Heide-Linde Schiegl und ihre Reflexionen Frau im Spiegel
Heide-Linde Schiegl macht grafische Kunst. Und sie tritt mit unwiderstehlicher Beharrlichkeit dafür ein, dass sie auch wahrgenommen wird.
Heide-Linde Schiegl macht grafische Kunst. Und sie tritt mit unwiderstehlicher Beharrlichkeit dafür ein, dass sie auch wahrgenommen wird.
Hier lebt sie also. Eine dicht gedrängte Siedlung in Weilimdorf. Ein älteres Haus mit großbürgerlichem Elan. Cremefarbener Steinboden im Gesellschaftszimmer. Die Wände gespickt mit ihren gerahmten „Spiegelungen“.
In einem Regal stehen Porzellan-Sammelteller mit Märchenmotiven. Dafür hat Heide-Linde Schiegl damals viel Geld bezahlt. Heute sind sie aus der Mode. Die antiken Puppenstuben bestückte sie früher gern mit immer neuen Kleinigkeiten. „Wenn ich wieder ein schönes Teil für den Kaufladen gefunden hatte, lief ich glücklich heim. Da, das Zwiebel-Schälchen, ist das nicht schön?“ Was wohl mal daraus wird? Die Kinder und die Enkel zeigen leider kein Interesse.
Heide-Linde Schiegl sitzt am Esstisch und schaukelt mit dem Bein wie ein Teenager. Ein leichter Woll-Hoodie, Jeans-Schlaghose, Turnschuhe: Dass sie schon 85 ist, darüber will sie lieber gar nicht nachdenken, sagt sie. Das also ist die Frau, die seit gut einem Jahr alle drei, vier Wochen Briefe und Fotos ihrer Kunstwerke in die Redaktion schickt. Die einfach nicht zu bremsen ist.
. . . Ich schicke Ihnen einige meiner Spiegelungen. Wollen Sie aus meinen Werken eine schöne Seite machen? Das ist mein großer Traum . . .
. . . Sie schreiben, das Thema ist nicht geeignet. Aber bei so viel Negativem und Traurigem täte doch eine bildfüllende Seite mit bunten Bildern gut! Davon abgesehen wäre eine Kunstseite mal ganz neu in seiner Art. Ich bitte ganz lieb . . .
. . . Anbei mein absoluter Liebling in Form und Farbe mit dem Titel „Energie“ . . .
. . . Ich warte immer noch auf eine Veröffentlichung, zu der ich Ihnen schon so viel Bildmaterial geliefert habe. Ich weiß nicht, was ich sonst noch tun könnte. Ich wär Ihnen ewig dankbar . . .
. . . Ich weiß wirklich nicht, wie ich Sie dazu bringen kann, dass Sie sich melden. Vielleicht mit meinen neuesten Drucken? Ich glaube, niemand macht solche Spiegelungen. Oder? . . .
. . . Wie Sie sehen, fällt mir immer wieder etwas Neues ein. Diesmal sind es keine Spiegelungen, sondern Fotografien durch senkrecht geriffelte Gläser, die ich mit bunten Federn gefüllt habe . . .
. . . Zum wiederholten Mal habe ich Sie jetzt gebeten, sich zu melden. Aber keinerlei Resonanz. Ich bin total traurig über Ihr Schweigen . . .
. . . Sie haben geschrieben, ich sei so eine Marke. Ja ich bin so eine Marke. Eine, die immer wieder kämpft, auch diesmal. Für eine farbenfrohe Seite. Ich könnte mir vorstellen, dass meine positiven Werke viele Menschen ansprechen in einer Zeit, in der man so viel von Kriegen liest . . .
. . . Hallo, jetzt denken Sie vielleicht: Schon wieder Post von „der“. Ich muss Ihnen einfach meine allerneueste Spiegelung von dieser Nacht schicken. Ich habe sie „Farbenrausch“ getauft . . .
