Die NS-Vergangenheit des früheren OB von Tübingen Es geht Hans Gmelin an die Ehre

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Der frühere Tübinger Oberbürgermeister Hans Gmelin war an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligt. Eine Forschungsarbeit beschreibt seine Schuld im Detail. Jetzt soll ihm die Ehrenbürgerwürde entzogen werden.

Eine Männerseilschaft: OB Hans Gmelin (rechts) setzte im Alleingang    Helmut Weihenmaier   als Ersten Bürgermeister durch. Das Foto zeigt dessen Verabschiedung aus dem Amt 1960. Die beiden Juristen  gehörten bereits in Tübingen derselben  Studentenverbindung an. Helmut Weihenmaier war an der Deportation von Juden aus Polen beteiligt. Foto: Alfred Göhner/Stadtarchiv Tübingen
Eine Männerseilschaft: OB Hans Gmelin (rechts) setzte im Alleingang Helmut Weihenmaier als Ersten Bürgermeister durch. Das Foto zeigt dessen Verabschiedung aus dem Amt 1960. Die beiden Juristen gehörten bereits in Tübingen derselben Studentenverbindung an. Helmut Weihenmaier war an der Deportation von Juden aus Polen beteiligt. Foto: Alfred Göhner/Stadtarchiv Tübingen

Tübingen - Dem früheren Tübinger Oberbürgermeister Hans Gmelin soll wegen seiner Verstrickungen in den Nationalsozialismus die Ehrenbürgerwürde aberkannt werden. „Die Tübinger wussten um Gmelins braune Vergangenheit“, sagt die Kulturamtsleiterin Dagmar Waizen­egger, trotzdem sei der ambitionierte Jurist 1954 zum Oberbürgermeister gewählt und 1975 mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet worden. „Man wollte endlich vergessen“, beschreibt Waizenegger die geistige Haltung jener Zeit. Sie begrüßt die verspätete Aufarbeitung von Hans Gmelins Rolle im Dritten Reich.

Eine vom Gemeinderat in Auftrag gegebene Forschungsarbeit, deren Ergebnisse am Montagabend im Tübinger Rathaus vorgestellt wurden, lässt keine Zweifel an Gmelins Mittäterschaft. „Hans Gmelin muss nach heutigen Maßstäben als NS-Belasteter gelten“, erläuterte der Historiker Niklas Krawinkel im voll besetzten Ratssaal. 1938 sei Gmelin während der Sudetenkrise als Kompanieführer im „Sudetendeutschen Freikorps“ eingesetzt worden. Dann habe der Tübinger Karriere gemacht. Er wurde Adjutant des Gesandten Hanns Ludin, den er aus seiner SA-Zeit in Stuttgart kannte. 1942 erfolgte die Ernennung zum Gesandtschaftsrat an der Deutschen Gesandtschaft Pressburg in der Slowakei, die zwar formell ein unabhängiger Staat war, faktisch jedoch vom Deutschen Reich abhängig.

Gmelin war beteiligt an der Deportation von Zehntausenden slowakischen Juden

Gmelins wichtigste Aufgabe sei die Leitung des „Volkstumsreferats“ gewesen, legt Krawinkel in seiner Dissertation nahe. In diesem Zusammenhang habe er die Verfolgung von Homosexuellen und Wehrdienstverweigerern in der deutschen Minderheit in der Slowakei vorangetrieben. Beteiligt war Gmelin auch an der Deportation von Zehntausenden slowakischen Juden, die nach Auschwitz und in das Ghetto Lubin gebracht wurden.

Detailliert beschreibt Krawinkel in seiner 500 Seiten umfassenden Arbeit den Werdegang des aufstrebenden Juristen, der sich die Ideologie des Nationalsozialismus ganz zu eigen gemacht hatte – und das nicht nur während des Zweiten Weltkriegs. „Nach 1945 und insbesondere in seiner Amtszeit als Tübinger Oberbürgermeister unterstützte Gmelin andere NS-Belastete, darunter verurteilte Kriegsverbrecher, bei ihrer gesellschaftlichen Reintegration“, schreibt Krawinkel.

