KommentarDie Lage nach Chemnitz Zusammen wären wir mehr

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Die Ereignisse in Chemnitz zeigen auch dies: Ost und West bleiben einander viel zu fremd. Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping fasst das im Titel ihres neuen Buches zusammen: „Integriert doch erst mal uns“. Darin steckt eine Provokation – aber eben auch ein wahrer Kern.

Ein Demoschild in Chemnitz am Abend des Solidaritätskonzertes Foto: AFP
Ein Demoschild in Chemnitz am Abend des Solidaritätskonzertes Foto: AFP

Stuttgart - Gerade ist ein Buch von Petra Köpping erschienen, das sich „eine Streitschrift für den Osten“ nennt. Köpping ist die Integrations- und Gleichstellungsministerin der sächsischen Staatsregierung, Mitglied der SPD und seit den Ereignissen in Chemnitz ein bisschen bekannter als früher. Sie war nicht nur vor Ort, als die Lage auf der Straße eskalierte, sondern ist schon seit längerer Zeit unterwegs, um die Diskussion mit Menschen zu suchen, die sich aus Enttäuschung abgewendet haben vom Dialog. Der Satz, den Köpping am meisten zu hören bekommt, hat dem Buch den Titel geben: „Integriert doch erst mal uns!“ Worte, die man übrigens auch im Ruhrgebiet von Abgehängten hören kann.

Dass die Arbeit von Petra Köpping im Westen niemals ein großes Thema gewesen ist, verwundert wenig. Der Osten ist gesamtdeutsch häufig nur präsent, wenn von kulturellem Glanz und Gloria berichtet werden kann, eventuell noch, wenn es um das turbokapitalistische Fußballmanagement von RB Leipzig geht, oder eben, wenn es Mord und Totschlag gibt, was aus rassistischen Motiven nach der Wiedervereinigung überproportional oft der Fall gewesen ist zwischen Ostsee und Erzgebirge. Danach jedes Mal: Empörung, im Anschluss aber auch relativ zügiger Übergang zur Tagesordnung.

Vorzugsweise Schweigen

Von Beginn der Wiedervereinigung an hat sich das neue Deutschland die Schwierigkeiten mit- und untereinander vorzugsweise verschwiegen oder allenfalls klein geredet. In die Freiheit des Marktes entlassen, hinter dem die freie Wildbahn liegt, wurde von Verantwortlichen im Osten gerne geleugnet, dass viele im „Meer der Überfremdung“, wie der Dramatiker Heiner Müller bereits frühzeitig geahnt hat (und er meinte 1992 vor allem die gänzlich geänderten Lebensumstände), ins „Deutschsein als letzter Illusion von Identität“ flüchteten. Auffangbecken ist am Ende für viele die AfD geworden, die, wie man seit den Demonstrationen auf Chemnitzer Straßen weiß, jetzt auch Rechtsradikale und Hooligans in ihre Reihen integriert.

Die Träume des alten Ostens

Umgekehrt hat der Westen, wo die AfD erfunden worden ist, zu einer Aufarbeitung der gesamtdeutschen Nachwendezeit auch nicht sonderlich viel beigetragen. Über den radikalen Elitenaustausch bei vielen Institutionen im Osten, denen häufig Kräfte aus der zweiten westdeutschen Reihe vorgezogen wurden, breitete man den Mantel des Schweigens wie insgesamt über die teils dreiste Kolonialisierung der seinerzeit neuen Länder. Zur Gesprächskultur im Osten, vormals wegen ständig zu gewärtigender Mithörer eh nie besonders offen, hat das kaum beigetragen. Insgesamt ist Deutschland von der DDR, einer Diktatur, in der es neben Schrecklichkeiten viel Lebenswertes, also Richtiges im Falschen, gab, zu wenig geblieben. Dass, wie derzeit im Kino zu sehen, Filme wie „Gundermann“ und „Die Familie Brasch“ noch einmal ausdrücklich von den Träumen im Osten sprechen (und wie sie im Denunziantentum vergingen), ist so zufällig nicht.

Unsere Zeit aber ist jetzt – und die Probleme sind drängend. Der Osten wird sie diskursiv angehen müssen, und der Westen kann nur eine Hilfe sein, wenn sich hier die Menschen mehr für ihre Landsleute interessieren (die materiell oft schlechter gestellt sind), ohne sich besserwesserisch einzumischen. Das hatten wir schon, und es war nicht gut. Danach sind wir uns zunehmend gleichgültig geworden, zwei Hälften in einem Land. Zusammen, also als integrierte Deutsche, wären wir mehr – und weitere Integration könnte unter anderem ein Thema sein, dem sich angstfreier und realistischer begegnen ließe.