Erstmal ist man skeptisch. Autismus auf einer Theaterbühne – droht da womöglich ein belastender, allzu ernster Abend? Um es vorwegzunehmen: nein, dreimal nein. Der US-amerikanische Autor Mark St. Germain wird mit seinem Zweipersonenstück „Die Tanzstunde“ aus dem Jahr 2014 dem Thema auf staunenswerte Weise gerecht und bringt das Publikum zugleich zum Lachen, und das dicht getaktet. Und man erlebt in dieser ernsten Komödie nie zuvor Gesehenes. Im Alten Schauspielhaus schaut man in einen tristen Raum in New York mit Bett, Hocker und einer traurigen Kaktee (Ausstattung: Ariane Scherpf). Dort hockt die Tänzerin Senga mit einem durch einen Unfall schwer beschädigten Knie und hat Angst um ihre berufliche Zukunft. Ever, Professor für Geowissenschaften, möchte bei Senga ein bisschen tanzen lernen, um sich bei der öffentlichen Verleihung eines Preises an ihn nicht zu blamieren.
Keine Erfahrung mit Sex
Heiko Ruprecht, in der ZDF-Serie „Der Bergdoktor“ der Bruder des Bergdoktors, spielt den Autisten Ever so eindrucksvoll wie amüsant. Muss einem Letzteres peinlich sein, denn immerhin ist Autismus ja eine psychische Störung? Dieses Stück zeigt Autismus nonchalant ohne Angst vor witzigen Pointen. Jener Ever bewegt sich mit eckig-verklemmter Körpersprache und sondert automatenhaft knochentrockene Aussagen ab: „Ich hab‘s nicht so mit Menschen, aber ich versuche, gesellig zu sein.“ Durch das Aufeinanderprallen von Evers nüchterner Gedankenwelt und Sengas Temperament entstehen die schönsten Pointen. Man erfährt von Ever aber auch einiges über Autisten, die sich zum Beispiel schwer tun, Beziehungen aufzubauen, und eine extrem empfindliche Sinneswahrnehmung haben. Er sei allerdings weder krank noch behindert, betont der Professor. Klara Pfeiffer als Senga ist die absolute Gegenfigur zu dem seltsamen Professor, direkt und vital. Hochspannend, wie sie ihn weichzuklopfen versucht, und irgendwann gelingt das auch. Körperkontakt mag Ever ausdrücklich nicht, Sex hatte er noch nie. Unerhört fesselnd ist dann die Szene, in der Senga den schrecklich körperfeindlichen Professor dazu zu bewegen versucht, ihr einfach nur die Hand zu geben. Die beiden kommen sich dann körperlich noch weiter näher. Das ist so spannend wie witzig und vor allem ziemlich schräg, denn hier agieren nicht zwei pubertierende Jugendliche, sondern ein eigenartiger Erwachsener ohne Sexerfahrungen und eine lockere Frau.
Gelungene Balance von Ernst und Witz
Autismus ist wohl nicht heilbar. Er wisse nicht, ob Menschen sich ändern könnten, meint Evel. Veränderung sei möglich und dazu brauche es unbedingt Mut, heißt es am Schluss des Stücks. Und das geht dann über die spezielle Problematik dieser Komödie noch hinaus, die Martin Schulze sehr klar und mit einem souveränen Gefühl für die Balance von Ernst und Witz inszeniert hat. Zu erleben ist im Alten Schauspielhaus ein fesselnder, vergnüglicher Theaterabend mit ganz besonderen Spannungsmomenten.
Weitere Aufführungen bis 9. März.