Die Schauspielerin Friederike Kempter Von Freudental zum Film

„Friederike klopft an“ heißt das neue TV-Projekt von Friederike Kempter. Foto: SWR/Jan Kapitaen

In Freudental aufgewachsen, in Berlin groß rausgekommen: Die Schauspielerin Friederike Kempter ist bekannt aus dem „Tatort“ oder „Ladykracher“. Ein Treffen mit Erinnerungen an Partys auf Gartenstückchen, die Pflichtlektüre im Besigheimer Gymnasium und ihr Gefühl von Heimat.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Stuttgart - „Träubleskuchen“, Friederike Kempter sagt dieses Wort mit viel Verve in der Stimme, es kommt ganz tief von innen: „Wie von meiner Oma. Hach mit Baiser.“ Und: „Träubleskuchen, das ist für mich der Inbegriff von Heimat.“ So von Essen zu schwärmen geht nur, wenn man Nostalgie damit verknüpft.

 

Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen nennen Friederike Kempter kurz Frieda. Auch heute hier am Set in Esslingen mit dem Träubleskuchen und der Sexarbeiterin Daria. Den Spitznamen Frieda hat ihr die Schauspielerin Mariele Millowitsch gegeben, als sie gemeinsam für die Fantasy-Komödie „Zwei vom Blitz getroffen“ vor der Kamera standen. Friederike hatte lilafarbene Haare und tauschte mit ihrer Mutter Susanne durch einen Blitzeinschlag die Körper. Mehr als zwanzig Jahre ist das nun her, als Friederike aus Freudental ihren ersten größeren Fernsehjob hatte. In Berlin, ihrer Sehnsuchtsstadt. Nach den Dreharbeiten zog sie spontan in die Hauptstadt.

Friederike Kempter trifft die Sexarbeiterin Daria

Getrieben ist die 41-Jährige noch heute von einer immensen Neugierde. Eine Eigenschaft, die auch zwingend für ihr aktuelles Projekt ist. Es ist ein sonniger Morgen im Mai, drei Tage sind angesetzt mit dem Produktionsteam in Esslingen und Stuttgart. Friederike Kempter sitzt gegenüber von Daria in dem Esslinger Restaurant Dulkhäusle. Daria ist Sexworkerin und Sextherapeutin. Für das neue Format (zu sehen vom 8. Juni an in der ARD-Mediathek) trifft Kempter Frauen, die im Südwesten leben. Ganz unterschiedliche Frauen um die 40, die ihren eigenen Weg gehen. Die Sendung heißt „Friederike klopft an“. Für eine Schauspielerin wie Kempter ist dieses Konzept, das doch sehr ins Persönliche geht, ungewohnt. Sonst hält sie das Private so gut es geht aus der Öffentlichkeit heraus.

Vielen ist sie durch ihre Rolle im Münsteraner „Tatort“ bekannt

Bekannt wurde Friederike Kempter als Nadeshda Krusenstern im Münsteraner „Tatort“. Eigentlich eine Nebenrolle an der Seite von Kriminalhauptkommissar Thiel (Axel Prahl) und Pathologieprofessor Börne (Jan Josef Liefers). Zu klein für das große Talent. Das konnte sie in dem Film „Oh Boy“ zeigen, in dem sie die Nebenrolle der Ausdruckstänzerin Julika spielte und für den Deutschen Filmpreis nominiert wurde. An der Seite von Anke Engelke brillierte sie in „Ladykracher“ und zeigte, dass ihr auch das Komische sehr liegt. „Da habe ich noch richtig dazugelernt, natürlich vor allem von Anke.“

Raus aus der Rolle, rein in die Realität

Für das neue Projekt geht es raus aus der Rolle, rein in die Realität. Ausgedacht hat sie sich das Konzept gemeinsam mit dem Produzenten Ulrich Bentele, der aus Bietigheim-Bissingen stammt. Sein Vater war Friederikes Deutschlehrer. Bei Ulrich hatte sie vor mehr als zwanzig Jahren angerufen, weil bei ihm ein Zimmer in der Berliner Wohngemeinschaft frei war. Beim Telefonat nach der Zahl auf einer Ordentlichkeitsskala befragt, meinte Kempter damals keck 9. „Aber eigentlich bin ich doch eher eine 7“, sagt sie.

Die Sehnsucht nach Berlin hatte sie schon als Kind

In wenigen Wochen erwartet sie ihr zweites Kind. In den mehr als zwanzig Jahren in der Hauptstadt hat sie in sieben Wohnungen gelebt. Stets in Mitte und Prenzlauer Berg. Zu Beginn waren die Mieten günstig, mit Kohleofen überbrückten sie den langen Winter.

