„Die Laborantin“ im Alten Schauspielhaus Stuttgart Wie hoch ist dein Lebenswert?
Premiere im Alten Schauspielhaus: Ella Roads „Die Laborantin“ bringt eine brisante Debatte auf die Bühne.
Premiere im Alten Schauspielhaus: Ella Roads „Die Laborantin“ bringt eine brisante Debatte auf die Bühne.
Ein Stolpern, ein Sturz: Schon ist man mittendrin im Geschehen. Im temporeichen Kennenlerngespräch zwischen der gestrauchelten Laborantin Bea und dem beherzten Aaron, die gemeinsam die verstreuten Blutproben-Ampullen aufpicken, fällt bald die entscheidende Frage: „Wie ist denn Ihr Wert so?“ Bea stutzt ob dieser Direktheit, doch mit einem Rating-Wert von 7,1 braucht sie sich nicht zu verstecken. Ihre Antwort verrät der agilen Zufallsbekanntschaft eine Menge: Dass Bea Karrierechancen hat, eine brauchbare Partie ist und zu den Gewinnern des Systems gehört. So scheint es auch bei Aaron zu sein. Sein Wert von 8,9 beeindruckt Bea fast so sehr wie seine verwandtschaftliche Verbindung zu ihrem Lieblingslyriker.
Mit „Die Laborantin“, 2018 unter dem Originaltitel „The Phlebotomist“ (deutsch: Die Aderlasserin) am Londoner Hampstead-Theater uraufgeführt, bereichern die Schauspielbühnen Stuttgart das Programm fürs Alte Schauspielhaus mit einem hochaktuellen Bühnenstoff. Die Regie hat Martin Schulze übernommen.
Mit ihrem Erstlingswerk packt die britische Autorin Ella Road ein hochbrisantes Thema an: die Bewertung des Individuums nach der wissenschaftlichen Analyse seines Erbguts. Welche Folgen das für Mensch und Gesellschaft hat, führt Ella Road an vier Figuren beispielhaft vor.
Auch wenn es bei Bea und Aaron zunächst anders scheint, setzen alle vier der Allmacht des Ratings etwas entgegen. Bea (Josepha Grünberg) trickst, Aaron (Fabian Oehl) schwindelt, Char (Anna-Sophie Fritz) wird ob ihres niedrigen Wertes von 2,0 zur Rebellin, und Hausmeister David (Andreas Klaue) begegnet dem gesellschaftlichen Wahn trotz seines Topwerts von 9,1 mit maximaler Gleichgültigkeit.
Der scheinbar belanglose Wortwechsel zwischen Aaron und Bea durchdringt die bizarre Situation weitaus tiefer als die übrigen Dialoge, die schnell zu szenischen Debatten geraten. Auch die zwischen den Bühnenszenen eingeschobenen Videos (Christopher Buehler) haben Schärfe und Biss, ob sie nun in abstrahierender Verfremdung die Attacke auf einen Menschen im Rollstuhl zeigen oder die Selbstbeschreibung eines Mannes für eine Dating-Plattform.
Gelungen ist die Ausstattung von Ariane Scherpf, die über die Kleidung viel über die Entwicklung ihrer Figuren erzählt und ein drehbares Tiny House mal Labor, mal Apartment sein lässt. Ein Bonsai-Ziergewächs im clean-schicken Ambiente dient als Metapher für die beherrschte Natur. Der Gedanke an die Gen-Schere ist da nicht weit. Als Bea ihrem zuvor geliebten Aaron vorwirft: „Du bist ein Cocktail aus Dreck“, die Radionachrichten von der Ermordung von Menschen mit Höchstwerten zwecks Blutraub berichten und die Tötung von Säuglingen „postnatale Abtreibung“ genannt wird, zeigt sich die Dystopie in ihrer ganzen Düsternis, die so irreal nicht erscheint.
Die Laborantin Bis 3. Juni dienstags bis samstags um 20 Uhr. Zudem am 6., 20. und 28. Mai um 16 Uhr sowie am 22. Mai um 19 Uhr.