„Die vier Jahreszeiten“ von Guido Markowitz Pforzheim tanzt auf Ruinen

Von Andrea Kachelrieß 

Sommer im Herbst? Nicht nur der Klimawandel, auch Guido Markowitz macht es mit seinem neuen Tanzstück „Die vier Jahreszeiten“ in Pforzheim möglich.

Luftsprünge im Frühling: Szene aus „Die vier Jahreszeiten“ von Guido Markowitz mit dem Tänzer Yannis Brissot Foto: TH Pforzheim/Andrea D’Aquino 12 Bilder
Luftsprünge im Frühling: Szene aus „Die vier Jahreszeiten“ von Guido Markowitz mit dem Tänzer Yannis Brissot Foto: TH Pforzheim/Andrea D’Aquino

Pforzheim - Vivaldis „Vier Jahreszeiten“? Es gibt wohl kaum ein Musikstück, das so bekannt ist. Und auch auf den Tanzbühnen wurde es so oft umgesetzt, dass zu diesem Kreislauf von Werden und Vergehen alles gesagt scheint. Wirklich alles? In Pforzheim hat am Samstag Guido Markowitz, der Ballettdirektor und Chefchoreograf des Stadttheaters, seine Sicht auf „Die vier Jahreszeiten“ hinzugefügt. Und dass sich das Publikum im Großen Haus nach 80 Minuten spontan von den Plätzen erhebt und den 14 Tänzern sowie den Musikern der Badischen Philharmonie Pforzheim zujubelt, hat nicht nur mit Max Richters kraftvoller Neukomposition von Vivaldis Ohrwurm-Parade zu tun, zu der hier getanzt wurde.

So modern wie der britisch-deutsche Komponist in „The Four Seasons Recomposed“ den barocken Musikschmelz eindampft und mit elektronischen Klanglandschaften konfrontiert, so konsequent denkt Guido Markowitz den von Richter eingeschlagenen Weg weiter. In den Zeiten des Klimawandels scheint es nur logisch, die musikalischen Jahreszeit-Patterns ein bisschen durcheinanderzuwirbeln, im Herbst den Sommer anklingen zu lassen, neue, düstere Soundscapes einzufügen.

Düstere Nachrichtenbilder

Schließlich geht es Markowitz darum, die Geschichte vom Kreislauf der Natur aus einer neuen Perspektive zu erzählen: Die handelt von nicht vergehender menschlicher Dummheit und beginnt zwangsläufig als Dystopie. Bilder wie aus den Fernsehnachrichten eröffnen den Abend, im Flug geht es über eine zerstörte Stadtlandschaft, unter uns ein scheinbar endloses Meer an Hochhausruinen.

Die Tänzer, die diese finstere Projektion betreten, sind die letzten Menschen – und auch die ersten in einer neuen Zeit. Schwarz sind ihre Kleider, der dunkle Staub der Katastrophe zeichnet ihr Gesicht, lautes Atmen, Zucken, Fallen, Aufbäumen den Tanz. Jede Bewegung, Begegnung, Berührung scheint ein Reflex des vergangenen Leids. Die Bühne ist fast zu klein für die Energie dieser Überlebenden. So hoffnungsvoll und anrührend wie in dieser Ouvertüre wird das Jahr vor uns nicht mehr werden.

Der Frühling bringt dann eine neue Generation von Menschen, farbenfroh gekleidet tanzen sie vor Projektionen, die wie frisch sprießend Blätter wirken. Philipp Contag-Lada hat sie mit Fraktalen am Computer gestaltet. Ein Paar findet sich, fast akrobatisch ist sein Tanz mit verschlungenen Hebungen, kühnem Herabstürzen. Im Vergleich dazu wirken die Gruppenszenen dahinter in ihrer simplen Aufgereihtheit flach.

Aus der Gießkanne kommt nur Staub

Doch immer wieder gelingen Markowitz, der auch dieses Tanzstück dank der Bundesinitiative „Tanzland“ nach Metzingen exportieren wird, sehr sprechende Momente: Wenn eine Gruppe von Tänzern mit fratzenhafter Mimik und grotesken Gesten versucht, eine unverständliche Botschaft über den Orchestergraben zu schicken, wenn aus den Gießkannen für die erste Dusche nur schwarzen Staub rieselt, wenn plötzlich lautes Gezanke die Musik übertönt. Dann würde sicher so mancher aus dem Publikum gern dazwischenfahren, um der Solo-Geigerin Maria Gawrilenko endlich wieder Gehör zu verschaffen. Sie steht exponiert auf der rechten Vorbühne, sodass man dem flirrenden Frühlingsklang beim Entstehen zusehen kann.

Der Sommer bringt Kostüme in der Farbe ausgedörrter Erde, im Herbst ragen die Balken, mit denen zuvor ein Haus gebaut wurde, als kahle Bäume auf. Sie sind wie vieles in Markowitz‘ Jahreszeiten auch Mahnmal. Denn der Winter, der mit glitzernden Hosen und weißen Schneeflocken strahlt, schickt auch den Tod. Ein mit Spiegelstücken verzierter Helm nimmt ihm und seinem Tanz das Bedrohliche, doch sein Hauch lässt alle niedersinken. Jeder, der die jüngsten Nachrichten präsent hat, hört im Frühling, den Markowitz noch einmal in einem Waldstück erwachen lässt, bereits den Winter knacken: Auch diese ersten Menschen werden schon bald wieder die letzten sein. Und so entlässt dieses Tanzstück sein Publikum mit schönen, aber sehr nachdenklichen Eindrücken in eine lange Winternacht.

Termin Am 6., 9. und 14. Februar sowie weitere Vorstellungen bis zum 7. Juni