Anke Engelke und die Illustratorin Mareike Ammersken machen aus dem Fuchs einen netten Kerl, der Karotten liebt. Foto: Thienemann-Esslinger/Mareike Ammersken
Alles neu in der „Häschenschule“? Anke Engelke hat zum 100. Geburtstag den Kinderbuchklassiker zeitgemäß interpretiert – und kommt zur Buchvorstellung nach Stuttgart.
Albert Sixtus‘ Erziehungsbuch „Die Häschenschule“ feiert 100. Geburtstag. Zum Jubiläum hat der Stuttgarter Verlag Thienemann-Esslinger bei Anke Engelke und der Illustratorin Mareike Ammersken einen frischen Blick auf den Klassiker bestellt. Im Hasenwald droht die Gefahr heute von einer neuen Seite.
Frau Engelke, Sie wollten einmal Lehrerin werden – jetzt haben Sie eine ganze Schule übernommen. Hat Sie die Arbeit an der Häschenschule nostalgisch gemacht, was den eigenen Lebensweg betrifft?
Nein, aber vielleicht kommt das noch, mal sehen. Für den Schreibprozess, für den ich Freiheiten, aber eben auch klare Vorgaben vom Verlag hatte, musste ich mich gar nicht mit mir und meiner eigenen Schulgeschichte auseinandersetzen. Im Gegenteil, ich habe eher an die potenziellen Leserinnen und Leser gedacht. Mir war wichtig, ihnen eine moderne Geschichte zu geben, die nicht an der Vorlage von Albert Sixtus klebt. Die ist in vielen Punkten unangenehm überholt. Auf alten Ausgaben sieht man zum Beispiel den Lehrer auf dem Cover noch mit einem Rohrstock in der Hand.
Neue Kinderbuchautorin: Anke Engelke Foto: dpa/Rolf Vennenbernd
Der Stock ist bei neuen Ausgaben wegretouchiert. Sie haben die alten strengen Hasenmänner komplett aussortiert. Sind weibliche Lehrkräfte netter?
Och, die Direktorin der neuen Häschenschule kommt mir schon ganz schön autoritär vor. Als Schülerin hatte ich zwar Bammel vor strengen Lehrerinnen und Lehrern, aber ein paar davon habe ich auch gemocht. Autoritäres Unterrichten finde ich nicht per se schlecht; da muss man auf die Person und ihre Art der Wissensvermittlung schauen. Ich wäre nie Shakespeare-Fan geworden, ich hätte nie mit dem Anglistik-Studium begonnen, wenn mein strenger Englischlehrer und seine Begeisterung mich nicht angesteckt hätten.
Die neue Häschenschule ist keine Brennpunktschule, wo Karotten fliegen. Hatten Sie mit 100 Jahren Abstand zum Original nicht Lust auf mehr Anarchie?
Fliegende Möhren wollte ich nicht, da finde ich außergewöhnliche Charaktere frischer. Auch die Illustratorin Mareike Ammersken bringt kindliche Anarchie ins Spiel, indem sie Häschen zeigt, die an Tischen fläzen oder essen. In der Geschichte findet sich Ungehorsam ganz subtil, wenn sich zum Beispiel beim Singen die pubertierenden Jungs beschweren: „Oh, wie peinlich!“ Wenn Sie erleben möchten, wie ich kräftiger an der Anarchie-Schraube drehe, dann sollten Sie meine Filme für die „Sendung mit dem Elefanten“ anschauen.
Der neue Mitschüler ist ein Fuchs, ein veganer, netter Kerl im „I love carrots“-Shirt. Sie haben Gut und Böse umsortiert, mit welcher Intention?
Gewünscht war ein spannender Konflikt im Buch. Ich wollte die Spannung aber nicht aus der Begegnung der Tiere holen, sondern aus einer von außen drohenden Gefahr. Wichtig war mir, dass mein Protagonist ein ungewöhnliches Tier ist, das stigmatisiert ist. Ich bin ja nicht die erste, die Hase und Fuchs Freundschaft schließen lässt. Aber mir hat die Pointe, dass die neuen Freunde aufeinander aufpassen, große Freude bereitet.
Cover (Detail) Foto: Thienemann-Esslinger/MA
Menschen und ihre Maschinen sind die neuen Feinde der Häschen. Eine schwierige Botschaft für Kinder?
