Die „Umdiedreißigjährigen“ Generation Aufbruch

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Jedes Jahr bewerben sich Tausende um Zeitungsvolontariate, obwohl der Journalismus angeblich dem Untergang geweiht ist. Typisch für die Berufsanfänger von heute: sie wollen eine Arbeit, die sie ausfüllt, nicht unbedingt eine, die sie bis zur Rente machen. Wer sind diese Umdiedreißigjährigen?

Hinten Trümmer, vorn die Zukunft: die Herausgeber der Stuttgarter Zeitung, Josef Eberle, und Erich Schairer mit Redakteuren und Gästen auf der Dachterrasse des Tagblattturms Foto: StZ
Hinten Trümmer, vorn die Zukunft: die Herausgeber der Stuttgarter Zeitung, Josef Eberle, und Erich Schairer mit Redakteuren und Gästen auf der Dachterrasse des Tagblattturms Foto: StZ

Stuttgart - Im digitalen Bildarchiv gibt es ein Foto, das ich durch Zufall entdeckt habe. Man sieht darauf eine Gruppe von Menschen vor der Kulisse einer Großstadt. Der Kleidung nach zu urteilen, wurde das Bild in den späten vierziger Jahren aufgenommen. Die Männer tragen Brillen und Anzüge, rauchen Zigaretten oder Zigarren. Die Frauen treten im Kostüm auf, halten Täschchen in den Händen, ihre Köpfe zieren schicke Hüte. Einige lachen. In der entsprechenden Bildbeschreibung im digitalen Archiv steht nur: „StZ-Gründungsphase im hellen Anzug links vorne Josef Eberle.“

Was ist das für eine wundervolle Fotografie? Diese kritischen und wachen Blicke, das Lachen und die Gelöstheit der Abgebildeten! Besonders beeindruckend ist natürlich die Dame im hellen Kostüm in der Bildmitte. „Da, schaut her,“ scheint sie zu sagen, „jetzt haben wir eine Zeitung! Warum auch nicht?“

Stuttgart hat eine Zeitung!

Das Schöne an diesem Bild ist die nur mäßig gelungene Professionalisierung einer Gruppenaufnahme. Das Paar neben der Frau im hellen Kostüm ist ins Gespräch vertieft, achtet nicht auf den Auslöser der Kamera, lacht gelöst. Der StZ-Gründungsherausgeber Josef Eberle raucht eine Zigarette, schaut an einen unbestimmten Punkt. Der Herr im Nadelstreifenanzug links könnte einen Schreibblock in der Hand halten, verschmitzt tüftelt er vielleicht schon an der Idee für seine erste große Enthüllungsgeschichte.

Die helle Dame in der Bildmitte lässt sich von diesen Nebenschauplätzen aber nicht beeindrucken. Sie ist fest davon überzeugt, dass dieser Moment für immer im Bild festgehalten werden muss. Stuttgart hat eine Zeitung! Im Hintergrund sieht man die Hausdächer der Stadt, darunter auch noch der alte Rathausturm. Über allem scheinen diejenigen zu wachen, die künftig ihrer Stadt ein Forum geben wollen. Von der Höhe bis ins Tal. Und das in der unmittelbaren Nachkriegszeit, im Hunger, in einer Zeit, in der niemand wusste, wie es weitergeht, in einer Zeit, in der die meisten andere Sorgen hatten, als irgendetwas in eine Schreibmaschine zu hämmern.

Diese Aufnahme hängt seit einiger Zeit über meinem Schreibtisch. Ich habe sie auch einmal bei einem Vortrag gezeigt, den ich auf Nachfrage von einigen Lehrern an einer Schule gehalten habe. Dabei wurde ich von Eltern und Schülern, wie schon so oft, gefragt, warum ich in der heutigen Zeit noch Journalistin werden wolle, und wer in den Zeiten des Internets noch Zeitungen kaufen solle, ob man sich künftig guten Journalismus überhaupt noch leisten könne.

Natürlich, die Zeitungen schreiben ja seit Jahren selbst erregt bis lustvoll über ihren eigenen Untergang. Darüber muss ich mich immer wieder wundern. Wie sollen denn andere etwas, das man macht, gut finden, wenn man offenbar nicht einmal selbst davon überzeugt ist?