Die Suche nach dem richtigen Geschlecht Erst Frau, dann Mann, jetzt wieder Frau

Heute ist Sabeth wieder Frau. Foto: StZ/Lorenz

Sabeth ist ein burschikoses Mädchen, das Rosa und Rüschen hasst und insgeheim Mädchen liebt. Doch niemand ermutigt sie, das auch zu leben. Sie beschließt schließlich zum Mann zu werden. Heute ist sie wieder Frau. Was hat sie dazu bewogen?

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Als Mann habe sie sich nie gefühlt. „Nö, eigentlich nie“, sagt Sabeth, ohne lange nachdenken zu müssen. Und dennoch setzte sie über Jahre alles dran, einer zu werden. Sie hat dafür einen langen und in weiten Etappen schmerzhaften Weg auf sich genommen. Heute ist sie wieder Frau und hat dem Ringen um ihre Identität ein weiteres Kapitel hinzugefügt.

 

An einem Sonnentag Ende April sitzt die junge Frau auf einer Steinmauer am Kölner Rheinufer, gleich hinter dem Dom. Ihre Haare sind kurz, ihr Gesicht eher zart. Sie trägt ein dunkelblaues Hoodie, darunter ein blau-rot kariertes Hemd. Alles sehr weit. Das entzieht ihren Körper prüfenden Blicken. Sie kommt direkt von der Hochschule. Am Vormittag war sie noch in der Fachschaft. Elektrotechnik. Den Bachelor hat sie offiziell noch als Transmann an einer anderen kleinen Fachhochschule im Norden gemacht. Jetzt ist sie im Masterstudiengang in Köln, einer neuen Stadt.

Sabeth wird vom Transmann wieder zur Frau

Der Ortswechsel macht es der 29-Jährigen leichter, neu anzufangen. Denn die erhoffte Erleichterung durch das Leben als Mann stellte sich trotz Hormoneinnahme und Operation nicht ein. Sabeth ist wieder detransitioniert, sprich: Sie ist vom Transmann wieder zur Frau geworden. Ist wieder Sabeth und nicht mehr Sabit.

Nach Angaben der Vereinigung von Menschen mit Variante der Geschlechtsentwicklung, also unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten, machen in Deutschland jährlich acht Menschen ihre Geschlechtsumwandlung rückgängig. 2155 Menschen haben laut statistischem Bundesamt im Jahr 2020 eine Operation zur Geschlechtsumwandlung durchlaufen. Im Jahr 2012 waren es 883.

Schon ab 14 Jahren selbst bestimmen?

Seit das von der Bundesregierung geplante Selbstbestimmungsgesetz bereits Jugendlichen ab 14 Jahren das Recht einräumen will, ihr Geschlecht im Personenstandsregister ohne Einwilligung der Eltern ändern zu lassen und damit auch den Prozess der Geschlechtsangleichung einzuleiten, wird heftig über dieses politische Vorhaben gestritten. Das Gesetz soll das bisher geltende und mit zum Teil entwürdigenden Befragungen verbundene Transsexuellengesetz ablösen.

Viele Eltern haben nun Angst, ihre Kinder würden eine viel zu einschneidende, gesundheitsgefährdende und in großen Teilen nicht mehr rückgängig zu machende Entscheidung treffen, die sie womöglich später bereuen. Denn Studien aus Großbritannien sagen, dass zehn bis zwölf Prozent der Jugendlichen im Zeitraum zwischen 16 Monaten und fünf Jahren zu ihrem ursprünglichen biologischen Geschlecht zurückkehren. Etwa ein Fünftel bricht den Prozess ab. Addiert man das, so hält jeder Dritte seine Entscheidung im Nachhinein für falsch und macht sie rückgängig. Nicht immer ist das vollständig möglich, wie Sabeths Geschichte zeigt. Ihr Nachname soll hier nicht erwähnt werden.

