Die Stuttgarter Hells Angels sagen, sie seien lediglich eine Gruppe freiheitsliebender Männer. Das Landeskriminalamt traut dem Frieden im hiesigen Rockermilieu hingegen nur bedingt.

Digital Unit : Sascha Maier (sma)

Stuttgart - Als vergangenes Jahr im Rotlicht des Stuttgarter Leonhardsviertels eine neue Kneipe eröffnete, musste Barkeeper Nanno Smeets erst mal schlucken. Dario, ein Mitglied der Rockergruppe Hells Angels, schrie über die Straße: „Willst du was Gutes?“ Smeets zuckte zusammen. Dann kam der kräftige Mann auf ihn zu, blieb vor ihm stehen und zog eine Tupperbox mit Kuchen hervor. „Ist lecker, hat meine Frau gebacken“, sagte Dario.

Was ist dran an dem Mythos Rocker? Sind sie die letzten Gesetzlosen, die in einer bürgerlichen Gesellschaft noch nach eigenen Regeln leben? Sind sie auf ihren Harleys der Freiheit näher als andere? Sind es kriminelle Banden? Oder Normalbürger in Lederkutten, die es gern gesellig haben und sich mit ihren Aktivitäten auch nicht groß von Kleintierzüchtern oder Kunstzirkeln unterscheiden?

Ein Besuch im Clubhaus der Hells Angels, das man gleich neben dem Stuttgarter Verschönerungsverein in der Webergasse findet: Wie jeden Freitag drängen sich hier Rocker und solche, die es werden wollen, daneben ein paar Frauen und andere aus dem Umfeld der harten Kerle durch das Treppenhaus des fünfstöckigen Gebäudes.

Wenn sich die Rocker, wie manche behaupten, mit kriminellen Machenschaften eine goldene Nase verdienen, ist das Geld jedenfalls nicht im Stuttgarter Clubhaus der Hells Angels gelandet. Vieles wirkt provisorisch zusammengeschustert, Tische und Stühle könnten genauso gut in irgendeinem Gasthof stehen. Es gibt Flaschenbier – oder Mineralwasser. Bilder von verstorbenen Mitgliedern zieren die Wände.

Was verbindet sie außer dem Motorradfahren?

Lutz Schelhorn, der Präsident, ist auch da. Irgendwas scheint ihm nicht zu passen an diesem Abend. Mit am Tisch sitzen Dario, 35, der Reutlinger Hells Angel Murat, 30, und ein hochgewachsener, dünner Kerl um die 40, der sich Jakk nennt. Ihre Nachnamen wollen sie nicht nennen – manche Höllenengel hat ihre bloße Clubmitgliedschaft den Job gekostet. Aus den Lautsprecherboxen dröhnt der Hip-Hop-Klassiker „Break Ya Neck“ („Brich dein Genick“) des US-Rappers Busta Rhymes. „Kann mal jemand diesen Mist ausmachen?“, ruft Schelhorn, Jahrgang 1959. Seine Generation steht auf Rockmusik. Und dieser Beat, auf den Busta Rhymes in atemraubender Geschwindigkeit Silbe um Silbe spuckt, geht ihm kräftig auf die Nerven.

Auch wenn sie durch ihre Kutten mit dem Death’s head, dem geflügelten Totenkopf, und dem martialischen Auftreten wie uniformiert wirken, befinden sich unter den Kutten doch ganz unterschiedliche Typen, nicht nur was den Musikgeschmack betrifft. Dario arbeitet in der Metallbranche und war früher mal ein Punkrocker. Jakk, der Vizepräsident, ist Familienpapa und verdient sein Geld in einem Tattoo-Studio. Murat, für alle hier nur „Mukki“, erzählt, dass ihn der Club von der Straße geholt und ihn davon abgehalten habe, kriminell zu werden: „Ich war komplett anti alles.“

Schwer vorstellbar, dass die drei im bürgerlichen Leben so einfach Freundschaft oder – wie sie es im Rocker-Jargon nennen – „Brüderschaft“ geschlossen hätten.