In all den Monaten hat sich Heide-Linde Schiegls halbes Œuvre auf dem Bürotisch angesammelt. Abstrakte, farbenreiche, effektvolle Werke. Wie lange soll das noch so gehen? Was tun? Sie wartet ja weiter. Und so kommt irgendwann die Stunde der Kapitulation. „Frau Schiegl, Sie haben mich jetzt so weit, ich würde Sie gerne besuchen.“ Zwischenzeitlich ist da ja auch längst ein Interesse erwacht: Wer ist diese Frau im Spiegel?
Als eine Art Ausweispapier hat sie eine Urkunde der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart bereitgelegt, wo sie Grafik-Design studierte. 1962 wurde sie dort mit dem ersten Preis für ein Künstlerplakat ausgezeichnet, es muss noch oben irgendwo zusammengerollt stehen. „Ich freue mich so, dass Sie mich besuchen. Man soll nicht aufgeben, wenn man wirklich hinter etwas steht – diesen Satz hab ich mal gelesen und mir gemerkt.“
Frau Schiegl, wollen wir uns einander etwas bekannt machen? – Sie erzählt von einer behüteten Kindheit in Darmstadt. Von ihrem Elternhaus, traumhaft gelegen am Böllenfalltor mit parkähnlichem Garten. Dem Vater gehörte das Kaufhaus am Marktplatz mit 400 Angestellten. Als Mädchen war es ihr eine Verlockung, das riesige Warensortiment zu durchstöbern. Das Kaufhaus gibt es heute noch, ist aber nicht mehr in Familienbesitz.
Nach dem Abi ging sie auf eine Sprachschule in Tours, Frankreich. Raus in die Welt. „Ich fand alles so spießig daheim.“ Das Abi in der Tasche, den Platz in der Akademie bereits sicher, die große Freiheit: „Ich hab nur gefeiert. Und dann die tollen Loire-Schlösser. Leben wie auf einer Wolke.“
In der Stuttgarter Akademie lernte sie ihren Mann kennen. Schon bald war abgemacht: Nach dem Abschluss würden sie gemeinsam eine Werbeagentur gründen. Sie starteten in Feuerbach, zogen dann mit dem Atelier nach Korntal, privat nach Weilimdorf ins Eigenheim, Baujahr 1948. Der Anbau für das Schwimmbad war das Projekt ihres Mannes. Seit sie allein ist, ist der Pool stillgelegt.
Einmal kam er euphorisch heim: „Wir machen Dinkelacker.“ Ein Prestige-Auftrag für das junge Büro. Theo Schiegl erfand das bekannte Logo. „Das war unser Sprungbrett.“ Er kümmerte sich um Großkunden, sie machte Reklame für Schlaftee oder entwarf weniger lukrative künstlerische Grafiken. Zeitweise hatten sie 18 Angestellte.
Als 1969 und 1975 die Kinder zur Welt kamen, schraubte sie die Arbeit im Atelier herunter, um für sie da zu sein. „Ich hab es gern gemacht. Die schönste Zeit meines Lebens. Die kannst du nicht mehr herholen.“ Sie erinnert sich, als der Älteste zum ersten Mal länger außerhäuslich war – als Animateur in Südfrankreich. „Wir hatten dann die Idee, unseren Sommerurlaub am gleichen Ort zu verbringen.“ Was für eine Überraschung!
Im Kellerstudio ihres Mannes ist noch alles unverändert: Die Dinkelacker-Plakate, Fotos mit seinem Enkel, mit seinem Geländewagen, mit seinem Pferd. „Ein ziemliches Durcheinander hier. Er ist halt immer verschusselter geworden. Ihn hat dann auch kaum noch was interessiert.“ Eine Weile pflegte sie ihn zu Hause, dann musste sie ihn in ein Heim geben. Dort starb er vor sechs Jahren.
„Er war gewiss nicht immer einfach, eine starke Persönlichkeit. Aber ich vermisse ihn so sehr“, sagt Heide-Linde Schiegl. Jeden Tag denkt sie an ihn. Manchmal, wenn sie die Treppe hochgeht und vor seinem Bild steht, sagt sie zu ihm: „Komm doch einfach wieder.“ Sie ist kein Mensch, der das Alleinsein genießen kann. Gegen die Stille im Haus läuft den ganzen Tag SWR 4.
