Die Sanierungspannen im Schauspielhaus Wer hat da geschlampt?

Von  

Es mehren sich die Stimmen, die Verantwortlichen für die Pannen bei der Sanierung des Schauspielhauses zur Rechenschaft zu ziehen.

Das Schauspielhaus am Eckensee Foto: Achim Zweygarth
Das Schauspielhaus am Eckensee Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Peter Conradi ist kein Mann der schrillen Worte. Er nimmt zwar unmissverständlich Stellung, zuletzt gegen Stuttgart 21, bewahrt in seinen Argumentationen aber Augenmaß. So kennt man den Politiker, der für die Stuttgarter SPD im Bundestag saß. Um so verwunderlicher ist es, dass ihm jetzt doch der Kragen platzt. „Dass bei der Theatersanierung alles schiefläuft, ist ein Skandal“, sagt er und fügt, anspielend auf das Fiasko mit der Hamburger Elbphilharmonie, mit Galgenhumor hinzu, dass es auch Stuttgart mit seiner „Neckarphilharmonie“ bald bundesweit in die Schlagzeilen schaffe. Das Pikante daran: der 79-jährige Conradi, von Haus aus Architekt, leitete Ende der sechziger Jahre jenes Amt, das nun in der Kritik steht – das im Finanzministerium angesiedelte staatliche Hochbauamt I.

Am Tag nach dem Krisengipfel am Montag, bei dem das ganze Desaster im Schauspielhaus offenkundig wurde, stellt sich also dringlicher denn je die Frage nach der Verantwortung. Wer hat Schuld an den eklatanten Planungs- und Baufehlern? Wer trägt die Mehrkosten, die aufgrund der längeren Sanierungsphase in Millionenhöhe entstehen? Und wer wird zur Rechenschaft gezogen, wenn das nur halbwegs funktionsfähige Theater im Herbst wieder geschlossen und in ein Zelt umziehen wird? Darauf verlangt das Theaterpublikum, aber auch der gemeine Steuerzahler überzeugende Antworten – und auch wenn die Zuständigkeiten en detail nicht immer klar auszumachen sind, steht außer Zweifel, wer en gros für die Sanierung zuständig ist: eben das staatliche Hochbauamt, dem als Bauträger die Bauplanung, die Baudurchführung und die Bauaufsicht obliegt. Dass das Hochbauamt in fast allen Punkten geschlampt hat, legen zumindest die Hilferufe nahe, die seit Monaten aus dem Theater dringen. Die Bauplanung – Stichwort: Bestuhlung und Sichtbehinderung – sei von Anfang an mangelhaft gewesen, hieß es immer wieder, ebenso die Baudurchführung vor Ort im Schauspielhaus. Kein einziger Übergabetermin, das ließ der Intendant Hasko Weber im Januar wissen, sei eingehalten worden, was in der Folge zu weiteren Verzögerungen geführt habe. Und dass auch die Bauaufsicht versagte, lässt sich sehr anschaulich an einem aktuellen Beispiel belegen. Die neue Drehscheibe auf der Bühne wurde ohne Anschlüsse für Video, Licht und Ton geliefert und eingebaut, obwohl diese unabdingbaren technischen Anforderungen vom Theater an das Hochbauamt weitergereicht wurden. Und wieder hat da wer nicht aufgepasst.

So gravierend sind die Missstände, dass auch im Hochbauamt die Alarmglocken schrillen

Über solche Pannen schüttelt man im Schauspielhaus nur den Kopf. „Ich wäre längst gefeuert“, sagt ein Bühnentechniker, „wenn ich mir solche Fehler leisten würde. Dann käme keine einzige Premiere raus.“ Ob diese drastische Einschätzung der Basis stimmt, sei dahingestellt. Kaum widersprechen aber kann man der ebenfalls im Haus kursierenden Ansicht, dass das Theater nach der Sanierung weitaus schlechter funktioniere als zuvor. Um nochmals auf die Drehbühne zurückzukommen: mittlerweile wurde sie zwar nachgebessert, kann jetzt aber nicht mehr maschinell, sondern nur noch manuell eingerichtet werden – und was ein paar Minuten hätte dauern sollen, dauert jetzt tatsächlich Stunden.

Derart gravierend sind die Missstände, dass auch im staatlichen Hochbauamt mittlerweile die Alarmglocken schrillen. Lange, so hatte man den Eindruck, duckte es sich vor den Problemen weg und versuchte, den Schwarzen Peter den Theaterleuten zuzuschieben. Nur auf Druck des Theater-Verwaltungsrats hätte man sich auf eine Sanierungsdauer von einem Jahr eingelassen; tatsächlich sei von Anfang an absehbar gewesen, dass man zweieinhalb Jahre brauche, hieß es in der unteren Bauabteilung. Und erst, als Mitglieder des Aufsichtsgremiums dieser Darstellung widersprachen, kam man auf der nächsthöheren Verwaltungsebene ins Grübeln. Inzwischen hat Ministerialdirektor Wolfgang Leidig, der seit Juli das Hochbauamt leitet, zu einer ungewöhnlichen Maßnahme gegriffen. Er hat den Landesrechnungshof eingeschaltet und um eine Fehleranalyse gebeten: „Ich will verstehen, wie es zu den Bauverzögerungen kam, auch deshalb, um Konsequenzen für künftige Projekte ziehen zu können“, sagt Leidig.

Die Sanierung der Oper gehört zu diesen künftigen Vorhaben. Nach den ernüchternden Erfahrungen mit dem Schauspielhaus ist sie zunächst um ein Jahr auf 2013 verschoben worden. Doch wie viel Geld dafür dann noch vorhanden ist, weiß niemand. Für die gesamte Staatstheatersanierung haben Stadt und Land 52 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Und was das Schauspielhaus verschlingt, fehlt der Oper. So einfach ist das. Und so bitter. Und es ist so, wie Peter Conradi behauptet: Es ist ein Skandal, dass das Schauspiel im Herbst in einem Zelt spielen muss.