Auch politisch ist unter den Hells Angels kaum eine gemeinsame Basis vorhanden. „Manche wählen links, andere SPD, manche gar nicht“, sagt Dario. Jakk hat auf seiner privaten Facebook-Seite dazu aufgefordert, ihn bitte aus der Bekannten-Liste zu entfernen, sollte jemand Hetze gegen Muslime betreiben.

Was verbindet sie also außer dem Motorradfahren? Immerhin verbringt das Rockertrio sehr viel Zeit miteinander, man trifft sich mehrere Male in der Woche im Clubhaus, aber „auch einfach mal irgendwo auf einen Kaffee“, wie Dario sagt. Eine Gemeinsamkeit scheint zu sein: Alle hatten in der Jugend Schwierigkeiten mit Autoritäten und gerieten in der Schule mit ihren Lehrern aneinander. Das Rebellische ist geblieben: „Wir reizen den Rechtsstaat ziemlich weit aus“, sagt Jakk. Damit meine er natürlich nicht, dass die Hells Angels gemeinschaftlich Straftaten begehen würden, sagt er. Aber die Toleranz bei Bagatelldelikten sei unter den Rockern sehr hoch.

Keine blutigen Auseinandersetzungen in der Region

Auch in anderen Dingen herrscht Toleranz. Zwar ist die Rockerszene durch und durch eine Männerdomäne, in der Macho-Allüren fast schon zum guten Ton gehören. Die Stuttgarter Angels kennen aber beispielsweise auch keine Berührungsängste mit Behinderten. Franky ist ein Supporter – also ein Unterstützer der Rocker – und mehrfach körperlich und geistig behindert.

„Der Franky ist ein super Typ“, sagt Dario – nicht zuletzt wegen des Humors. „Was macht King Kong, wenn er auf einen Skinhead-Nazi trifft“, fragt Franky und löst den Witz auf: „Er benutzt ihn als Deoroller!“ Die Höllenengel, sagt der Supporter, würden ihn so nehmen, wie er ist. Auf seiner Harley nimmt Dario Franky immer wieder zu Ausfahrten mit. Franky darf sich auch mit den anderen im Clubhaus aufhalten. Ob er und die anderen Randgruppen vollwertige Mitglieder werden dürfen, ist freilich eine andere Frage.

Ohnehin ist es weniger gelebte Inklusion, durch die sich die Hells Angels in den Schlagzeilen wiederfinden. Immer wieder werden sie mit Drogen, Prostitution oder Waffenhandel in Verbindung gebracht. Zudem sorgen gewaltsame interne Auseinandersetzungen im Rockermilieu für Aufsehen, manchmal mit tödlichem Ausgang. So ist Anfang Oktober der Anführer der Gießener Hells Angels erschossen worden – Aygün Mucuk wurde von 19 Kugeln getroffen. Die Behörden vermuten, dass Mucuk Opfer einer Rockerfehde wurde, die seit Jahren im Raum Frankfurt tobt.

In der Region Stuttgart gab es bisher keine blutigen Auseinandersetzungen – was laut der Polizei schon allein damit zu erklären ist, dass es außer den Hells Angels hier keinen größeren konkurrierenden Motorradclub gibt. Zudem seien die schwäbischen Höllenengel seit Langem strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten. Sigurd Jäger, Rockerexperte beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg, traut dem Frieden aber nur bedingt. „Die Hells Angels sind weltweit aufgestellt“, sagt er. „Warum sollten sie das denn tun, wenn kein Machtinteresse dahintersteckt?“

Der Bundestag plant, das Vereinsrecht dahingehend zu ändern, dass zumindest das Tragen der Abzeichen von Rockerclubs einfacher verboten werden kann. Bis jetzt ist das nur für bestimmte Ortsgruppen möglich – wenn ein Frankfurter Charter verboten wird, dürfen die Stuttgarter Hells ihren geflügelten Totenkopf weiter tragen. Das hatte der Bundesgerichthof im vergangenen Jahr entschieden. Dies könnte sich durch die Verabschiedung eines Vereinsgesetzes zu Ungunsten der Rocker wieder ändern.