„Alles ändert sich. Alles geht vorbei.“ Wenn sie dran denkt, was er so alles auf die Beine stellte. Einmal, es war ihr Geburtstag, hatte er den Nebenraum im Restaurant komplett mit glitzerndem Silberpapier ausgekleidet – „einfach irre“. An einem anderen Geburtstag sagte er: „Komm mal vor die Tür.“ Da stand ihr Geschenk, ein petrolfarbener VW, das Modell weiß sie nicht mehr, mit Schleife.
„Man kann das Rädchen nicht zurückdrehen.“ Jetzt fährt sie einen Mini. Nur Kurzstrecken, über die Brücke nach Korntal zu ihren drei Anlaufstellen: Supermarkt, Post, Drogerie. Die Drogerie braucht sie für ihre Kunst. Die fing so an: ein silbrig glänzender Blumentopf mit vielen Beulen und Dellen auf dem Terrassentisch. Zufällig ein buntes Papier davor. „Das sieht ja irre aus, wie der Topf das reflektiert.“ Da nahm ihre Kunst Fahrt auf.
„Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wie ich das mache.“ Die Silberfolie einer Schokoladenbox ist ihr Spiegel, den sie zerknüllen, verbiegen, einkerben kann. „Eine glatte Fläche wär ja langweilig.“ So aber kann sie nie vorhersehen, welche Bilder entstehen. Der Zufall spiegelt mit.
Mit ihrer kleinen Kamera macht sie Fotos von den Reflexionen, die lässt sie im Drogeriemarkt ausdrucken. Manchmal die Ernte einer Woche, manchmal die Ausbeute eines einzigen Abends. Dann schaut sie noch einmal genau hin und gibt ihren Werken mit einem Schneidemesser den finalen Cut. Die schönsten vergrößert sie in der Agentur, die jetzt ihre Söhne weiterführen, auf DIN A4. Die besonders schönen auf DIN A3.
Auch die Motive findet sie in der Drogerie. „Die wundern sich da bestimmt schon, was ich immer einkaufe.“ In ihrer Spiegelkiste liegen Gummibälle, Hundespielzeug, Windrädchen. „Krimskrams halt, es kommt ja allein auf die Farben an und kostet fast nichts. Für ihre „Wasserspielbilder“, ganz in Blau, hat sie Stanniolfetzen in eine Wasserschale getaucht und mit einer Taschenlampe angeleuchtet. Ihre Lieblingsstücke darf sie bald im Korntaler Bürgertreff ausstellen.
„Ohne meine Spiegelungen würde ich vielleicht trübsinnig“, sagt Heide-Linde Schiegl. „Die Kunst ist meine Medizin.“ Lange schien die Quelle versiegelt, dann sprudelte es wieder aus ihr heraus. „Ich merke, dass ich noch was kann, und ich bin auch stolz auf meine Sachen.“ Es ist nicht ihre Art, stundenlang zu lesen oder ewig Fernsehen zu gucken. Sie freut sich aufs Frühjahr: abends auf der Terrasse sitzen und spiegeln. „Wenn es gut läuft, arbeite ich oft bis in die Nacht hinein.“ Eigentlich vergeht kein Tag ohne spiegeln.
Verglichen damit, wie es früher im Haus zuging, ist es sehr ruhig geworden. Den Kindern geht es gut, sie haben jetzt selber Familie und Partner. Die Enkelin ist eine super Reiterin, gewann viele Preise. Der Enkel ist der beste deutsche Volleyballspieler seiner Altersklasse. Wenn sie an früher denkt, erinnert sich Heide-Linde Schiegl vor allem „an das Gebrauchtwerden“, wie sie sagt. „Das war so etwas Schönes. Wenn der Tag mit den Kindern gut war und ich sie am Abend ins Bett legte.“