Die Zeitzeugen sind sich einig: Es gab in der Vergangenheit – und wir reden hier von Ende der 1980er, Anfang der 90er – viele, ja fast unzählige legendäre Punk-Rock- und Metal-Konzerte in den Leonberger Jugendhäusern. Fakt ist außerdem, und auch da herrscht Konsens: Zwei Gigs stechen aus dieser Anarcho-Krach-Ursuppe heraus. Zum einen ist das der Auftritt der Kalifornier von Bad Religion in der Beat Baracke am 27. August 1989. Eine Punkband in Topform reißt bei saunaähnlichen Temperaturen die Hütte ab, das Publikum pogt sich fast schon auf die Bühne – festgehalten wurde das ganze Konzert auf Video, das über Youtube frei zugänglich und für Punk-Nostalgiker ganz wunderbar anzuschauen ist.
Bad Religion und Sick Of It All – zwei legendäre Bands, zwei legendäre Auftritte
Der zweite Auftritt ist ebenfalls konserviert und auf Youtube abrufbar. Die New Yorker Hardcore-Pioniere Sick Of It All gastieren am 10. März 1992 in der Höfinger Bassbox. Auch hier fliegen die Körper der Besucher übereinander, es wird gemosht, als gäbe es kein Morgen. Spätestens, als Sänger Lou Koller den Gig mit den Worten „Yo, what’s up everybody? How you’re doin‘?“ (sinngemäß „Yo, was ist los mit euch? Wie geht’s euch?“) eröffnet, gibt’s kein Halten mehr.
Beide Bands, Bad Religion und Sick Of It All, existieren nach wie vor, sie gelten mittlerweile als Legenden ihrer Zunft. Und die Locations? Nun, die Beat Baracke in ihrer damaligen Form ist längst Geschichte. Sie wurde im September 2013 abgerissen, der Neubau steht nun in direkter Nachbarschaft zum Leobad. Und die Bassbox? Deren Geschichte ist genau so bewegt – nur dass das Gebäude nach wie vor steht.
Früher herrschte ein kleiner Konkurrenzkampf zwischen den Jugendhäusern
„Es war früher immer so eine Art Battle zwischen Beat Baracke und Bassbox“, erinnert sich Martin Riethmüller, nachdem er zum Gespräch an der Theke der neuen Baracke Platz genommen hat. Riethmüller, Jahrgang 1966, ist Gesamtvorsitzender des Leonberger Jugendhausvereins. Und er kann einiges erzählen, von damals, von Konzerten, aber auch von pädagogischen Ansätzen und kommunalpolitischem Ärger. „In der Beat Baracke hatten wir das Punk-Zeug, und in der Bassbox gab’s diesen ganzen Hardcore- und Metal-Scheiß.“ Riethmüller, früher selbst Vorstand in der Beat Baracke, muss lachen. „Inzwischen liebe ich diesen Scheiß aber sehr.“
Vor allem um Weihnachten herum habe es in der Bassbox legendäre Partys gegeben. „Da standen teilweise 1000 Leute vor dem Haus. Das war ein Event, da musste man einfach dabei sein.“ Allein die Soundanlage Marke Eigenbau, bei der eine Autolampe als Lautstärkewarner diente, sei sehenswert gewesen.
Aber: Wie ging es in der Bassbox in den folgenden Jahren weiter? Zunächst die Geschichte. Ab 1980 existierte der Jugendtreff im Höfinger Tal als Teil des Jugendhausvereins Leonberg. Es war die dritte „Außenstelle“, die in den Teilorten ihren Platz fand. Damals hieß die Bassbox zwar noch nicht so. Als Veranstaltungslocation, auch mit einem gerne genutzten Proberaum, war der Höfinger Treff aber rasch nicht mehr wegzudenken. Bis zum Jahr 2005.
Mitte der Nullerjahre ändert sich in Sachen Bassbox alles
Dann nämlich kündigte die Stadt den Vertrag mit dem Jugendhausverein und schrieb die offene Leonberger Jugendarbeit europaweit neu aus. „Die Beteiligung der Jugend war halt unbequem“, so Riethmüller, „die Jugend war ab und zu auch laut.“ Vielleicht sei das den Entscheidungsträgern zu unheimlich geworden. „Wir haben uns nichts gefallen lassen.“ So lieferte man sich einen regelrechten Schlagabtausch mit der Stadtverwaltung. Von dort kam der Vorwurf, der Verein wolle „seine Pfründe“ sichern. Der Jugendhausverein hielt dagegen, eine Ausschreibung verschlinge sinnlos Steuergelder. Am Schluss stand fest: Die Bassbox wird künftig vom Verein für Jugendhilfe Böblingen betrieben. Damit änderte sich einiges.
