Die jüngsten Tarifabschlüsse bei den Lokführern oder der Lufthansa haben der aufgebrachten Republik eine wohltuende Atempause beschert. Auch der Konflikt der Luftsicherheit könnte bei einer erfolgreichen Schlichtung an diesem Sonntag ausgestanden sein. Doch droht manch Brandherd bald neu aufzuflackern, im kommunalen Nahverkehr etwa. Und neue Auseinandersetzungen sind auch in Sicht, wenngleich der kritische Verkehrssektor davon weniger berührt sein dürfte. Die Lage bleibt somit angespannt.
Die Inflationsprämie ist eine Erfolgsgeschichte
Die meisten Tarifkonflikte bescheren den Beschäftigten einen Ausgleich für die hohen Preissteigerungen der vergangenen Jahre. Demnach haben sich Arbeitnehmer vom Inflationsgespenst nicht niederringen lassen. Allein 2023 haben die nominalen Tariflöhne – je nach Berechnung – gegenüber 2022 um ungefähr sechs Prozent zugelegt. Gemessen am ähnlich starken Zuwachs der Verbraucherpreise konnte die Kaufkraft somit annähernd gesichert werden.
Auch die steuer- und sozialabgabenfreie Inflationsausgleichsprämie trägt dazu bei; sie ist ein echtes Erfolgsmodell: Mehr als drei Viertel der Tarifbeschäftigten haben seit Oktober 2022 eine solche Prämie erhalten oder werden sie bis Ende des Jahres ausgezahlt bekommen – mit einem im Schnitt hohen Auszahlbetrag von fast 2800 Euro.
Zweistellige Lohnforderungen fast schon Usus geworden
Nun aber schrumpft die Inflation auf Normalmaß, was den Gewerkschaften Wind aus den Segeln nimmt. Zweistellige Lohnforderungen, wie sie zuletzt fast schon Usus geworden sind, passen nicht mehr zu einer Teuerungsrate, die sich dem Zwei-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank annähert. Zudem sind Tarifabschlüsse von der Idee her eher auf die Zukunft ausgerichtet. Selbst wenn viele Beschäftigte noch einen großen Nachholbedarf verspüren, wird die Argumentation mit früheren Reallohnverlusten immer schwerer fallen.
Diesen Wandel dürften vor allem die Schwergewichte zu spüren bekommen: Bei der IG Metall und der Chemiegewerkschaft tun manche noch so, als bleibe die Inflationsrate unverändert hoch, obwohl die Preise teils schon zurückgehen. Die Stärkung des Konsums muss weiterhin ein Ziel der Lohnpolitik sein, um der Konjunktur wieder Leben einzuhauchen. Mit einer stark rückwärtsgewandten Orientierung dürften die großen Gewerkschaften in ihren Tarifrunden im Sommer und Herbst aber nicht durchkommen, zumal auch die Krisensignale in der Industrie immer deutlicher werden. Der Druck auf die Unternehmen wächst. Das Fenster der Gelegenheit schließt sich somit.
Die IG Metall wird sich mit ihrer Forderung schwer tun
Gut möglich, dass die beiden Schwergewichte den Höhepunkt der Inflation als zentrale Begründung für eine besonders hohe Lohnforderung verpasst haben – während Verdi den Rückenwind nicht nur bei den Tarifrunden im öffentlichen Dienst, sondern auch an anderen Schauplätzen gut genutzt hat. Darin mag man letztlich ausgleichende Gerechtigkeit sehen, nachdem die Einkommen der Industrie den Dienstleistungsbranchen über viele Jahre enteilt sind.
Für Ökonomen scheinen die Vorzeichen klar: Ausreißer von hohen Lohnabschlüssen dürfte es in diesem Jahr noch geben, ansonsten sollte sich die Tariflandschaft deutlich beruhigen. Doch ist die Lage wirklich so eindeutig? Eher nicht. Verdi und einige Spartengewerkschaften haben auch dank der Preissteigerungen ihre Kampfkraft gestärkt und zur Emotionalisierung der Bevölkerung beigetragen. Nun zur Rationalität zurückzufinden, das dürfte vielen an der Mitgliederbasis schwerfallen. Schließlich bleibt es teuer, den Lebensunterhalt zu finanzieren. Auch etliche Gewerkschaftsführer haben wenig Interesse an einer Rückkehr zu alten Strategien. So wird sich Inflation normalisieren, das gesellschaftliche Klima eher nicht.