacht und Fotos des Schauspielers zum Vorschein kommen.
Bei der nächsten Station, der Schillerschule in der Wilhelmstraße, verrät sie, dass für sie die Grundschulzeit dort nicht wirklich gut anfing: Was ihr als Erstes in den Sinn kommt ist nämlich, dass sie einmal als abschreckendes Beispiel für alle anderen nach vorne zur Tafel kommen musste. „Ich hatte in einem Diktat 17 Fehler gemacht.“
Schönere Erinnerungen verbinden sie mit den Schultheater-Aufführungen, an denen sie beteiligt war, an Quark- und Gemüsebrötchen und selbst gemachte Spätzle aus der Schulküche, an die Bilder, die sie hier gemalt hat und die zu Hause noch irgendwo zu finden sein müssten, weil ihre Mutter sie alle aufgehoben hat. Und natürlich an ihre beste Freundin von damals, mit der sie als Nina und Nini ein unschlagbares Duo war – bis sie dann an das Gymnasium nach Freiberg am Neckar wechselte.
„Ich bin hier sehr behütet aufgewachsen“, sagt Nina Rausch. Sie hätte ihre Kindheit nicht in ihrer heutigen Wahlheimat USA verbringen wollen. Dort sei das Schulsystem nicht so gut und die Angst vor Amokläufen an Schulen allgegenwärtig. Auch der sprichwörtliche amerikanische Traum glänzt aus der Nähe betrachtet nicht ganz so glamourös: „Der Hollywood Boulevard ist fürchterlich dreckig. Aber wenn man kein Tourist ist, meidet man den ja sowieso.“
Ein Großteil des Jobs als Schauspielerin bestehe darin, zu Castings zu gehen und immer wieder auch mal eine Rolle nicht zu bekommen. Trotzdem ist Nina Rausch viel beschäftigt. Inzwischen hat sie auch damit begonnen, selbst Filme zu produzieren. 2017 etwa das Flüchtlingsdrama „Crossing Fences“. Zurzeit plant sie das Filmprojekt „Ausgang, Sofie“, das von einem afrodeutschen Mädchen in der Nazizeit erzählt.
Zudem hat sie ihre Begeisterung für das Theater wiederentdeckt, war kürzlich in New York und hat sich in zehn Tagen sieben Broadwayshows angesehen. Das Kino sei das Medium der Regisseure, die TV-Serie das der Autoren – und das Theater das der Schauspieler: „Als schlechter Schauspieler kannst du Filme machen, ohne dass man merkt, dass du eigentlich nicht gut bist. Beim Theater kannst du dich nicht verstecken.“ Und sich zu verstecken, war nie Nina Rauschs Sache.
Nächste Station: die Historische Kelter in Bietigheim. Hier hatte sie als Vierjährige ihren allerersten Auftritt. Sie spielte in „Don Quichotte“ ein Kind in einer Tonne. Eine ganz kleine Rolle ohne Text. „Aber Brad Pitt hat mal erzählt, dass er bei seinem ersten Auftritt nur einen Baum spielen durfte. Dagegen ist als Kind in einer Tonne zu debütieren doch gar nicht so schlecht.“
Mehr Auftritte hatte sie 350 Meter weiter im Bietigheimer Kronenzentrum. Hier hat sie ihre Klarinettenkünste unter Beweis gestellt. Hier war sie bei Ballettaufführungen zu sehen („Komischerweise kann ich mich vor allem an die zahllosen Aufzugsfahrten im Tutu erinnern“). Hier spielte sie Theater (zum Beispiel den Pinocchio in einem vom Papa gemachten Kostüm). Und hier war sie auch oft als Zuschauerin zu Gast. Mit ihrem Vater besuchte sie im Kronenzentrum zahllose klassische Konzerte. Vor allem ein Musikabend, an dem eine Sinfonie von Gustav Mahler auf dem Programm stand, ist ihr in Erinnerung geblieben. Weil die Sinfonie überhaupt kein Ende nehmen wollte, wurde der Ausdruck „Es ist wieder Mahler!“ bei den Rauschs in Ingersheim zur festen Redewendung, wann immer es darum ging, besonders langweilige Ereignisse zu kommentieren.
Nachdem sie 2019 in Sven Bohses Film „Wendezeit“ ausnahmsweise auch mal für eine deutsche Produktion vor der Kamera stand, hat sie zusammen mit dem aus Tübingen stammenden Regisseur in der Pizzeria gleich neben dem Kronenzentrum um die Wette geschwäbelt. Wie früher. Als Teenager traf sich Nina Rausch hier in der Bietigheimer Innenstadt immer mit ihren Freundinnen auf eine Pizza oder einen Eisbecher. Zwar kam ihr damals als Jugendliche, die raus in die weite Welt wollte, Bietigheim noch ein bisschen zu klein und provinziell vor. Doch immerhin gab es dort ein Kino, in dem sie ihren ersten Film sehen durfte: „Free Willy – Ruf der Freiheit“.
Sehr viel Zeit verbrachte Nina Rausch auch in der Musikschule – in dem Gebäude, das heute das Haus der Vereine und die letzte Station der Erinnerungstour ist. Während ihre Mutter draußen auf der Bank wartete, übte die kleine Nina dort fleißig Klavier und Klarinette oder hatte Gesangsunterricht.
Ein Traum von ihr wäre eine Rolle, bei der sie ihr musikalisches Talent, ihre Ausbildung als Tänzerin und ihre Fähigkeiten als Schauspielerin verbinden könnte. Eine solche Rolle hätte sie fast in „La La Land“ bekommen, ging am Ende aber leer aus.
Doch die Frau, die einst von Ingersheim aufbrach, um Hollywood zu erobern, weiß, dass sie mehr erreicht hat, als sie je zu hoffen gewagt hat. „Manchmal, wenn ich in Los Angeles unterwegs bin und in der Ferne den ‚Hollywood‘-Schriftzug sehe, wird mir plötzlich klar: Ich lebe meinen Traum!“