Brustamputation als einziger Weg

Ihre Stimme ist noch immer recht tief und wird das auch dauerhaft bleiben, obwohl sie das männliche Sexualhormon Testosteron schon vor vielen Jahren abgesetzt hat. Aus dem Sopran ihrer Teenagerzeit ist ein Bariton geworden. Wenn sie lange redet, wird sie schnell heiser. Damit kann sie leben, sagt sie. Sie rede eh nicht so viel. Was sie jedoch wirklich bereut, ist, dass sie sich beide Brüste hat abnehmen lassen. Aber da war sie schon in einer Situation, in der es für sie kein Zurück mehr gab. „Mir ging es psychisch so mies, dass ich dachte, ich muss jetzt irgendwas machen. Ich dachte, dass die Mastektomie das Richtige ist.“

23 Jahre war sie da alt. Gezahlt hat sie die Operation aus eigener Kasse. In einer Beratungsstelle, wo sie zuvor Gespräche mit Ärzten und Psychologen geführt hat, sagten sie ihr mehrmals, sie sei nicht trans. Aber einen Therapieplatz, um ihre Probleme zu lösen, konnten sie ihr eben nicht anbieten. Wer weiß, vielleicht hätte Sabeths Leben eine andere Richtung eingeschlagen, wenn sie damals Hilfe bekommen hätte. „Sie hätten mir halt eine Alternative nennen müssen“, sagt sie heute. Sie redet, damit andere nicht den gleichen Fehler machen und „um das Narrativ zu durchbrechen, dass trans die Lösung für alles Mögliche sein soll“.

Er war sie magersüchtig

Sabeths Geschichte ist die Geschichte eines Mädchens aus Bayern, dem offenbar niemand Mut gemacht hat, so zu sein, wie es ist. Probleme schweigt die Heranwachsende eher weg. Als es fast nur die Mädchen aus ihrer Klasse aufs Gymnasium schaffen, fühlt sie sich „nicht mehr aufgehoben“. Die Mitschülerinnen reden über Jungs, Klamotten und Schminke. Sabeth ist anders, interessiert sich fürs Klettern, Kajakfahren und für Naturwissenschaften. „Ich dachte, ich könnte beliebter werden, wenn ich dünner werde“, erzählt sie. Da ist sie elf Jahre alt und schon ziemlich einsam. Insgeheim wartet sie darauf, dass jemand ihr Zeichen sieht und reagiert. Sie hungert sich auf 30 Kilogramm runter, ist magersüchtig. Ihre Eltern glauben die Version der verschleppten Mandelentzündung.

Internationales Zeitgeistphänomen

Alexander Korte, Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universitätsklinik München, behandelt seit 2004 Jugendliche, die sich im falschen Körper fühlen. Die Zahl der Mädchen, die zu ihm kommen, ist achtmal so groß wie die der Jungen. Eine Ursache dafür könnte laut Korte sein, dass sich Mädchen in der Pubertät von den gesellschaftlichen Schönheits- und Schlankheitsideal überfordert fühlen. „Ein Teil dieser Mädchen sieht in dem Geschlechtsrollenwechsel einen vermeintlichen Ausweg“, hat Korte in einem Interview gesagt. Magersucht und Geschlechtsdisphorie sind für ihn „Bewältigungsversuche desselben Grundkonflikts“. Trans sein ordnet der Mediziner als internationales Zeitgeistphänomen und verweist in einem Interview mit der „taz“ auf Zahlen aus Schweden, wo die Diagnosezahlen bei 13- bis 17-jährigen Mädchen von 2008 bis 2018 um 1500 Prozent gestiegen seien. Sven Lehmann, der Queerbeauftragte der Bundesregierung, spricht sich dafür aus, dass Jugendliche ab 14 Jahren eine Personenstandsänderung beantragen können.

Was ist ein Mädchen?

Sabeths Geschichte hört sich wie der Beweis für Kortes These von der Suche nach einem Ausweg aus anders gelagerten Problemen an. Denn als sie dann auch noch merkt, dass sie sich von maskulinen Mädchen mit kurzen Haaren, ihrem Ebenbild also, anzogen fühlt, findet sie in ihrem Umfeld, in der Schule und in ihrer Heimatstadt Erlangen keine Rollenvorbilder dafür, wie ein Leben als lesbische Frau aussehen könnte. „Mir war klar, es wird ein totales Drama sein, wenn ich das öffentlich mache.“ Und so ist sie eben das burschikose Mädchen mit den kurzen Haaren, das seine Männerhemden im Secondhandladen oder bei H&M kauft und Rüschen und Rosa hasst – und das oft zu hören bekommt: „An dir ist ein Junge verloren gegangen.“ Aber auch das erspart ihr nicht, kaum dass ihre Brüste wachsen, dass ihr die Kerle durch den Park nachradeln und sie verfolgen, auch wenn sie noch so viele Umwege fährt. An Ermutigungen, ihr Leben jenseits klassischer weiblicher Rollenbilder zu leben, kann sie sich nicht erinnern. Nicht die Welt um sie herum ist falsch. Offenbar ist sie es, die nicht passt. So ihre Wahrnehmung.

