Ein Karsee im ältesten Urwald Baden-Württembergs, das romantische Tonbachtal, die rauschende Schönmünz: Auf Tour im Revier der Nationalpark-Rangerin Heidrun Zeus.

Landespolitik: Andrea Koch-Widmann (akw)

Nein, nicht schon wieder!“, sagt Heidrun Zeus. Schon wieder haben Wanderer der Verlockung nicht widerstehen können und am Wilden See ein Lagerfeuer entfacht. Das ist streng verboten, Schilder weisen darauf hin. Der kleine, verwunschene Karsee gehört zu den Juwelen im Nationalpark Schwarzwald, er liegt mitten in Baden-Württembergs ältesten Urwaldgebiet, dem 104 Jahre alten Bannwald Wilder See, und mitten im Revier der Rangerin Heidrun Zeus.

Die wildromantische Kulisse zieht die Besucher magisch an. Der Wilde See ist einer der „Hotspots“, zumindest an den Wochenenden sind die Ranger dort immer präsent. Zwar ist der steile Steig durch die 120 Meter hohe Karwand hinab nur für „Trittsichere“ empfohlen, doch das hindert Abenteurer und Einsamkeit suchende Ausflügler, die dort unten zelten wollen – was natürlich auch verboten ist – nicht daran, sogar Sägen und Beile mitzuschleppen. Dass das vermeintlich wertlose Totholz, das sie aus dem Wald ziehen, um ein Lagerfeuer zu entfachen, ein wertvoller Lebensraum für Pilze, Insekten oder den Sperlingskauz sei, sei den meisten gar nicht bewusst, sagt Heidrun Zeus. Oft muss sie auch Schwimmer, die sich ins kalte Nass wagen, an Land zurückbeordern. Einmal schipperte ein Freizeitkapitän mit Schlauchboot und Ghettoblaster über den Wilden See. Zeus musste ihm den Spaß verderben. Im Sommer rief sie die Polizei zu Hilfe und erstattete Anzeige gegen gewerbliche Heidelbeersammler aus dem Elsass. Diese hatten auf den Langmut der Ranger gesetzt und waren trotz einer Verwarnung gleich am nächsten Tag wieder in dem Waldstück unterwegs – inklusive einer Sackkarre, auf der eine große Tonne für den Abtransport stand. Irgendwann riss auch bei Heidrun Zeus einmal der Geduldsfaden.

Informieren, um Verständnis werben, an die Vernunft appellieren: die Rangerin will kein Sheriff sein. Kinder sollen keine Angst bekommen, wenn sie mit ihrer roten Jacke auftaucht. Erwachsene auch nicht. Sie will die Leute begeistern für die Natur und die Besonderheiten im Nationalpark, die von Besuchern mehr Rücksichtnahme und Zurückhaltung erfordern als ein Spaziergang durch einen Wirtschaftswald. Im Nationalpark soll sich die Natur frei und möglichst ungestört von menschlichen Einflüssen entwickeln. Bis in 28 Jahren, so der Plan, sollen drei Viertel des 10 000 Hektar großen Schutzgebiets sogenannte Kernzone sein: Der Mensch soll hier nur beobachten, wie Zerfall und neues Leben den Wald verändern.

Vom Rundfunk in den Nationalpark

„Mit Herzblut und Leidenschaft“ übe sie ihren Beruf aus, sagt die 45-jährige Badenerin. Ihren Job als Dokumentarin beim Südwestrundfunk (SWR) hat sie im Herbst vergangenen Jahres an den Nagel gehängt. Heidrun Zeus ergriff die Chance, noch einmal etwas ganz Neues zu wagen. Wobei, so neu ist das alles nicht für sie: Sie stammt aus einer Jägerfamilie, seit zehn Jahren hat sie selbst den Jagdschein. Schon von Kindesbeinen an war sie im Nordschwarzwald unterwegs. Nach einer Ausbildung beim Nabu arbeitete sie in ihrer Freizeit als ehrenamtliche Schwarzwaldführerin beim Naturschutzzentrum Ruhestein, als ehemalige Springreiterin bot sie auch Touren mit ihren Maultieren an.

Der ungewöhnlich warme, sonnige und trockene November hat die Wandersaison im Nationalpark Schwarzwald deutlich verlängert und damit auch dem Rangerteam – fünf Männern, drei Frauen – erheblich mehr Arbeit beschert. Mehr Führungen, mehr Betriebs- und Vereinsausflüge, mehr Tagesgäste. Heidrun Zeus betreut mit ihrem Rangerkollegen  Patrick Stader das Gebiet Mitte: Wilder See, Tonbachtal, Huzenbacher See, Schönmünztal. Sie haben es geschafft, rechtzeitig vor dem jetzt erfolgten Wintereinbruch den Schneeschuhtrail vom Nationalparkzentrum am Ruhestein hinauf zur Darmstädter Hütte mit den pinkfarbenen Holztäfelchen zu beschildern. Im vergangenen Jahr mussten sie sich mit dem schweren Handwerkskoffer mühsam den Weg durch frisch gefallenen Tiefschnee bahnen. Auch das 150 Kilometer lange Loipennetz ist inzwischen ausgeschildert, dafür sind allerdings die Mitarbeiter des Nationalpark-Fachbereichs Wald und Naturschutz verantwortlich, die dann auch mit zwei Pistenbullys die Loipen spuren werden.