Die Sehnsucht nach Berlin hatte Friederike gefühlt schon immer, vor allem auch durch Bücher und Serien. Friederike schaute die Westberliner ZDF-Serie „Hals über Kopf“ oder „Moskito – Nichts sticht besser“ vom Sender Freies Berlin. Sie träumte als Kind in Freudental von der ganz großen Stadt. Pflichtlektüre in der Oberstufe am Gymnasium in Besigheim war „Berlin Alexanderplatz“, das sei noch heute ein „ganz, ganz wichtiges Buch“ für sie. Sie zählt weiter auf: Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“ und „Da geht ein Mensch“ von Alexander Granach.

Falafel und feministische Buchhandlungen

Ihre Mutter schenkte ihr zum 14. Geburtstag eine Städtereise nach Berlin. Sie wohnten in einer Schöneberger Pension mit Gemeinschaftsdusche auf dem Gang. Sie aßen Falafel, besuchten feministische Buchhandlungen und Museen. „Hach, war das toll“, erinnert sich Kempter.

Vor dem Abitur zog sie von Freudental nach Stuttgart. Mit Freunden in ein Haus in Feuerbach. „Dieses Gefühl von Freiheit und die Sehnsucht nach Unabhängigkeit hatte ich schon immer“, sagt Friederike Kempter. Ihr war das Prinzip Pippi Langstrumpf nahe: „Ich mache das, wie ich das möchte“. So sei sie schon immer gewesen. Auch als kleines Mädchen.

„Freudental ist ein super Dorf, um Kind und Jugendliche zu sein“

Die Kindheit und Jugend in der heute knapp 2500-Einwohner-Gemeinde Freudental im Kreis Ludwigsburg verklärt sie keineswegs: „Freudental ist ein super Dorf, um Kind und Jugendliche zu sein. Aber gereizt hat mich das Fremde“, erzählt Kempter. Ihre Kindheit war unbeschwert: zu Fuß zur Schule, Süßigkeiten beim Bäcker für ein paar Pfennige, nach Hause zum Mittagsessen, dann Hausaufgaben, anschließend auf die Wiesen, in den Wald und die Weinberge. „Wir waren viel unbeaufsichtigt. Das war eine gute Zeit, um Kind zu sein.“ Heute sei das anders, auch auf dem Dorf.

Der jüdische Friedhof etwas oberhalb von Freudental bedeutet ihr viel, hier war sie oft. Und die ganze Natur um die Gemeinde. Wenn sie aus Berlin mit dem Zug in Bietigheim-Bissingen ankommt, am Bahnhof abgeholt wird und dann das Königsträßle entlangfahre, da komme dann immer dieses Gefühl von Heimat auf.

„Das tolle S35 in Ludwigsburg“

Als Teenager war das Leben auf dem Land nicht immer nur schön. Da waren die vielen Stunden, die sie an Bushaltestellen verbrachte. Wartend. „Ich bin auch heimlich getrampt, obwohl ich dabei immer ziemlich Angst hatte.“

Schön waren die „Feste auf irgendwelchen Stückle“ in den Sommermonaten. Wie gut, wenn Freunde schon den Autoführerschein hatten. Dann ging es in die Clubs nach Stuttgart. Sie erinnert sich an die Röhre, ans Universum in Stuttgart-Vaihingen, an den Travellers’ Club oder das Waldhaus in Asperg. In Ludwigsburg betrieben Freunde das Flüssigkeiten und Schwingungen – und ganz wichtig „das tolle S 35“. Da habe das Leben auf dem Land auch große Vorteile. „An den richtig tollen Orten hat man immer Gleichgesinnte getroffen.“ Ihr erstes Konzert: Tocotronic in der Karlskaserne Ludwigsburg.

Parallel zur Arbeit besuchte Friederike Kempter die private Schauspielschule „Der Kreis“

Dann Berlin: Dort studierte sie ein paar Semester Geschichte. Historikerin wäre eine Option gewesen. Die Schauspielerei aber war ihre Leidenschaft. Mit den Gagen ihrer Filme war sie früh auch finanziell unabhängig. Parallel zur Arbeit besuchte Friederike Kempter die private Schauspielschule „Der Kreis“.