Mit 16 geht sie zum Jugendamt und schaffte es, ins betreute Wohnen zu kommen. Nach der zehnten Klasse schmeißt sie die Schule, obwohl ihre Noten gut sind. „Vielleicht hätten sie schlechter sein sollen“, sagt sie heute rückblickend. Wer weiß, vielleicht hätte sie dann jemand beiseitegenommen und gefragt, was mit ihr los sei.

Der Transmann wird zum Role Model

Sie geht noch ein halbes Jahr auf die Waldorfschule, verliebt sich dort in die beste Freundin, ohne der ein Wort davon zu sagen, „weil ich Schiss hatte, dann wieder alleine dazustehen“. Immer wieder fährt sie nach Berlin, kommt dort in der Notübernachtung unter, hängt als Punkerin mit rotem Irokesenschnitt auf dem Alexanderplatz ab. Neue Schule, neue Stadt, Probleme gelöst? Der Plan geht nicht auf.

Aber noch immer ist der Gedanke an eine Geschlechtsumwandlung nicht in ihrem Kopf. Bis sie beim Trampen in Wien einen Transmann trifft. „Er war lesbisch“, sagt sie. War also wie sie eine lesbische Frau, die als Mann lebte. Sie beginnt darüber nachzudenken, ob das der Ausweg aus ihrem Problem sein. Der Transmann aus Wien wird so etwas wie ihr Role-Model. Sie sucht sich Selbsthilfegruppen in Berlin und holt sich „ihren wöchentlichen Input“. Ist wie in einer Blase. Das, was sie hört, bestätigt sie in ihrem Plan. Sie trifft dort auf Frauen mit kurzen Haaren. Frauen wie sie. Auch lesbisch. Sie bestärken einander.

Niemand erzählt von Problemen

An Silvester 2016 wird aus Sabeth Sabit. Seit zwei Jahren nimmt sie bereits Testosteron, das männliche Hormon. Ihre Stimme wird schon nach vier Monaten tiefer, im Gesicht wächst ihr ein Flaum. „Das nervte.“ Aber plötzlich spürte sie mehr Kraft in sich. „Als Kerl kannst du breitbeinig dasitzen, ohne dass jemand etwas sagt.“ Und die Haare an den Beinen stören niemanden mehr. Das Testosteron wirkte wie ein Antidepressivum, dämpft ihre Panikattacken.

In der Selbsthilfegruppe dreht sich viel um den nächsten Schritt im Geschlechtsangleichungsprozess. Wann lässt du deine Mastektomie machen? Nach zwei Jahren ist Sabeth so weit. Die Operation kommt ihr so logisch vor wie die Entfernung eines Weisheitszahnes. Sie bezahlt sie aus eigener Kasse, damit es schneller geht. Von den Schmerzen und Beschwerden danach war in den Selbsthilfegruppen nie die Rede. Erst als Sabeth in die Runde fragte, ob es noch jemandem so wie ihr gehe, erzählten auch die anderen von ihren Problemen. Aber ein großes Thema wird es nie. Ernüchterung setzt bei ihr ein. Ein Jahr nach der Operation setzt sie das Testosteron ab.

Nicht Mann sein, um männlich zu sein

Was ihr dann wirklich geholfen hat auf dem Weg zurück? Nicht die Gruppe. Sie liest ein Buch der amerikanischen Autorin Leslie Feinberg. Zum ersten Mal hört sie das Wort Butch, das eine männlich auftretende lesbische Frau beschreibt. Es klingt nach Befreiung. Sie fühlt sich verstanden. Auch darin, wie es ist, mit den Blicken der anderen zu leben, die einen mustern, um zu klären, welches Geschlecht das Mädchen in den Jungenkleidern wohl wirklich hat. In ihrer Pubertät hat sie das als extrem diskriminierend erlebt. Und lange hat ihr niemand diese Diskriminierungserfahrungen geglaubt. Jetzt weiß sie, dass sie nicht allein ist. Und die Lektüre sagt ihr, sie muss nicht Mann sein, um männlich aufzutreten. Das Buch ist alt. Es ist von 1993. Das Wissen war in der Welt.

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