Die oberschwäbischen Katakombenheiligen Glorreiche Knochen

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Sie lagen in vergessenen unterirdischen Gräbern Roms. Nach ihrer Entdeckung gelangten die Gebeine, die man für Überreste frühchristlicher Märtyrer hielt, zu Hunderten als geistliche Schutzschilde gegen die Reformation nach Süddeutschland, wo liebevolle Nonnenhände sie verzierten, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte. Die Geschichte der Katakombenheiligen.

Mit  venezianischen Glassteinen geschmückt  und in ein prunkreiches Fantasiegewand gehüllt: Die Reliquie  des heiligen Coronatus ist seit  300 Jahren im  oberschwäbischen Kloster  Heiligkreuztal zu Hause. Foto: Paul Koudounaris
Mit venezianischen Glassteinen geschmückt und in ein prunkreiches Fantasiegewand gehüllt: Die Reliquie des heiligen Coronatus ist seit 300 Jahren im oberschwäbischen Kloster Heiligkreuztal zu Hause. Foto: Paul Koudounaris

Heiligkreuztal - Auf Kissen gebettet stützt Coronatus seinen Kopf in die rechte Hand, als denke er so ein bisschen ins Leere. Sein in Gazeschleier gehüllter Totenschädel hat seltsam volle Gesichtszüge: Lider, Nase, Wangen wurden mit Wachs nachmodelliert. Und seine Glasaugen scheinen des Sehens müde nach all der Zeit.

Der Heilige trägt eine perlenbestickte Kopfbedeckung aus rotem Samt. Die Haare aus Goldfäden sind zu Locken gedreht. Den Knochenleib schmückt eine soldatische Uniform mit Wams und Rock aus Brokat, üppig bestickt und juwelenbesetzt. Die frei liegenden Rippen werden am Brustbein durch eine prächtige Stoffbrücke gehalten. Die Samtschuhe haben flache Absätzchen.

Erich Fensterle, 64, trägt eine Steppweste über einem karierten Kurzarmhemd, helle Jeans und beige Freizeitschuhe. Vor den Führungen sagt er Eltern immer, dass sie selbst entscheiden müssen, ob ihre Kinder die alten Skelette sehen sollen.

Coronatus und die drei anderen Katakombenheiligen im oberschwäbischen Kloster Heiligkreuztal gehören zu einer fast vergessenen Ära in der katholischen Geschichte. Sie lagen eine Ewigkeit in unterirdischen Gräbern Roms. Wie Hunderte andere Gebeine, die man für Überreste von frühchristlichen Märtyrern hielt, ­gelangten sie nach ihrer Entdeckung im 17. und 18. Jahrhundert über die Alpen nach Süddeutschland. In ihren Adoptivgemeinden galten die Heiligen lange als Wundertäter und Beschützer. Später schämte man sich ihrer aber, ließ sie irgendwo ­vergammeln oder warf sie einfach weg.

Das Fenster zu einer mysteriösen Vergangenheit

Die himmlischen Leiber von Heiligkreuztal haben die schweren Zeiten überstanden. „Sie wurden auch immer dunkel und kühl gelagert“, sagt Erich Fensterle. Er betreut das kleine Klostermuseum. In seinem Reich gibt es Holzmadonnen, uralte Chorfenster, vor allem aber „Knöchele, Kreuzsplitter und andere heilige Partikel“. Fensterle liest die Inschriften laut und etwas holprig, „ich kann ja leider kein Latein“.

Seine Katakombenheiligen fesseln die Leute heute wieder. Weil sie das Fenster zu einer mysteriösen Vergangenheit öffnen. Zum Anfang. Vielleicht starben sie einst für ihren Glauben, das weiß keiner so genau. Dann wurden sie ausgegraben und als Tröster für verletzte katholische Seelen hergerichtet, wie es die Welt noch nicht sah.

Im 16. Jahrhundert hatte sich die Reformation ausgebreitet und die Christenheit gespalten. Die Ketzer griffen nicht nur die Dogmen, sondern auch die heiligen Reliquien an. Martin Luther sah in ihnen „völlig unnütze Dinge“, verhöhnte sie wegen ihrer fraglichen Herkunft als „Knochen von Hunden und Pferden“. Es blieb nicht beim Spott: Kirchen, Klöster wurden geplündert, Reliquien entweiht und vernichtet.

1545 fand sich die katholische Elite zu einer Art Strategiesitzung zusammen, die als Konzil von Trient schließlich 18 Jahre dauerte und die Kirche wieder stark machen sollte. Von den Reliquien ließ man nicht ab. Sie waren Anker für die Treuen und mächtige Wahrzeichen dafür, dass die christliche Welt ja einst auf Opfer gegründet wurde. Diese Schlacht gegen die Ketzerei musste man jetzt erneut führen. Doch wie an neue Skelette kommen? Darauf antwortet Gott am 31. Mai 1578.