Die Entnazifizierung war eine Art Drehtür für die Täter

Deutliche Worte bezüglich der historischen Schuld Gmelins fand auch Eckart Conze, Professor für Neuere Geschichte in Marburg und Krawinkels Doktorvater. „Dass Deportation Ermordung hieß, wusste Gmelin bereits ab 1942“, betonte der Historiker. Er beschreibt Hans Gmelin als einen hochintelligenten Menschen, der willig die Karrierechancen ergriff und daran nach Ende des Krieges festhielt. „Die Entnazifizierung war eine Art Drehtür, sie war eine Möglichkeit der biografischen Sinnstiftung, mit der man in der Zukunft zu bestehen hoffte“, folgerte Conze. Vom Drehtüreffekt profitierte auch Gmelin. Er wurde trotz seines hohen SA-Dienstgrades als „minderbelastet“ eingestuft und 1949 im Wirtschaftsministerium eingestellt. Später erfolgte eine Herabstufung als „Mitläufer“. Schließlich setzte er sich im Oktober 1954 bei der Wahl zum Oberbürgermeister in Tübingen gegen mehrere Mitbewerber durch. „Es gab drei Kandidaten, die sauberer waren als Gmelin“, betont Conze, doch damals habe sich niemand für seine Tätigkeit in der Slowakei interessiert. „Was zählte, war das Argument: Es muss ein Schlussstrich gezogen werden.“ So habe an der Spitze der Stadt ein ehemaliger Nationalsozialist gestanden, der sich zum Demokraten entwickelte.

Ein Ende der langen Debatte über Gmelins Schuld wünscht sich die Linksfraktion im Gemeinderat. Sie hat schon vor Jahren den Antrag zur Aberkennung der Ehrenbürgerwürde gestellt und dringt darauf, dass Fakten geschaffen werden. „Gmelin ist ein Täter, er hat bei der Vernichtung der Juden mitgemacht“, sagt die Fraktionschefin Gerlinde Strasdeit. Lange Zeit sei er geschützt worden, habe man seine Verdienste um die Demokratie in den Vordergrund gestellt, auch die SPD habe sich zögerlich gezeigt. „Es ging immer um die Familie.“ Man habe Rücksicht genommen auf das prominente Parteimitglied Herta Däubler-Gmelin – die Tochter des früheren Oberbürgermeisters, einstige Justizministerin und langjährige Tübinger SPD-Abgeordnete. „Jetzt liegt alles auf dem Tisch, wir dürfen uns nicht länger wegducken“, sagt Strasdeit. Eine Zusammenarbeit mit den Historikern hatte die Familie Gmelin abgelehnt. Sie wolle sich erst nach Fertigstellung der Arbeit interviewen lassen, erklärte Conze. Eine Anfrage unserer Zeitung bei Herta Däubler-Gmelin blieb unbeantwortet.

Die Entscheidung über die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde fällt der Gemeinderat

Es ist wohl nur noch eine Formsache, bis Gmelin die Ehrenbürgerwürde aberkannt wird. Die Verwaltung empfiehlt genau dies, selbst die SPD zeigt sich mittlerweile entschieden. „Die Lektüre des Forschungsberichtes lässt keine Zweifel mehr offen, dass es sich bei Hans Gmelin um einen Mittäter im Nationalsozialismus handelt“, stellt der Fraktionschef Martin Sökler fest. Er spricht von einem notwendigen symbolischen Akt. In der Tat erlischt das Ehrenbürgerrecht mit dem Todk, und der entsprechende Name könnte somit unauffällig von der Ehrenbürgerliste verschwinden. Doch so einfach will sich das Tübingen nicht machen. Am 5. März stimmt der Gemeinderat über den Antrag der Linken ab.

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