Von 2002 an war sie im Münsteraner „Tatort“ zu sehen. „Eine andere hatte abgesagt, der Anruf kam an einem Freitagabend, am Dienstag ging es schon los“, erinnert sich Friederike Kempter. Es war eine wichtige Rolle, die sie 17 Jahre lang verkörperte. Segen und Fluch zugleich: „Der Fokus lag ja immer nur auf dieser Figur“, sagt sie, obwohl ihre Empfindung eine ganz andere war und sie viel mehr Drehtage im Jahr für andere Projekte hatte.

„Jetzt kriegen der Regisseur und ich unser zweites Kind zusammen.“

Mit der Rolle in „Oh Boy“ ging es ihr anders, da habe sie gleich gewusst: „Die will ich unbedingt haben.“ Eine Wendung gab es damals auch im echten Leben: „Jetzt kriegen der Regisseur und ich unser zweites Kind zusammen.“

Die Schauspielerei ist ihre große Liebe, auch wenn dieser Beruf viel mit Ablehnung und Enttäuschung zu tun hat. Ihre Arbeit sei nicht immer nur der Glamour, den man wahrnimmt. „Es gibt nicht so viele herausragende Drehbücher, das ist manchmal ein bisschen mühsam“, sagt Kempter. „Und man bekommt nicht alle Rollen, die man gerne hätte.“ Viele Faktoren spielten da mit rein. Wenn ihre Haarfarbe nicht zu der des Hauptdarstellers passe zum Beispiel. Oder wenn der Regisseur ihr Gesicht nicht mag.

Bald ist sie in ihrer ersten Kinohauptrolle zu sehen

Vorfreude packt sie: Denn bald ist sie in ihrer ersten Kinohauptrolle zu sehen. In „Sweet Disaster“ mit Florian Lukas und Lena Urzendowsky. Sie spielt in dem Film die Maltherapeutin Frida, die von einem Mann schwanger wird, mit dem sie allerdings keine Zukunft hat.

Das Projekt „Friederike klopft an“ ist für sie Neuland. „Ich finde, es gibt ganz viele Geschichten von Frauen, die nicht erzählt werden, weil sie auf den ersten Blick nicht erzählenswert scheinen“, sagt Friederike Kempter. „Ich würde gerne normalen Frauen Raum geben Ich möchte sehen, wie Menschen ihr Leben leben. Wie bekommen die das hin? Woher kommt ihr Mut? Wie schaffen sie es, Entscheidungen zu treffen?“ Fragen, die sie auch in der Schauspielerei voranbringen.

„Eine Begegnung braucht Zeit, und sie braucht den direkten Kontakt.“

Sie hatte Lust, mal wieder etwas zu wagen. „Ich genieße die Unsicherheiten, die so ein Projekt mit sich bringt“, sagt Friederike Kempter. „Ich versuche, es zu schaffen, dass es zu einer Begegnung kommt, zu echten Gesprächen, einem Austausch. Gerade in Zeiten von Social Media, in denen nur noch übereinander gesprochen wird und jeder in seiner Blase bleibt. Eine Begegnung braucht Zeit, und sie braucht den direkten Kontakt.“

Man merkt: Friederike Kempter hat eine Wertschätzung und einen Respekt gegenüber ihren Gesprächspartnerinnen. Also tritt sie hinein in das Leben von Simona, einer Transgender-Weinprinzessin, in den Alltag der freien Hebamme Daniela im tiefsten Schwarzwald und in die Welt von Daria, der Sexworkerin aus Stuttgart. Einige Szenen mit Daria werden oberhalb von Esslingen gedreht. Daria mag es, hier spazieren zu gehen, sie kehrt gerne dort ein. Später im Studio lässt sich Friederike Kempter Handschellen von ihr anlegen. „Mit Daria habe ich meine eigenen Vorstellungen, ja auch Klischees auf den Kopf gestellt bekommen.“

„Das ist eine Sendung, die am Ende vielleicht zeigt, wie gut es ist, wenn man sich trifft.“

Kempter ist eine gute Fragestellerin. Eine, die Pausen zulässt. Und so den Gesprächspartnerinnen viel entlocken kann. „Das ist eine Sendung, die am Ende vielleicht zeigt, wie gut es ist, wenn man sich trifft. Das ist keineswegs belanglos. Es ist wichtig, dass wir miteinander in Kontakt bleiben“, sagt sie.

Friederike Kempter erzählt Daria beim Spazierengehen, als die Kameras aus sind, wie das für sie ist, sich nach den Dreharbeiten selbst im Fernsehen zu sehen. „Beim ersten Mal ist‘s noch furchtbar, dann lässt es irgendwann nach.“

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