Am Ende ging es wohl auch um Herangehensweisen. Gefordert war, mehr für Kinder und auch in Sachen Schulsozialarbeit zu tun und weniger für Jugendliche. „Wir hätten das gerne zusätzlich gemacht, mit entsprechenden Ressourcen, aber nicht stattdessen“, so Riethmüller. Generell sei es „total schade, es gab da auch einen äußerst regen Vorstand und 20 bis 25 voll engagierte Jugendliche“. Aber der Verein für Jugendhilfe habe eben ein ganz anderes Konzept.
Bleiben beim Jugendhausverein die Erinnerungen. Von denen hat Robin Bauer auch ein paar parat. Der 51-Jährige betreibt seit einer gefühlten Ewigkeit die Konzertagentur Trash-A-Go-Go – und er hat auch eines der allerersten Konzerte im Höfinger Jugendhaus organisiert. The Ewings spielten damals auf, eine Hardcoreband aus dem Allgäu. Bei all den Gigs, die er – auch als aktiver Musiker unter anderem mit seiner Band Motörpussy – in seiner Vita stehen hat, weiß Bauer gar nicht mehr genau, wo und wann er überhaupt überall persönlich anwesend war. „Ich weiß aber noch, dass ich im Vorfeld des Bad-Religion-Konzerts in der Beat Baracke den Leuten erklärt hab, was das denn überhaupt für eine Band ist“, erinnert er sich.
Ein Gig bleibt Robin Bauer wohl für immer im Gedächtnis
Zumindest der Gig der New Yorker Hardcoreband Shelter wird ihm immer im Gedächtnis bleiben. Oder zumindest das, was vor dem Auftritt geschah. Es war extra für die Combo gekocht worden. Allerdings hatte sich die Gruppe um Sänger und Texter Ray Cappo inzwischen der Hare-Krishna-Religion verschrieben und war der Meinung, Zwiebeln seien schlecht fürs Karma. „Weil auf den Tellern, die wir benutzt haben, schon mal welche drauf gewesen sein könnten, haben sie sich geweigert, das Gekochte zu essen“, sagt Bauer und lacht. Auch für das erste Konzert der Sindelfinger Punk-Legende Wizo im Höfinger Täle zeichnet Bauer verantwortlich. 1991 war das. 1992, im Folgejahr, spielten unter anderem The Accüsed, NOFX, Exhorder, Sheer Terror, Sadus, Dark Angel, Samiam, Murphy’s Law und eben Sick Of It All in der Bassbox – allesamt zählen heute zu den Altvorderen der Hardcore- und Metalszene.
Auftritt mit der Punkband Wizo als weiteres Politikum
Apropos Wizo: Mit Motörpussy spielte Bauer, einst selbst im Vorstand des Jugendhausvereins und von 1993 bis 1995 Vorsitzender, im Vorprogramm der Band als Überraschungsgast in Stuttgart. Mit beim Konzert auf der Bühne dabei: eine nur sehr spärlich bekleidete Frau. Darauf gründete im Anschluss eine Diskussion, ob er für ein solches Amt überhaupt geeignet sei. Die Stadt Leonberg forderte ein Auftrittsverbot für seine Band, Zeitungen berichteten landesweit über die Causa. Der negative Höhepunkt dürfte eine Anfrage der inzwischen nicht mehr existenten, rechten Republikaner-Partei im Landtag zu seiner Person gewesen sein – als Folge einer Strafanzeige. Turbulente Jahre, in denen er sich im Vorstand erfolgreich der Vertrauensfrage stellte, sechs Monate später sein Amt jedoch aus freien Stücken niederlegte.
Was bleibt? Mit der Geschichte der Bassbox schien auch stets ein bisschen Politik verquickt zu sein. Und zumindest in der Beat Baracke und auch im Treff Warmbronn steigen nach wie vor Konzerte. Man darf gespannt sein, welche Band in gut 30 Jahren zur Legende geworden sein wird.