Ein Ex-Rocker packt aus

Auch auf Länderebene tut sich etwas. In internen, bis zu 80 Seiten langen Strategiepapieren der Innenministerien einiger Bundesländer ist von der „Zerschlagung der kriminellen Rockerkultur“ die Rede. Im neuesten, das noch nicht öffentlich ist und gerade vom Innenministerium Nordrhein-Westfalen ausgearbeitet wird, denkt man über einen pauschalen MPU-Zwang, landläufig als Idiotentest bekannt, für Kuttenträger nach.

Unabhängig von NRW, wo die Rocker besonders auffällig sind, beobachtet Jäger auch in Baden-Württemberg eine Entwicklung, die er für bedenklich hält. „Während die Zahl der vollwertigen Mitglieder der Hells Angels hier etwa gleich bleibt, steigt die Zahl ihrer Unterstützerorganisationen, wie die der Red Devils, massiv an.“ 800 Rocker in diesem Dunstkreis zählt Jäger im Land.

Bauen die Hells Angels also outgesourcte Nebenchapter für die Schmutzarbeit auf, während die echten Engel sich vornehm im Hintergrund halten? Jäger hält das für möglich. Ein ehemaliger Anwärter – in der Szene „Prospect“ genannt – einer anderen, in Baden-Württemberg ebenfalls sehr aktiven Rockergruppe, untermauert den Verdacht des Kriminalbeamten: „Ich wurde instrumentalisiert, wenn Straftaten begangen wurden“, sagt der 41-Jährige und spricht von zahlreichen Berührungspunkten und Überschneidungen zwischen Rockern und Kriminellen.

Der Mann ist ausgestiegen, fürchtet aber, seine alten Kumpels könnten sich an ihm rächen, wenn er öffentlich Interna auspackt. Daher will er anonym bleiben. „Um aufgenommen zu werden, mussten sich die Anwärter eimerweise mit Blut und Innereien überschütten lassen, die wochenlang auf einem Bauernhof in der Sonne standen und bestialisch gestunken haben“, erzählt er. Das mag abstoßend klingen – justiziabel ist es nicht, solange alle Beteiligten mit dem merkwürdigen Ritus einverstanden sind.

Anders sieht es bei Tätigkeiten aus, mit denen sich der Rockernachwuchs verdient macht. „Wir mussten Drogen für die Chefs über die Grenze schmuggeln, wenn es zum Beispiel auf Rockertreffs in Frankreich ging.“ Außerdem hätten einige seiner Kollegen Scheinehen mit Frauen aus Asien geschlossen. „Die wurden dann für 10 000 Euro an Zuhälter verkauft.“ Geschäfte dieser Art seien keine Doktrin von oben gewesen, sondern auf die Bekanntschaft mancher Clubmitglieder mit Bordellbetreibern zurückzuführen. Wie auch der Drogenhandel nicht wirklich im organisierten Stil stattgefunden habe – zumindest bei seiner Rockergruppe. „Die Hells Angels waren aber von einem ganz anderen Kaliber“, meint der Aussteiger.

Mineralwasser statt Drogen

Beim Stuttgarter Chapter will man hingegen von Drogenhandel überhaupt nichts wissen. Verstöße, die es auch hin und wieder gegeben habe, würden mit sofortigem Rausschmiss geahndet. So verlange es der Clubkodex, sagt der Chef Lutz Schelhorn. Und kompletter Unsinn sei, dass die Supporter-Charter kriminelle Aktionen für die Hells Angels durchführten: „Die helfen uns vielleicht bei einem Fest beim Grillen.“ Die Strategiepapiere, die an alle zuständigen Kriminalbehörden gehen, beurteilt Lutz Schelhorn als Hatz auf eine Subkultur – die vor allem das Ziel habe, mehr Behördenmittel abzuschöpfen: „Wir werden instrumentalisiert.“

Jakk, Dario und Murat nehmen an diesem Freitagabend keine Drogen, trinken nicht mal Alkohol. Würden die Rocker keine Kutten tragen und wären etwas jünger – man könnte meinen, man sitze in einem Jugendhaus. Die Rocker trinken ihr Mineralwasser aus. Halb zwölf. Zeit, um nach Hause zu gehen.