Die Pfosten der Gaiskopfloipe Seibelseckle stehen stabil im Boden, das stürmische Wetter der vergangenen Tage hat sie nicht ins Wanken gebracht. Davon überzeugt sich die Rangerin auf einer ihrer sehr seltenen Kontrollfahrten mit dem eigenen Geländewagen. Normalerweise streift sie zu Fuß durch das Revier. Immer dabei: Paula, ihre achtjährige Labradorhündin und ausgebildete Jagdbegleiterin. Ein Nationalparkschild liegt am Boden, das wird anhand genauer GPS-Daten ebenso registriert wie eine reparaturbedürftige Holzliege am Aussichtspunkt oberhalb des dunklen Huzenbacher Sees, in den umgeknickte, welke Seerosenstängel geografische Muster zaubern.

Bannwälder und Nato-Pipelines

Der Großgruppenzelt mit Platz für bis zu 100 Jugendliche an der Hahnbrunnenwiesen mit Feuerstelle, Sanitärgebäude und offenem Holzschutz-Zelt ist ebenfalls ein „Hotspot“ im Revier. Der einladende Platz zieht Besucher an, doch ohne Anmeldung und Gebühr geht hier nichts. Der Zeltplatz liegt zwar nicht mehr im Gebiet des Nationalparks, wird aber von den Rangern mitbetreut. Die ersten Buchungen für das nächste Jahr sind schon eingegangen. Heidrun Zeus träumt von einem Ausbau mit naturnahen Übernachtungsplätzen – auf einem Glasbodensteg über der rauschenden Schönmünz beispielsweise, Baumhäuser wären auch toll.

Die Tour führt weiter auf erstaunlich breiten Waldwegen quer durch die noch kleine Kernzone des Nationalparks, dessen Keimzellen die bisherigen Bannwälder und Naturschutzgebiete sind. Obwohl jeglicher menschliche Eingriff ausgeschlossen ist, gibt es hier einen gemähten Randstreifen. Darunter liegt die Nato-Pipeline, die Kerosin von Kehl nach Tübingen befördert.

Irgendwo in Richtung Huzenbacher See kommt es zu einer   sehr seltenen Begegnung: Eine Auerhenne wird aufgeschreckt, überholt auf Fensterhöhe das Fahrzeug und landet weiter vorne auf dem Weg. Die farbenprächtigeren Auerhähne sind, vor allem während der Balzzeit im Frühjahr, häufiger zu entdecken. Dann nämlich haben sie nur noch ihr Liebeswerben im Kopf und werden unvorsichtig. Den Kindern zeigt Heidrun Zeus bei ihren Naturführungen immer einen Auerhahn: der ist aus Plüsch gemacht und kann per Knopfdruck die typischen gellend-glucksenden Laute von sich geben.

Eine Auerhenne im Tiefflug

Die Rangerin registriert die Sichtung der Henne samt den dazugehörigen GPS-Daten. Sie werden an die Wissenschaftler weitergegeben, die eine Bestandsaufnahme von Flora und Fauna im Nationalpark machen. Die Kartierung des gesamten Wegenetzes zählte zu den Hauptaufgaben der Ranger in den vergangenen zwei Jahren. Sie ist die Grundlage für das Wegekonzept, das bald im Nationalparkrat verabschiedet werden soll. „Inzwischen kenne ich jeden noch so kleinen Pfad in meinem Gebiet“, sagt Zeus.

Die Rangerbüros sind provisorisch im alten Hinterseebacher Gasthof Adler untergebracht. Die geplanten Rangerstationen auf dem Plättig, auf der Hornisgrinde, im Schönmünz-, im Tonbach- und im Rotmurgtal sowie auf der Alexanderschanze und in Allerheiligen gibt es noch nicht. Alles ist im Aufbau. Im Frühjahr sollen drei weitere Ranger eingestellt werden. Dann ist das Team, zu dem auch 25 Ehrenamtliche gehören, offiziell komplett. Und erst dann dürfen die Ranger das Landeswappen mit den drei staufischen Löwen auf ihren roten Jacken tragen. Bis dahin sollte auch der Bußgeldkatalog für den Nationalpark erstellt sein.

Die Gruppe junger Leute, unterwegs mit Rucksack und Isomatte, kann an diesem sonnigen Tag unbehelligt weiterziehen. Ob sie es waren, die das Lagerfeuer am Wilden See entfachten und jetzt von einer Nacht unter freiem Himmel zurückkehren – die Ranger wissen es nicht. Und sie fragen nicht nach. Vielleicht sind die Jugendlichen ja auch auf dem Rückweg von der Darmstädter Hütte. Noch gibt es im Nationalpark Schwarzwald keine Sheriffs.

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