Gute Frage, darüber haben wir lange diskutiert. Es ist ja generell ein Trend, dass keine grausamen Tode in Tierdokus gezeigt werden. Die jungen Leserinnen und Leser, die sich mit den Häschen identifizieren, sind nun mit Warnungen konfrontiert – Achtung, Riesenmähmaschine! Mir war daran gelegen, den Fokus zu verlagern und zu fragen: Was ist wirklich gefährlich? In der Wiese in einen Kuhhaufen zu latschen oder in den elektrischen Zaun zu fassen? Und ich fand es angebracht zu bedenken, dass Gefahr nicht nur aus der Tier-, sondern auch aus der Menschenwelt kommt.
An der Baumtafel der Häschenschule hängen Schilder, die vor Traktoren und Menschen mit Mistgabeln warnen. Wie geht’s Ihnen mit den aktuellen Bildern der Bauernproteste?
Das Thema, das jetzt in der Tagespolitik ist, begegnet uns nicht im Buch. Für Bauern-Bashing bin ich auch die Falsche, dafür ist meine Affinität zum Landleben zu groß. Was uns aber begegnet, ist die Auseinandersetzung damit, was Spiel-Räume sind und was nicht. Wie viele Kinder gehen heute noch draußen in der Natur spielen? Kinder, die heute einen Waldkindergarten besuchen, sind die absolute Ausnahme, die meisten Großstadtkinder haben sicherlich nicht diese Möglichkeit. Mein Buch soll im besten Fall auch eine Einladung sein: Geht doch mal in den Wald, schaut doch mal unter den Büschen nach, wo die Hasen in die Schule gehen.
Welche Bücher haben Sie in Ihrer Kindheit geprägt?
Ich bin ein Astrid-Lindgren-Mädchen; außerdem habe ich die Bücher von James Krüss geliebt. Und weil ich die ersten Jahre in Kanada aufgewachsen bin, kenne ich auch viele englisch- und einige französischsprachige Kinderbücher. Wenn ich vorgelesen bekam und später auch selbst gelesen habe, dann habe ich mich in diese anderen Welten hineingeträumt – da saß ich selbst in der Häschenschule, das Buch gab es auch bei uns zu Hause, oder auf Bullerbü, oder ich war mit Madita und Pims auf dem Ball – ich bin immer auch zur Protagonistin geworden. Aktuell mag ich die Bücher von Julia Donaldson, die den Grüffelo erfunden hat. Alle ihre Bücher legen Wert darauf, dass Kinder früh Spaß an der Sprache haben, an Lauten, und Reime kennenlernen.
Als Schauspielerin, haben Sie einmal gesagt, überlassen Sie das Sketscheschreiben wegen Problemen mit den Pointen lieber anderen. Wie lief’s mit dem Reimen?
Ganz flott, Sprache hat mich immer schon sehr interessiert, auch das Reimen. Aber Sketscheschreiben kann ich nicht. Und auch Anfragen für Regie und Inszenierungen lehne ich bislang ab. Ich weiß, was ich nicht kann. Das ist sehr viel, auch Witzeerzählen gehört dazu. Oft rufen Fotografen: Anke, mach mal einen Witz, sei mal lustig! Deshalb mag ich rote Teppiche nicht so gern. Ich mag es, schön angezogen darüberzugehen, aber eine Comedy-Show ziehe ich dort nicht ab.
Wie war der Dialog mit der Illustratorin?
Mareike Ammersken war sehr früh mit im Boot, das war schon mal wunderbar. Keine von uns hatte Lust auf eine Verniedlichung der Häschenschule. Jetzt freue ich mich über die Leichtigkeit des Buchs – trotz des Themas Schule. Das gelingt ihr mit vielen schönen Details und einer sehr frischen Farbigkeit. Auch die Gefahr der bedrohlichen Mähmaschine illustriert sie mit einem überraschenden Moment, ohne Kinder zu erschrecken.
Info
Künstlerin „Ich bin Journalistin, die irgendwann umgeschult hat auf Schauspielerin“, sagt die 1965 in Montreal geborene Anke Engelke. Nach der Ausbildung beim damaligen SWF und Radiomoderationen machten sie Sketchsendungen wie „Die Wochenshow“ oder „Ladykracher“ bekannt. Sie ist die deutsche Stimme von Pixars Dorie und von Marge in „Die Simpsons“ und gehört zum Team der Kinderfernsehreihe „Die Sendung mit dem Elefanten“. Im Kino und TV war sie zuletzt zu sehen in „Mutter“, „LOL – Last one laughing“ und „Das deutsche Haus“.
Buch „Die neue Häschenschule – Wie Fuchs und Hase Freunde wurden“ (40 Seiten, 14 Euro) von Anke Engelke und Mareike Ammersken (Illus.) erscheint am 27. Januar.
Termin Am 28. Januar, 12 Uhr stellt Anke Engelke bei einer Lesung im Club Witzemann „Die neue Häschenschule“ vor.