Die Leiden eines Stalking-Opfers Der Feind, den sie liebte

Von Daniel Völpel 

Was tun, wenn der Ex-Mann die Trennung nicht akzeptiert, einen verfolgt und bedroht? Seit 2002 gibt es ein Gesetz gegen Stalking. Einer betroffenen Frau aus Ludwigsburg hilft es kaum.

Der typische Fall: sie will nichts mehr mit dem Ex-Partner zu tun haben, er dagegen hat nur noch sie im Kopf, lauert ihr auf   und  zwingt sie durch  sein Verhalten, auch unentwegt an ihn zu denken. Foto: Gottfried Stoppel
Der typische Fall: sie will nichts mehr mit dem Ex-Partner zu tun haben, er dagegen hat nur noch sie im Kopf, lauert ihr auf und zwingt sie durch sein Verhalten, auch unentwegt an ihn zu denken. Foto: Gottfried Stoppel

Ludwigsburg - Wenn sie das Haus verlässt, hat sie Angst. Sie schaut die Straße rauf und runter: Er ist nicht zu sehen. Sie geht los, nach einigen Metern blickt sie sich erneut in alle Richtungen um: Ist er wirklich nicht da? Das macht sie immer so. Oft genug hat ihr der Mann bereits aufgelauert, mit dem sie bis vor knapp zwei Jahren verheiratet war. Anfangs, um mit ihr zu sprechen. Dann drohte er ihr. Und obwohl sie Polizei und Gericht eingeschaltet hat, werden die Übergriffe seit einem Jahr immer massiver.

Zeitweise vergeht kaum ein Tag, an dem ihr ehemaliger Ehemann nicht auftaucht, ihr mit dem Auto hinterherfährt oder bei der Familie anruft. „Ich habe Albträume“, sagt die 24-jährige Anna*. Äußerlich wirkt die dunkelhaarige, schlanke Frau ruhig, aber: „Es macht mich innerlich kaputt. Ich habe praktisch kein eigenes Leben mehr.“ Er scheint seines dagegen völlig auf sie ausgerichtet zu haben. „Er taucht zu ­allen Tages- und Nachtzeiten auf. Er kann eigentlich gar keine Arbeit mehr haben“, sagt Anna. Aus dem Ehemann wurde ein Stalker. Einer von 1155 im Jahr 2014, wie das Innenministerium Baden-Württemberg mitteilt. 948 der Täter waren Männer.

Im Alter von 15 Jahren hat Anna den sieben Jahre älteren Adam* bei einer großen albanischen Feier kennengelernt. „Wäre ich doch nur nicht hingegangen“, sagt sie heute. Doch am Anfang war er ihre große Liebe. Im August 2012 heiratete das Paar. Die Trennung folgte ein Jahr später in der Nacht vom 10. auf den 11. September 2013: Adam hatte seine Frau im Streit heftig geschlagen. Sie ging zur Polizei und kam noch in derselben Nacht mit vier Beamten zurück in die Ludwigsburger Wohnung, um ihre Sachen zu holen. Seine Frau habe ihn zu den Schlägen provoziert, behauptete Adam damals.

Anna zog zu ihren Eltern. Eine Versöhnung kam für sie nicht in Frage. „Für mich war es abgeschlossen.“ Wie hatte es so weit kommen können? „Wir waren zwar zusammen, aber haben vorher nie wirklich zusammengelebt“, sagt sie rückblickend. „Erst dann lernt man einen Menschen richtig kennen.“ Der heute 31-jährige Adam wollte oder konnte sich mit der Trennung nicht abfinden. Anfangs bettelte er noch um eine neue Chance, schickte seine Freunde als Vermittler. Selbst seine Eltern riefen bei ihren Eltern an und baten um ein Gespräch. Dann wurde es kurzzeitig ruhiger.

„Du gehörst mir!“

An ihrem Geburtstag im Jahr 2014 rief er wieder an: „Du gehörst mir!“ „Ich habe versucht, es nicht ernst zu nehmen“, erzählt Anna. Doch von da an ließ er ihr keine Wahl mehr, stellte ihr immer intensiver nach. Um den Formalien Genüge zu tun, schrieb sie ihm, er solle sie in Ruhe lassen. Es half nichts.

Der Anwalt Wolf-Peter Schmid vertritt die Frau. „Ich habe versucht, dem Stalker eine goldene Brücke zu bauen“, sagt er. Im Mai lud er Adam in seine Kanzlei ein. Zwei Stunden lang redete Schmid ihm ins Gewissen, quasi als Gespräch unter Männern. Seine Mandantin sei eine attraktive junge Frau, da falle es sicher nicht leicht, die Trennung anzunehmen. „Meistens sind die Männer zivilisiert, und man kann ihnen sagen: Hör auf, das führt zu nichts. Du machst dich nur zum Deppen!“ In diesem Fall habe es aber nichts gebracht. „Dabei ist das ein hoffnungsvoller junger Mann, er sollte sich nicht in die alte Sache reinsteigern“, sagt Schmid. Aus seiner langjährigen Tätigkeit kennt er die Mentalität mancher verlassener Ehemänner mit Wurzeln auf dem Balkan: „Die haben zum Teil seltsame Ehrvorstellungen.“

So nahmen die Übergriffe weiter zu: Im Juli lauerte Adam seiner Ex-Frau abends im Parkhaus auf. Vor ihrem Sommerurlaub, den sie mit der Hochzeitsfeier ihres Bruders verbinden wollte, kündigte er an: „Ich habe Leute zur Hochzeit geschickt, es wird etwas passieren.“ Das war für Anna der Anlass, die Polizei einzuschalten und Anzeige zu erstatten.

Es half nichts. Selbst als sie einkaufen ging, stand er auf einmal mit seinem Auto auf dem Nebenparkplatz. Als sie Stunden später zurückkehrte, war er immer noch da. Regelmäßig taucht Adam vor dem Ludwigsburger Friseursalon auf, in dem sie arbeitet. Vor den Schaufenstern macht er beleidigende Gesten oder zieht sich den Daumen über die Kehle, um zu signalisieren, dass er ihr den Hals durchschneiden wird. Ihre Kollegen pöbelt er auch an. Einen Kunden verfolgte er bis nach Hause, weil er glaubte, er sei Annas neuer Freund. Zig Vorfälle dieser Art haben Anna, ihre Familie und ihre Kollegen dokumentiert.